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Full text of "Bürgerrecht und Bürgertugend Volksbuch des Staatswesens für das Königreich Preussen"

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Bürgerrecht 
und 



Bürgertugend 




Friedrich 
Marcinowski, Emi 
Frommel 



HARVARD LAW LIBRARY 



Received <£>o£ . /?Z 7 



33 u i <j e r tilgend 

ülorciiiütüöki L>, (Emil Jromnicl. 



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PO, 



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ßnrgerred)t uitb fifitgettttgett^ 



für ba£ 

töuigrcid) ^ßrcitgcn 



bearbeitet üon 0-2 



SWorcmotoSfi, unb D. (Smil grommcl, 



2. 9(u?laa,c 



33 e r 1 1 n. 

£rucf unb Verlag üou C^cova, Mehner. 

1896. 



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OCT 2 0 1927 

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$ ort» ort 



3)ie in weiten Greifen l)errfd)enbe Uujufriebenheit mit 
ben beftehenben Suftdnben Idfct ftcf) gum nid)t geringen 3:i)eile 
auf baö fehlenbe SBerftdnbnife für bic ©runblageu eines gc= 
funben <§taat£leben£, auf ben föücfgang be£ ©emeinfumS, auf 
ben Langel beö SSeroufctfeinS ber 3u|ammengehörigfeit unb 
auf bie Srägljeit in gemeinnützigem (Streben jurfldfü^ten. 
SDtefe (Srfdjeinung üerbient um fo ernftere 23ead)tung, al<S 
ein georbneteS StaatSroefett nur befielen unb ftd) ju er* 
fprtefelicfjer ©eftaltung entwicfeln fann, wenn ftdj afle Staat** 
bürger mit üoflem 23erftdnbni6 ber irrten im (StaatSoerbanbe 
^ufaHenben Aufgaben mit aufrichtiger Eingebung für ba§ 
gemeine SÖefte $u gemeiufamem SBirfen feft an einanber 
fd)liefeen. £)er (Semeinftnn fteUt an bie (Staatsbürger ben 
Slnfprud) felbftlofer, über bie ©renken ber eigenen 3>nter* 
cffen hinau3reid)enber, auf weitere Siele gerichteter üEhätig* 
feit. @§ tfjut ba^er SRot^, in ben (Staatsbürgern biefeS 23e= 
wu&tfein gu werfen unb erhalten. Sßenn bem ©emein« 
finn, ber 2ttenfd)enliebe überall eine bleibenbe 
statte bereitet wirb, bürfen wir uns ber juuer{id)t = 
liefen Hoffnung Eingeben, ba£ bann auch ber griebe 
unb bie 3ufriebenheit wieber (Sinfehr h al * en un & 
fich bauernb befeftigen werben. 

©iefem ©runbgebanfen entfpredjenb hat fid) ba£ $olf3= 
buch beS 6taat§wefenS bie Aufgabe gefteüt, bie preu|ifd)«i 



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IV 



SBoriüort. 



Staatsbürger über bie Onmbfojjcn eines georbnetcn Staats* 
mejenS aufklären, ftc inöbefonbere über ben 3 l ^ a ^ bcr 
SSerfaffung beS preufcifdjen Staates unb beS beutfdjen SfteidjS 
gii belehren, unb ifynen aud) biejenigen £ugenbeu Dor bie 
2lugen £ii führen, meiere fte jid) aneignen unb in Uebung 
erhalten inüffen, um ftc^ nad) i()rer $raft unb iljren $äf)ig= 
feiten bem StaatSroefen nüfcUd) 511 erroeifen. 2Rit bem 
33ürgerved)t ftef)t bie Söürgertugenb, bie 33ett)ätigung beS 
23ürgerfinnS in innigftem ßufammenfjange. @S burfte bafyer 
bei ber Erörterung beS Bürgerrechts ber £intx>eiS auf bie 
Sürgertugenben nid)t fehlen. 

3m erften Steile werben nad) einer einleitenben 93e* 
fpred)ung ber ©runbfäfce StaatSlebenS bie StaatSgrunb* 
gefe^e nad) ifyrem Jnfyalt unb iljrer 93ebeutung in engftem $n= 
feftlufe an ben Wortlaut ber $reufeiid)en Scrfaffung erörtert, 
hieran fnüpft fid) eine (urje 2>arftcllnng ber ftaatlidjen Ein« 
rid)tungen. 3>n gleid)er 2ßeije t ft bie aSerfaffung unb 33ertx>at= 
tung beS 3)eutfd)en $eid)S bemäntelt, unb flnb tyierbei bie roid)^ 
tigeren ©ebiete ber SfteidjSgefekgcbung (®eroerbered)t, ©erid)tS= 
üerfaffung, 9fetd)Sl)anbelS= unb $eid)Sftrafred)t), fo weit als 
bie Äeiwtnife ifjreS 3"^lt§ im Jntereffe ber allgemeinen polU 
tijc^en 33ilbung erforberlid) ift, bejonberS in 23etrad)t gebogen. 

2)er jrocite SL^eil ift einer furzen Sefpredjung ber 93ür= 
gertugenben gcroibmet. SuSbefonbere futb biejenigen Bürger* 
.tugenben jur Erörterung gebogen, für meld)e fid) in ber 23c= 
fonberfjeit beS beutfdjen BolfSdjarafterS ber günftigfte 9Ml)r* 
boben finbet. 

3n ber <Darfte(lung unb in ben 2luSfüf)rungen ift ber 
Stanbpunft ber ^ßarteilofigfeit ftreng feftgeljalten. ES finb 
nur biejenigen ®runbfäfoe jur ©eltung gebrad)t, 
aeld)e jeber waljre BaterlanbSfreunb rücffjaltSloS 
öU ben feinigen madjen fann unb muß. 



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©ortuort 



v 



S)er ©ebanfe ber SBorbilbuug für baS bürgerlidje ßeben 
ift nid)t neu. (Sr ift bereits früfjer roiffenfdjaftlid) erörtert, 
rjat aud) in toerfd)iebenen aufeerbeutfdjen Staaten feit ge- 
raumer Seit SBurjel gefaxt unb bort praftifdje ©eltung er* 
langt, gür £)eutfd)lanb l>at in neuerer 3^* ^rofeffor Dr. 
Sd)tnibt=2öarne(f in feinem Söerfe über bie 9ßoirjtr;enbigfeit 
einer fo$ialpolitifd)en ^orbilbung (£eip$ig 1882) auf biefeS 33il= 
bungSmittel rjingeroiefen. dx f üt>rt jutreffenb aus, bafc ftd) in 
^erfaffuugSftaaten baS politifdje Urteil nidjt auf bie 3Regie= 
rungSfreife ober bie fjöfjeren Stäube befd)ränfen bürfe, bie 
politifd)e UrteilSfäljtgfeit beS SBolfeS otelmerjr im ©efammt* 
intereffe beS Staates inSbefonbere jum S3ef)uf vernünftige^ 
ren ©ebraud)S beS 2Bar)lredt)t§ oeraflgcmeinert roerben muffe. 
3)aS $olf fei jur polittfdjcn Steife $u ergießen, auf ftttlid) 
reife felbftdubige Ueber^eugung ber (Smjelnen auf beut 
23oben gemetufamer ©runbfä^e Einzuarbeiten. SnSbefonbre 
muffe burd) SBort unb Sdjrift barauf rjingeroirft roerben, 
baf$ baS $olf über ben richtigen Söegriff beS $er= 
faffungSftaateS aufgeflärt roirb, bafe eine fefte unb 
fixere Unterlage für ben Sdjroerpunft beffelben gc* 
Wonnen roirb. ^rofeffor Dr. Sd)tnoller f)at in SSer- 
anlaffung ber 23efpred)ung beS gebad)ten SBevfS gleichfalls 
bie 2Bid)tigfeit einer berartigen SSorbilbung mit großem 
SRadjbrud betont, $ad) fetner Auffaffuug f)ängt bie 
Sufunft unfrei $aterlanbeS baoon ab, ob eine 
t)ör)er e politifd)e (Sraierjung beS 23olfeS erreicht roirb. 
3n gleidjem Sinne r)at fid) and) ^rofeffor Dr. gering 
in feinem Sßerfe „3roecf im Oied)t" auSgefprod)en. (Sr rjält 
bie Ausarbeitung eines jebem Staatsbürger oerftänblid)en 
3fted)tSbud)S für nottyroenbig , um ben HRännern beS SBolfeS 
eS öor bie Augen $u führen, roaS Staat unb 9Red)t für fie 
trjun, unb roarum biefe im SBefentlidjen uid)t anberS be= 



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VI 



Vorwort. 



fcfyaffen fein fönncn al<§ fte e3 ftnb. ©d)mibt=2Barnecf 
»erlangt oon bem SolfSbud), baf$ e§ bem fiehrer einen 
ftdjern Seitfaben für bcn Unterricht biete, unb gleichzeitig 
bem git Unterrid)teuben in leidjt fafelicfjer fnapper gorm bie 
ttjefentlidjen ®mnbfd^e be3 3^ed)töleben§ unb bie SSiffenfdjaft 
fo tt)ie bie SBebeutung ber @taat<§einri<htungen oeranfchau* 
liehe. (53 foU überhaupt für 2We, tt>eld)e ba3 93ebürfni& 
empfinben, ft<h über ihre ftaatöbürgerlichen SRedjte unb 
Pflichten aufouflären unb $u unterrichten, ein £anb= unb 
Sehrbuch fein.*) Siefen ©ebanfen tyat auch ba§ ttorltegenbe 
SSolföbuch jur £ftid)tfchnur genommen. (SS füll bie unum= 
ftö&lid) richtigen, öon allen im ©taatsintereffe tt)d- 
tigen polittfdjen Parteien anjuerfennenben ©runb= 
fä^e be§ oerfaffung§mäfcigen @taat§leben§ jum 
©emeingut be£ 33olfe§ machen, unb fie auf biefent 
Bege im Sinne gleichmäßiger £)urd)bilbung be§ 
SSol!e§ $ur ©eltung bringen. £)en bereit thätigen 
unb ben merbenben Staatebürgern foU baSjenige TOaafc be§ 
SBiffenS unb biejentge 2eben3anfchauung auf ben £eben£toeg 
mitgegeben werben, welche fte befähigen, bie Vorgänge im 
©taatSleben mit rid)tigem $erftänbnif$ unb felbftänbiger 
fixerer Sluffaffung ju beurteilen, unb ihre £anblungen fo 
einzurichten, bafe fie ber ihnen im ©taatsleben gefteUten 2luf= 
gäbe in benutzter 23et()ätigung gefunben SBürgerftnnS mit 
beftem (Erfolge für bie gebeiljüche (Sntwicfelung unb 33er* 
nnrflichung beS 6taat3gebanfen§ ©enüge leiften fönnen. 

Berlin im gebruar 1895. 

£>ie Serfaffer. 



*) SBgl. and) bie 2tbhanbtiing Don 9)iarctnon)öfi „$ie <Sd)ule als 
foaialpolittfd)e>3 ^teljitiiöömittel" int bentfdjen SBodjenbt. 1890 9ir.31. 



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Vorwort 

Sur smeitett äuflagc. 



<Die günftige Äufnaljme, toeldfye ba§ 33olfSbudj in allen 
Sd)id)ten ber Seüölferung gefunben l)at, bie ßrfenntnife 
ber 2)?ögltd)feit, burd) baffelbe aufflärenb unb beffernb auf 
ba§ ©taatöleben einjuroirfen, Ijat bemfelben in fur$er Qzit 
eine toeite SBerbreituug üerfdjafft. ($3 ift bafyer ju hoffen, 
bafc feine S^^beftimmung, roonad) nid)t allein ©efe^e§= 
funbe unb Äenntnife ber StaatSüerfaffung unb ber Staats* 
einricfytungen in toettere Greife getragen, fonbern Dor Willem 
ba£ richtige 33erftänbnifj für baS (StaatSmef en, für 
bie Stufgaben ber (Staatsbürger unb für ifyre <Stel= 
lung jur (StaatSgemeinfdjaft unb 6taat3tt)oJ)lfal)rt 
$ur ©eltnng gebracht werben foti, erreicht merben nrirb. 
Sie ^ftftedung beS (StanbpunfteS, roeldjen bie (Staatsbürger 
in einem OJhtfterftaate einzunehmen, bie Darlegung ber 
©runbfäjje, nad) benen fxe tt)re ^anblungen einzurichten 
^aben, toirb ft^erlid) aud) geeignet fein, ftaatSfeinb = 
liefen Slnfd)auungen unb Söeftrebuu gen ben 23o = 
ben gu entstehen, irrige Staftdjten $u üerbeffern, unb 



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VIII <öonuort aur jtueiteit Auflage. 



bcm fcrjäblidrjen ßtnflufe ungefunben $arteitt)efen§ toirffam 
gu begegnen. Dem t>ielfad) im 3ntereffe ber (5rleid)te= 
rung ber Verbreitung auSgefprodjenem 3Bunfd)c einer £er- 
abfe^ung be§ ^reifes ift bte 23erlag§bud)f)anblung in golge 
ber 33ereinfad)ung ber äufiftuttunfl be$ 33ud)e§ bereitnnfligft 
nadjgefommen. 

«Berlin, im Sanuar 1896. 

Die SSerfaffer. 



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«Seite 

(Srfter Zfye'xl. 23ürgerred)t 1 

(Einleitung. 2)a3 (Staatöioefen im SlUgemetnen, beffen S3c- 
grünbung, (Sntroicfelung uiib (Srfjaltnng. 2)ie Heimat , baä 

33aterlanb 3 

2)er Sßreufetf c^e (Staat. I. 5)ie (StaatSöerfaffung. 
3)er 33erfaffung3ftaat, beffen Segriff unb SBebeutung. 5)ie fon« 

ftitutionefle 2Dfc)nard)te 17 

A. 2)a3 (Staatsgebiet 19 

B. 2)ie DerfaffungSmäjjigen ©runbredjte ber Sßreufcen .... 19 

1. ©Ieid)f)eit üor bem ©efefc 21 

2. ©eroät)rteiftung ber perfänlid)en ^reifyeit 21 

3. gteifyett beS religiöfen SefenntniffeS 25 

4. greifjeit ber SBiffenfdjaft unb Setyre 26 

5. 9tecf)t ber freien 28itlen3äu&erung 26 

6. 9Red)t ber freien 33erfammlung unb ^Bereinigung ... 27 

7. (Sdjufc beS (5igentf)itm3. iBebeutung beS gefonberten 
(Eigentums für ba<3 ©taateroefen 29 

C. S)er ßönig 33 

D. 2)er Sanbtag. 3"fammenfe^ung beffelben. SRedjte unb 
Jßfli^ten ber 2öäf)ler unb ber Slbgeorbneten 36 

E. 2)te rid)tcrlidt)e ©eroalt 42 

F. Sie ©elbnurtfiföaft beS (Staats. £au§t)attungSptan. 
Steuern unb Abgaben. SftetfjnungSroefen 43 

G. StuSnaljmebeftimmungen 46 

»üröerredjt unb »ütßertugenb. 2. «ufl. * 



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X 



Seite 

II. 2>ie ©taatSuerroaltung 48 

A. Sie Staatsbeamten, bereit Siebte unb gJflidjten .... 48 

B. Sie 33et)5rben. Gentrai', Sßromnaial*, ©e^irf^, ftxdä* unb 
©emeinbebel)örben 52 

S a 3 S e u t f d) e 91 e i d). Einleitung, ©eftaltung beffelben 60 

A. Sie SieidjSgeroalt. Ser beutfd)e Äaifer, ber 23unbe<Sratf), 

ber 9ieid)3tag 63 

B. Sie SfeidjSoernmUiing. Ser 3teid)3fan3ler. Sie 9leid)3« 
amter 66 

C. Sie ©erid)t3barfeit 68 

D. Sie 9fteidj«3gefe^gebimg 71 

I. Sie 9ieid)3gemerbeorbmmg. Ser 2lrbeiterfd)ui^. Sie 
©eroerbegerid)te. Ser SBerfeljr mit 9fal)rung3mitteln 
u.f.m. Ser ©ebraud) uan ©prengftoffen. Sie9fteid)&> 
berfid)erung§gefe^e. Ser Sdjufc geiftiger Arbeit . . 71 

II. Sa3 beutfdje £anbelöred)t. Sie Slftiengeiellfdjaften. 
Sie ©enoffenfdjaften 79 

III. Sa3 5Heid)öftrafred)t. 23ebeutung be3 StrafredjtS im 
Allgemeinen. Sa3 beutle ©trafgefetjbud) .... 82 

A. Jpanblungen, burd) roeldje baö 23eftef)en be3 ©taa« 

teö, begm. ber ©taatSorbuung gefäljrbet roerben . 84 

B. $anbtungen, burd) meldje bie einzelnen (Staats* 
bürger in iljren ©runbredjten be^ro. l'ebenSgütern 
betroffen werben. (Singriffe auf baS ßeben, bie 
©efimbljeit, bie greiljeit unb bie Sljre, Eingriffe 

in baS Eigentum.) 90 

C. Uebertretungen 93 

ßmeiter S)ett Sürgertugenb 95 

1. ©otteöfurdjt 97 

2. ßöntgStreue 102 

3. SBaterlanböliebe 106 

4. ©emeinfinn unb ©arge für baö ©emeiumoljl 109 

5. SKenfdjenliebe unb *Sofjltf)atigfeit 114 

6. Sreue 119 

7. *Reblid)feit 124 

8. ©ute (Sitte 126 



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ßfirgertedjt 



Sürgerre^t unb «ürcjertugcnfc. 2. »lufl. 



1 



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(BtttUthtng. 



5)a3 @taat£toefen im Allgemeinen, 
beffen 23egrünbung, (Snttoicfelung unb (Spaltung. 

2Bo fid) ba§ Sufammenleben öon 3Renfd)cn über bie <ya= 
miliengemeinfd)aft fyinauS au<§bef)nt, muft eine fefte bauerube 
SBerbinbung gefdjaffen »erben, um ben frieblid)en unb ge* 
betfjltdjen SSerfefyr in biefem größeren Greife px ermöglidjen. 
2)iefer $md ift nur baburdj gu meinen, bafe bie 2ftitgUe* 
ber biejer ©emeinfdjaft ba§ au^f(t)lie6li<f)e ©treben nad) 
eigener 3Bol)lfaf)rt fomeit einfdjränfen, bafe fte, ofyne in 2Btber= 
ftreit mit ben übrigen (Seitoffen ju geraden, neben einanber 
unb mit einanber beftefyen fonnen. £Diefe 23efd)rdnfung ber 
eigenen greifjeit toirb baburd) auSgeglidjen, bafj bie SBe- 
Raffung ber SebenSbebürfmffe erleichtert wirb, unb bie oer= 
einigten ©enoffen beffer unb mirffamer im ©tanbe ftnb, jebe 
@emalttl)ättgfeit, mag biefelbe non aufeen- fommen ober in* 
nerfjalb be§ $reife$ tjeroortretcn, abgutoefyren. 3Mefe unter 
ben SWenfd^en $um gegenfeitigen Pütjen unb jur gegenfeiti* 
gen SSert^etbigung unb Regelung ber 3fted)te Mer gebilbete 
Bereinigung ift ber „6taat". 5)ie ©lieber beffelben nen- 
nen ftdj ^Bürger, bie ©efammtfyeit berfelben bilbet ba§ 

<Staat3mefen, ba§ Bolf. Saburd), bafe jeber Bürger etroaS 

l* 



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4 



©rfter 3$eiL 



Don feinen 3Red)ten, einen 5T^etl feiner SRac^t beux Staate 
abgtebt, erhält biefer eine nachbrücf liehe 9ftad)t, bie offene 
Ud)e bemalt, bie Staatsgewalt. Die toid)tigften Auf* 
gaben ber Staatsgewalt beftefjen barin 

1) ben Staat gegen feine änderen Jeinbe fernen 
ODUlitärmacht), 

2) jeben Staatsbürger gegen bie Uebergriffe nnb 2luS= 
fcrjrettungen feiner Mitbürger, mögen biefeiben gegen 
feine $erfon ober baS (Stgentijnm gerietet fein, 511 
üert^eibigen (Rechtspflege, Strafgemalt unb $oli$ei= 
gemalt), 

3) für bie 2öof)lfahrt ber Staatsbürger $u forgen, ihr 
leibliches, geiftigeS unb ratrthfchaftlicheS 2Bol)l be* 
grünben, §u erhalten unb ju förbern (Sorge für ben 
Unterricht, bie Söiffenfchaft, bie Äunft, bie Sinnen* 
unb ©efunbheitspflege , Sd)ufc ber Arbeit, beS ©e= 
merbeS, beS £anbels, beS SkrfefjrS u. f. w.). 

3)ie Staatsgewalt mirb ausgeübt burd) bie Staats* 
regierung, welche ftd) jur Ausführung ber StaatSawecfe 
ihrer Drgane, ber Beamten, bebten:. Sie ift ba$u be* 
rufen, bie ©efelifchaft gegen bie äußeren g-einbe unb bie 
geinbe ber ©efeflfcrjaftSorbnung gu fchüfcen, unb im Staats* 
leben eine Drbnung her^ufteüen unb ju erhalten, roelche ben 
grieben, bie freie Srjätigfeit, bie 2ld)tung oor allen fechten 
unb bie 2Bohlfal)rt aller Staatsangehörigen begrünbet unb 
aufrecht erhält. <DaS geregelte Staatsleben befteht 
in ber Bereinigung ber Drbnung mit ber Freiheit. 
($S geht baoon aus, bafc jeber Bürger feinen Mitbürgern 
biefeiben fechte unb Bor^üge einräumt, welche er für fid) 
in Anfprud) nimmt. Die wahre Freiheit liegt eben 
in ber «Befreiung öon ber SBillfür. Die SBillfür 
mirb aber baburd) auSgefd)loffen, bafc fid) bie 



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^Bürgerrecht. 



(Staatsbürger bem ©efefc unterwerfen, bie Freiheit 
ihrer Mitbürger achten, bie burd) baS ©ef ge* 
regelten 9ted)te berfelben mürbigen. 9hnr unter biefer 
SorauSfejjung ift bie 2ftöglid)fett ungeftörter ©ntroicfelung 
ber $äl)igfeiten unb Gräfte beS einzelnen Bürgers gejidjert. 
2BaS mir für uns tierlangen, muffen mir aud) bereit fein, 
unfern Mitbürgern ^ujugefte^en. SDte Ausübung unferer 
3fted)te mufj beShalb burd) biejenigen Sd)ranfen begrenzt mer= 
ben, meld)e benen, mit meldten mir im StaatSDerbanbe jufam= 
menleben, ben ©enufe iftrer 3fted)te nxdjt Derfümmert, fonbern 
ihnen bie erforberlidje greiljeit ber Ausübung möglich madjt. 
3)ie mafjre Freiheit befteljt nic^t in ber Sd)mäd)ung 
ber StaatSgemalt ju ©unften ber 9fted)te ber (Sin* 
jelnen fonbern in ber Stärfung beS S>taatS burd) 
hingebenbe Mitarbeit beS SBolfS an ben Stufgaben 
beS ©emeinmefenS. Alle Staatsangehörigen ftnb W\t- 
gtieber einer großen gamilie. Jebem müffen beSfjalb bie 
Angelegenheiten beS Staats ebenfo am ^erjen liegen mie 
feine eigenen. 2Bie in ber 3'cumlie pd) jebeS Sflitglieb beffen 
bcmufet fein mufc, bafc baS 23eftehen unb ©ebenen biefer 
©emeinfdjaft baöon abfangt, bafc ftd) 3eber nad) Gräften 
beftrebt, Alles $u tljun, maS nid)t tljm allein unb auSfchliefc 
lieh fonbern aUen ©liebem ber gamilie gemeinfam öon 
Olu^en ift, fo ift aud) ein georbneteS unb gebeiI)lid)eS <StaatS= 
mefen nur bann möglidj, menn alle «Staatsbürger eS als 
ihre heilige $flid)t erfennen, ben Staat in ber Ausführung 
feiner gmäc mit üoller ^raft ju unterftü^en. gür bie 
gortbauer unb meitere (Sntmicfelung beS Staats ift es notf)= 
menbige SSebingung, bafe jebeS 2flitglieb biefer ©emeinfä)aft 
baS Staatsleben burd) feine Sbätigfeit förbert, ftd) als 
lebenbiges ©lieb beS StaatSförperS fühlt unb betätigt. Bie 
ber menfchlid)e Körper fid) nur bann mol)l fühlt unb gefunb 



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6 



Grfter Sljeil. 



bleibt, wenn feine ©lieber imb Drgane unauSgefe^t in rid)= 
tigen ©ebraud) genommen unb in Sljätigfeit erhalten mer= 
ben, fo ift aud) bie ©efunbfjeit beS StaatSlebenS oon ber 
Stü&rtgfeit unb £f)ätigfeit feiner «Bürger abhängig. 2Bie 
ber menfd)lid)e Körper bal)infied)t, wenn titelt alle ©lieber 
unb Drgane iljre $flid)t tfyun, fo gerätf) aud) baS (Staate 
leben in Stocfung, ttenn titelt alle Bürger an bem ©erneut* 
ttefen nad) Gräften mitarbeiten. 3ebem Staatsbürger fällt 
Ijier bie gleidje Aufgabe $u. (5r barf babei nid)t fragen, ob 
baS, roaS er tljut, ifjm befonbern SSortljeil bringt, fonbern 
mufs fid) lebiglid) öon bem Semufetfein leiten laffen, baft 
feine SSIjätigfeit bem großen ©an^en §u ftatten fommt. 2) er 
$itt, melier ben (Staat feft §ufammenf)ält, ift ber 
©emeinfinn. derjenige (Staat wirb beSfjalb ber befte unb 
glücflid)fte fein, in tüeldjem bie Staatsbürger biefen Sinn 
pflegen unb üben, nidjt nur an ifjren befonberen SSort^eit 
benfen, fonbern itjre ^anblungen fo einrichten, bafj fie aud) 
i^ren Mitbürgern, in beren Bereinigung fte leben, $11 gute 
fommen. %m Staate muß fi$ ein Seber bie Sugenb ber 
Selbftlojtgfeit ju eigen machen, benn biefe ift bie ©runblage 
ber Unterorbnung. (§S giebt feine gretfyeit im Seben 
oljne Unterorbnung unb ofyne Selbftlofigfeit. 3m 
StaatSroefen ift jtoar burd) bie jur SSermaltung beS Staats 
getroffenen (Sinridjtungen eine gewiffe Sln^a^l Don Staats* 
bürgern befouberS ba^u berufen, beftimmte Arbeiten §u über* 
nehmen, welche baS StaatSmofyl begrünben unb fprbem fofc 
len. (SS finb biefeS bie Beamten beS Staats, ber ©emeinbe, 
ber $ird)e, ber Schule, ferner bie 2öef)rpftid)tigen, toeldjen« 
ber Schüfe beS Staates gegen geinbeSgetoalt obliegt. £)ie 
übrigen Staatsbürger bürfen beSfyalb aber md)t bie £änbe 
in ben Sd)oofc legen unb nur an iljr eigenes 2Bof)l unb baS 
ifjrer Angehörigen benfen. $ud) fie haben ihre £anblungen 



^Bürgerrecht. 



fo einzurichten, ba& fle gur Stärfung unb Kräftigung beö 
StaatSroefenS beitragen. Skr ftaatliche Sufammenhang fattn 
nur befielen unb ftd^ $u einer fegen£rei<hen Bereinigung ber 
Staatsangehörigen geftalten, wenn biefe färnrntlid) beffen 
eingeben! ftnb, bafc fte neben bem eigenen 2öol)l aud) baS 
ihrer Mitbürger ju berüd:ftd)tigen fyaben. Seber mufc ftd) 
nad) fetner SebenSfteflung, nach feiner Befähigung im Staate 
nüfcltdj machen. 9liemanb barf ftd) biefer $fltd)t in beut 
©ebanfen entgehen, bafc bie StaatSregterung auch <>h ne feine 
Seiplfe für baS Staatswohl forgen »erbe. Seber mufe 
ernftltd) beftrebt fein, ftd) um ben Staat, bem er feine 
@^iften§ unb Söohlfafjrt fcfjulbet, oerbient ju machen, ftd) 
i^m baburd) für biefen Sd)u£ banfbar gu ertoeifen. So 
fann betfpielSweife ber Kaufmann baburd) ba& er ftd) be* 
müht, ben (Sr^eugniffen beS 2lcferbauS, beS £anbmerfs, ber 
gabrifen einen oortheühaften 2lbfa& gu oerfchaffen, bem 
Sieferbau, ber 2anbtoirthfd)aft, bem ©emerbe unb bamit ben 
bürgern, welche hierauf ihren (Srmerb, bie Littel $ur 33e= 
ftreitmtg ihrer SebenSbebürfntffe erlangen, großen ÜJhtfcen 
fdjaffen. @r §at betoon felbft ben Bortheil, baf$ ftd) auch 
feine (Sinnahmen mehren, bafc auch f^n SBohlftanb unb ba* 
mit bie SebenSlage berjenigen, meldte Don ihm abhängen, 
§u ihm gehören, für bereu SBoljl er §u forgen hat, geförbert 
wirb. (Sr mufe aber feinen Bortheil mit bem fetner TO* 
bürger in richtige^ Berhältmfs bringen. 3ft & nur barauf 
bebaut, für ftd), für fein ©efdjäft ohne SRücfftcht auf feine 
ÜJMtbürger aus bem oon ihm betriebenen Raubet einen mög= 
lidjft hohen Dtufcen gu jiehen, fud)t er biejenigen, oon betten 
er bie Baaren begeht, gum Berfauf berfelben ju unterhält* 
nifemäfiig geringem greife ju nötigen, macht er ütetleicht 
oon ihrer 9totf)lage ©ebraud), um für ftch haften Bor* 
theil herau^ufchlagen, fo hanbelt er feiner ftaatSbürgerlidjen 



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8 



ßrfter Xtyil 



$flidjt guwiber, benn er fcfjdbigt aus unberechtigtem Streben 
nach eigenem ©ewtnn baS SBofjl anberer Mitbürger unb 
ftellt ftd) baburd) ber Durchführung ber Aufgabe beS Staats* 
wefenS, allen Angehörigen biejenigen 33ortf)eile gu^uwenben, 
welche ihnen jur görberung unb Kräftigung ihrer SebenS* 
läge geboten werben muffen, f)inbernb in ben 2Beg. 5ffiufj 
hiernach ber Kaufmann benjenigen Staatsangehörigen gegen* 
über, öon benen er feine Baaren begießt, bie nötige $ücf= 
ficht beobachten, fo ift er bie gleiche SRüdjtcht auch benieni* 
gen Staatsangehörigen fdjulbig, an welche er feine SBaaren 
abfegt. @r öerfünbigt fid) gegen einen ^auptgrunbfa^ beS 
StaatSlebenS, wenn er hierbei nur an feinen Sßortheil benft, 
unb bemgemäfe ben $reiS lebiglid) nach biefem sjJtofcftabe 
kmiftt, aus ber -iRothlage berer, welche bezüglich beS 2Baa= 
renbebarfs auf ihn angewiefen ftnb, einen unüerhältntfc 
mäßigen Olufcen gu jiehen fucht. (Sr mufe ftch auch in biefer 
S3egiehung ftets öergegenwärtigen, bafc er als StaatSange= 
höriger ba§u beizutragen hat, baS 2öof)l feiner Mitbürger 
ju förbern, unb bafc er beShalb feine ©rwerbftellung im 
Staatsleben fo einrichten mufj, baf$ bie Shätigfeit in ber= 
felben aud) feinen Mitbürgern ju gute fommt, benn baS 
Staatswefen fann nur gebeten , wenn jeber Staatsbürger 
in bem SBewufctfein biefer Pflicht lebt unb banad) hobelt. 

3n gleicher SBeife wie wir biefeS bei bem 2Baarenhänb= 
ler gefehen haben, wirb auch ber ©elbfjanbler, ber 23anfier 
feinen 23eruf barin fud&en müffen, ber ftaatlichen ©emein= 
fd)aft, in welcher er fein ©ewerbe betreibt, erfprie&Uche 
SDienfte ju leiften. (5r muß benjenigen, welche beS ©elbeS 
bebürfen, wirflich gu Reifen fuchen, beShalb bie 23ebingun= 
gen, unter benen er baS ©elb l)tngiebt, fo ftellen, bafe ber 
3wecf ber Aufnahme beS ©elbeS bei bem Abnehmer auch 
wirffam erreicht wirb. JDenft er nur baran, bei bem ©elb= 




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23ürgerred)t 



9 



gefd)äft red)t üiel §u r>erbienen, aus Der ßebenSlage befielt, 
ber fid) an ihn menbet, ben möglich ft größten SBortbetl 
^iel)en, fo fdjafft er für baS ©emeinroohl beS Staats feinen 
•JUi^en, fdjäbigt bafielbe toielmehr baburd), bafc er baS 2Bol)l 
ber Staatsangehörigen, roeldje mit if)m in ©efcrjäftStjerbin* 
bung getreten finb, beeinträchtigt. 23erücffid)tigt er hingegen 
bie SebenSlage beS ©elbfucr)enben in menfd)enfreunbltd)er 
SBeife, fud)t er Unternehmungen, roeldje für baS StaatStoohl 
Don 23ebeutung ftnb, burch 23ereitfteüung öon ©elbmitteln 
unter angemefienen *Bebingungen ins ßeben $u rufen unb 
gur günftigen (Snttmcfelung $u bringen, tragt er burd) guten 
fRatl) unb thätige perfönlidje Anleitung unb 23etheiligung 
baju bei, berartige Unternehmungen fo ju geftalten, roie fte 
bem ©emeinroefen am beften unb nad)haltigften nüfcen fön= 
neu, fo erfüllt er eine ftaatsbürgerlid)e Pflicht unb hat neben 
bem eigenen angemefienen SSortheil baS fdjöne Semufetfein, 
baS 2öot)l feiner Mitbürger geförbert gu haben. 

SBaS öorhin in betreff ber ^aufteilte aufgeführt ift, 
gilt aud) *>on allen anbern ©eroerbctreibenben , namentlich 
auch öon ben ^anbtoerfern, ben gabrifanten unb ben 2anb= 
roirthen, überhaupt Don allen Staatsangehörigen, welche im 
Staatsgebiet eine (Srroerbftelluug einnehmen, ©er §anb= 
werter, ber gabrifant mufj ftd) bemühen, eine gute preis* 
roürbige SBaare r)er^ufteüen. (5r barf nicht, um feinen ©e= 
roinn ju erhöhen, feine Abnehmer burch Schleuberroaaren be= 
nachtheiligen, benn baburd) fd)äbigt er bie Aufgabe feines 
Berufs unb Derle^t feine Pflichten gegen bie StaatSgemein= 
fchaft. 2)em Sanbroirth unb bem gabrifbefi^er roirb ftd) 
gleichfalls Dielfach ©elegenheit bieten, ben ©emeinftnn in 
mirffamer Sßeife $u betätigen. öS barf in biefer 23esie= 
hung nur auf bie Einrichtungen jum Schufc unb 2öol)l ber 
Arbeiter hingeroiefen werben, eine ber roichtigften Aufgaben 



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10 



(Jrfter Sljeü. 



be« Staat«, beren Durchführung im SBefcntlidftcn bcn Arbeit- 
gebern guf&Ut. @« barf ferner nicht au&er *8ead)tung blei* 
bcn, ba§ jeber Unternehmer, melier Arbeiter befchäftigt, 
bem toirt$f$aftltd)en 2Bohl berfelben feine öoüe Aufmerfiam= 
feit aumenben, ihnen aud) in biefer 33e$ief)ung menfd)ltd) 
näher treten muß. Ueberfyaupt muß jeber Arbeitgeber barauf 
bebaut fein, an bem SBohl unb 2öe!)e feiner Arbeiter burdj 
toofyhüollenbe S:^eilna!)me unb tätige £ülfe mitjutmrfen. 
2)urd) ein foldhe« Verhalten mad)t er bie Arbeiter nicht 
allem billiger unb freubiger für bie gu leiftenbe Arbeit, fon= 
bern er förbert burch ihre 2M)lfaf)rt aud) ba« aflgemeine 
2Bol)l, ba« SBSo^l be« Staate«, bem er angehört. Aud) ber 
einfache Arbeiter barf nid)t glauben, bafc feine Arbeit nur 
ben ßroecf hat, ihm einen möglid)ft ^ofjen Sohn gu üerfdjaf= 
fen. Aud) er mufe beffen eingeben! fein, bafc feine ^dtig= 
feit einen Stjeil be« Staat«leben« au«tnad)t, mithin fo ein= 
§uric^ten ift, tmc fte fid) ber @taat«gemeinfd)aft am nü£= 
Haften ernjetfen faun. SSon ber ©üte unb $rei«mäfeigfett 
feiner Seiftungen hängt nicht allein fein unb feiner gamilie 
2Bof)l, nicht allein ba« Sßo^l feine« Arbeitgeber«, fonbern 
auch bie 2Bo^lfaI)rt zahlreicher Mitbürger ab, für melche 
ba« (Srgebnifc feine« gleite« beftimmt ift. $h u * er xn 
feinem S3eruf md)t feine Pflicht, leiftet er bie Arbeit man= 
gelhaft, fefct er nid)t feine Dolle Äraft unb gäfjigfeit für 
bicfelbe ein, ift fein gange« Sinnen unb £rad)ten nur barauf 
gerietet, feine Sage 31t oerbeffern, fucht er ben ihm gebüh* 
renben Sohn burd) ©rucf auf ben Arbeitgeber, roohl gar 
burch öertrag«nribrige Arbeitseinteilung unverhältnismäßig 
in bie £öhe $u fchrauben, fo fchäbigt er ba« @taat«toefen. 
(Sbenfo toie ftd) ber Arbeitgeber gegen ba« ©emeintoohl öer= 
fünbigt, menn er lebiglich um feine« SSortheil« tmHen ben 
Sohn ber in feinem ©etcerbe thätigen Arbeiter herabbrücft, 




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^Bürgerrecht. 



11 



begebt auch ber Arbeiter eine Sünbe gegen ben Staat, 
wenn er bte Grlangung eine3 unDerhältntjjmäfcigen Arbeits* 
lofjneä ju erzwingen fud)t. (Sr rnufc ftd^ bod) öergegenmdr= 
tigen, bafc baburd) bie Verteuerung ber gabrifate, Dielleicht 
fogar bte bauernbe ober bod) gettroeife (SinfteUung ber <ya* 
brifation öerurfadjt toirb, unb bafj bann alle oon bem regele 
mäßigen Betriebe be§ betreffenben ©ewerbeS abhängigen 
Mitbürger barunter ju leiben ^aben, ba§ Gemeinwohl fo= 
mit burdj f ei « e Sd)ulb in empfinblicher Söeife betroffen wirb. 
3ebem Beruf ift in einem georbneten Staatsmefen feine 
beftimmte Stelle angetoiefen. 2)ie BerufSgenoffen bürfen 
aber nid)t oergcffen, bafc tljr Beruf nid)t für ftdt) in ge= 
trennter 2lbgefchloffenheit befielt, fonbern in nötigem Ber* 
hältnife au ber ©efammthett ftefjen mufe. Sn biefer Be= 
grenjung ^at ieber Beruf bie gleite Bered)ttgung. 
Ueberfchreitung ber ©renken fdfcjäbigt ba3 ©emeimoohl. 3)er 
Staat ift für Stile ba in gleicher SBeife. 2)ie Arbeiter ftnb 
nid)t minber Bürger roie ber Beftfcenbe, b. h- fte ftnb mahre 
Steile be§ Staate, bie am Seben ber Staat§gemeinfd)aft 
thetlnehmen. Arbeiter, welche lebigltd) bie SBafjrung ihrer 
Beruf3intereffen im 2Utge haben, ftellen jtd) bat)er in ©e= 
genfafc ju bem Staatsgebanfen , jte ftören unb Ijinbem bie 
gefunbe (Snttoicfelung be3 Staatelebens. 2)ie Arbeiter müffen 
be§r)alb ebenfo roie alle anberu Staatsangehörigen ftch ftets 
öergegentoartigen, bafe ber Staat nid)t ihretroegen befielt, 
nid)t nur tf>r 2Bof)l $u berücfjt tätigen t)at, fonbern bag ihre 
2lrbeit§tf)ätigfett einen ZtyW be£ gefammten StaatSroefenS 
ausmacht, unb baS 2öot)t ber übrigen Mitbürger bie gleite 
JRücfftdjt oerbient. Sind) btejenigen, reelle ohne eine be= 
ftimmte Befd)äftigung lebigltd) öon ben ©infünften ihres 
Vermögens leben, bürfen pdf) einer ihrer Befähigung ent= 
tyred)enben nü^lidjen 3:l)ätigfeit im Staatsleben nicht ent= 



12 



(Stfter %f)t\l 



gießen. Slud) fie h«ben nicht allein bie Aufgabe, für ihre 
unb ihrer Angehörigen 2Bof)lfal)rt forgen, fonbern fte 
muffen für baS Gemeinwohl gleichfalls fo ötel leiften, als 
in ihren Gräften fteht. Sie müffen bie ihnen in (Snnange* 
lung einer beftimmten SBefchäftigung reiflich &u Gebote 
fte^enbe Seit ba$u oerwenben, um ben (Staate unb Ge= 
meinbe=Angelegenheiten bie geeignete Unterftü^ung gu bieten 
ober fonft burch Sftatlj unb tyat baS 3«tereffc ihrer 5ftit= 
bürger ju förbern. Sßei gutem SBillen wirb Sebent bie ge= 
eignete Gelegenheit hierzu in reifem Wlafa geboten werben. 
3)er ftärffte unb tjartnäcfigfte $einb beS GemetnftnnS ift ber 
(Sigennu^, bie Selbftfucht. 3Mefe jurürf^ubrängen, fte auf 
baS 5ftaaf$ zurückführen, welches bie fortfd)reitenbe (5nt= 
Wtcfelung beS StaatSlebenS ermöglicht, mu& jeber Staats* 
bürger als eine feiner wid)tigften Aufgaben betrauten. 3^ber 
Staatsbürger, welcher bie 5ttöglid)feit unb Ge= 
legen^eit, fid) im StaatSwefen nü£lid) zu machen, 
oerabfäumt, oerfehlt bie ihm im Staate obliegenbe 
Lebensaufgabe unb ift ein unnü&eS SJMtglteb ber 
ftaatlichen Gemeinfchaf t. Selbft biejenigen, welche ba= 
$u berufen fmb, beftimmte StaatSgwecfe, fei es in unmittel* 
barem Staate ober im Gemeinbebienft gur Ausführung ju 
bringen, bürfen ftd) auf biefe ihnen angewiefene Shcitigfeü 
nicht bef^ranfen, müffen vielmehr nach Gräften bemüht fein, 
auch neben ber Ausübung ihrer Amtspflichten jebe Gelegenheit 
wahrzunehmen, bie Wohlfahrt beS Staats auch * n anberer 
SBeife $u förbern. £)er dichter, ber SerwaltungSbeamte 
fann burch 3ftatf) unb Belehrung, ber Geiftlicfje, ber Lehrer 
burch Anleitung unb gutes 23etfpiel bem Gemeinwohl auch 
außerhalb feines Amtes Sßufcen bringen. 

2Bie im ©ingange hervorgehoben, ift ber Staat bie 
Bereinigung aller Bürger $u gemeinfamer 2Bof)lfahrt. 2)ie 



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93ürgerredjt. 



SBirffautfeit, 2Bad)t unb Stärfe tiefer ©emeinfchaft hängt 
bafjer lebtglid) öon ber Shätigfeit ab, toel^e bie Bürger 
für bie $>mde bz% StaatSmefenS entmicfeln. S^ut jeber 
(Staatsbürger nad) feinen Gräften, nad) feiner gäfyigfeit 
baS, toaS er jur görberung beS StaatSroohlS ju thuu öer= 
mag, fo tmrb ber (Staat gebeten, unb erftarfen, feine 9J?ad)t 
toirb nad) gnnen unb nad) $ufcen road)feu unb ben Staats* 
angefangen in jeber SBeife ju ftatten fommen. j&ktyti ba= 
gegen bie ^Bürger ihren befonbern SSortljeil beut Dlufcen ber 
(StaatSgemeinfchaft üor, fe^en fte ftd) baburd) mit bem 
StaatSgebanfen in Söiberfprud), Ummern fte ftd) nicht um 
ben Staat, fehen fte bem geben unb treiben in bemfelbeu 
mit ©leid)gültigfett ju, fo mirb ein fold)eS StaatSroefen üer= 
fümmern, ber ßufammenhang toirb immer locfrer werben, 
bis ber Staat fdjliefeltd) auSetnanberfällt unb baS Staate 
leben aufhört. ©er Bürger, melier in ©leid)gültig= 
feit gegen bie Aufgaben beS Staats fid) üon ben 
Staatsangelegenheiten fern l)ält unb nur an feine 
eigenen benft unb nichts thut, maS §ur (Erhaltung 
unb Stärfuug ber ftaatlid)en ©emeinfd)aft beitrat 
gen fann, labet baljer eine fernere Sd)ulb auf fid). 
©lücflid) aber ift ber Staat, beffen Bürger iJjrer Pflichten 
ftetS eingeben! ftnb unb biefelbeu in üoliem Umfange unb in 
richtigem SerftänbniS ihrer Lebensaufgabe erfüllen. 2öir fön= 
nen biefem &bfd)nttt feinen mürbigeren Sd)lu& geben, als roenn 
mir an ben trefflichen ^uSfprud) ©uftat) grettagS erinnern: 
„Sein $olf fyat ©ir SSieleS gegeben, es Der* 
langt bafür ebenfo Diel üon ©ir. (5S l)at ©ir ben 
Seib behütet, ben ©eift geformt, es forbert auch ©einen Seib 
unb ©eift für fid). 2Bie frei ©u als Stajelnet bie glügel 
regft, biefem ©laubiger bift ©u für ben ©ebraud) biejer 
Freiheit üerantoortlid)." 



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14 



(Srfler 3$efl 



©ie £eimat, baS Saterland 

$on befonberer 93ebeutung ift ber Staat für biejenigen, 
n>elct)c ihm burd) ©eburt unb Abftammung angehören, meldje 
ihn als ifyre £eimat betrauten bürfen. Sie fnüpft nod) 
ein ftärfereS 23anb an ben Staat als bie anbern Staats* 
angehörigen, benn ber Staat ift ihr SSaterlanb. 3Me auf 
baS ^eimatSgefühl gegrünbete, tief eingewurzelte Eingebung 
für baS £anb, in welchem wir geboren ftnb, in meinem 
unfre Vorfahren gelebt unb gewirft t)aben f in meinem unfre 
Angehörigen, unfre greunbe uns gut Seite fielen, ift bie 
SßaterlanbSliebe. <DaS SSaterlanb ift baS £anb, unter 
beffen Sd)u| mir uns entmicfelt ^aben, welches burd) feine 
Einrichtungen unfre Erziehung Dorgefe^en f)at, uns bie 3Sor- 
$üge ber Familie unb ber ©efeUfdjaft bietet. ES ift ein 
großes ©anjeS, meines ben einzelnen, bie Familie, bie 
©efeüfc^aft in gemeinfamem Söalten innig umfafet, mit 
gleiten Söanben vereinigt. SDie befonberen ©igent^ümlict)^ 
feiten beS SkterlanbS, baS geben, bie Sitte, bie Spraye 
in bemfelben, bie Erinnerung an feine @efd)id)te, an bie* 
jenigen Männer, welche eS grofj gemalt, für fein 2Bof)l 
gelebt unb gewirft haben, ftärfen baS @efüf)l ber 3ufam= 
mengehörigfeit ber 33ewol)ner beS Staats unb geben betn= 
felben ben Gf)arafter eines $olfeS. 2Bo ftd) bie Bürger als 
©lieber eines SSolfeö, ber gamilie im wetteften Sinne, 
fühlen, wirb ber Staat als ein nach aufcen wie nach innen 
feft gefd)loffener Körper feine Äraft bewähren, feine Selb* 
ftänbigfeit erhalten unb üertfjeibigen Können. SMe $ater= 
lanbSliebe hat ftd) beShalb aud) überall, wo bie ^Bürger beS 
Staats tton ihr burdjbrungen ftnb unb fte Don ©efd)led)t 3u 
©efd)led)t gepflegt haben, als baS ftärffte ©djufcmittel gegen 
alle bem Staate feinbfeligen 23eftrebungen bewiefen. 3h* 



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SBiirgerredjt 



15 



üerbanft au$ ber $reufcifd)e ®taat, ifjr üerbanft ba§ <Deutf$e 
fteid) feine ©elbftänbigfeit, feine Wafyt unb feine 2Bol)lfal)rt. 
SDer £)eutfd)e mufj fid) be£f)alb ftetS unb überall als 
2)eutfd)er füllen, ßr mufe ftolg barauf fein, ein 
<Deutfd)er gu fein. ift eine (Sfyrenpflitfyt jebeS 
<Deutfd)en, fein Saterlanb, fein Sßolf gu lieben, 
feinen £errfcf)ern, bie e§ grofc gemalt fjaben unb 
unauSgefeftf auf bie 2Bol)Ifaf)rt be§ SanbeS unb 
25olfe§ in allen feinen @d)id)ten bebaut finb, ben 
fd)ulbigen Tribut ber §od)ad)tung unb treuen &n= 
I)änglid)feit gu gollen. 

3)ie Eingebung für ba§ SSaterlanb mufj fid) aber nid)t 
allein in SBorten geigen, fonbern fict> aud^ in ben $anb= 
lungen ber 23ürger nad)brücflict) funbgeben. 2Ber fein 33a* 
terlanb Don ®runb be3 £ergen3 liebt, mufc fein ©lüd, feine 
greube barin fudjen, für feine 2tfad)t, feine Kräftigung 
tfjätig gu fein, mufj gern unb miliig feine Kraft, feine %fc 
fjigfeiten bafür einfe^en, fein £)pfer freuen, um ba§ 2Bol)l 
be£ SanbeS, be§ $olfe£, welkem er angehört, gu förbern 
unb gu ftärfen. (Stnb alle (Staatsbürger einig in ber Siebe 
gutn SSaterlanbe unb in beut (Streben, mit ganger Kraft 
bafür eingutreten, fo toirb ba§ ffttiü) jeber brofjenbcn ©efafjr 
mit Erfolg bie @pifce bieten fönnen. 

SDie Zuneigung für bie £>eimat, meldje jeber SRenfd) 
in feinem bergen trägt, ift eine meife @inrid)tung ber $or* 
fetyung gum 2Bof)le be3 SSaterlanbcS. 2Benn ftcf) nid)t biefeS 
©efüfyl lebenbig erhielte, meines bem 5Renfd)eit bie 2lnl)äng= 
lidjfett an bie (Sdjolle, auf ber er geboren ift, bie Eingebung 
für ben SSofSftamm, in beffen Witte er aufgemad)fen ift, 
einpfct, wenn er mit berfelben Siebe an ben entfernten 
ganbftridjen Rängen mürbe, in meldte ifyn fein ©efd)icf ge= 
füljrt fyat, mie an ber (Stätte, an meiere iljn ©eburt, 33er= 



t 



16 ßrfter 3$etl. 

manbtfcfyaft, greunbfdjaft unb SanbeSfüte feffeln, fo mürbe 
ba3 2öort „Saterlanb" feinen Sinn me()r fjaben. SXIle 
s IRenfd)eu mären bann Bürger ber weiten 2Belt, ber Sorge 
aucf) ber greube an ber ©emeinfdjaft lebig, ofyne 3"tereffe 
für bie großen 3^le, meiere bie gefonberten Staaten unb 
Golfer im frieblicfyen Söettfampf anftreben. 9tiemanb mürbe 
ein Skterlanb f)aben. Dljne SBaterlanb giebt e§ aber 
fein gemeinfameS 23anb, feine ©efd)id)te, feine 3Ser= 
gangenfyett. £>ie S3ilbnng unb (Spaltung ber Staaten, 
in benen gerabe bie $raft unb bie gäfyigfeit ju fortfe^rei- 
tenber (Sntmtcfelung $u finben ift, wäre bann unmöglid), 
ba3 burd) bie ftaatlid)e Sufammengeljörigfeit unb bie bamit 
üerbunbenen Aufgaben hervorgerufene Streben ber Bürger 
eines Staates, eines SSolfeS mürbe bann gmecfloS fein, meil 
iljm bie ®runblage, bie Anregung, ber Slnlaß ju auf= 
opfernber Eingebung fehlen mürbe. 



^er ^$reuf$ifd)e ©taat 

I. SDte StaatSüerfaffung. 

Sur Drbnung unb Sicherung ber 3fte$te ber Staate 
bürger finb allgemeine Regeln aufgeteilt, burd) meld)e einer* 
feitS baS üttaafe ifyrer Sreiljeit beftimint, anbrerfettS bie 
©renjen für bie 93ejd)ränfungen gebogen merben, meiere fid) 
3eber gum 3mecf beS SeftefjenS unb ber görberung eine§ 
gefunben StaatSmefenS auferlegen muß. 2)iefe Regeln nennt 
man ®efejje. Sie finb eine mefentlidje 33ebingung jebeS 
georbneten StaatSmefenS. Sie finb bie 3ftd)t|d)nur, nad) 
melier jeber Staatsbürger Ounften ber Staat<Sgemein* 
fd)aft feine Sljätigfeit ju regeln, einen Sfyeil feiner 9Red)te 
aufzugeben fyat, mäfyrenb iljm ber Staat für bie ifjm toer= 



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23ürgerredjt. 



17 



bleibenben *Red)te feinen Sduifc bietet. <Der friegStüd)tige 
(Staatsbürger opfert bem Staat feine $erfon, um baS Sa* 
terlanb unb feine Mitbürger gegen Vergewaltigung $u f<$üfcen. 
2)er Staatsbürger opfert bem Staat einen £f)eil feines (Sin* 
fominenS ober Vermögens, bamit biefer über fein (Sigentfjum 
»ad)t, er opfert tym einen Ztyil feiner 2öilIenSfreif)eit, ba* 
mit er iljn in ben greiljeiten fd)üfet, beren Ausübung er 
ftd) vorbehält. 

2)er VerfaffungSftaat, beffen begriff unb 
Vebeutung. Sic conftitutionelle 2ttonard)ie. 

Unter einem VerfaffungSftaat oerftefjt man nun einen 
Staat, in tueldjem baS 35er^dltnife ber Staatsgewalt gu ben 
Staatsbürgern nad) feften ©runbfä^en georbnet ift. 3)aS 
®efe£, burd) meines biefe Drbnung begrünbet wirb, nennt 
man bie Verfaffung. £)ie Verfaffung enthält bie aUge* 
meinen ®runbfä|e, meldje ber (Sntaicfelung beS StaatSlebenS 
bie 3ttd)tfd)nur geben, baffelbe förbern unb ihm feine Un= 
abhängigfeit ftd)em. Sie ift bie ©runblage für ben 2faf* 
bau ber StaatSeinrid)tungen unb bie Rührung ber Staats* 
oermaltung. Von ber Befolgung ber in il)r enthaltenen $e* 
geln hangt baS SBoljl beS Staats ab. (SsiftbeShalb 
bie erfte unb ernfte $flid)t eines ieben StaatSbür* 
gerS, fid) mit ber Verfaffung befannt $u madjen, 
ba er ftd) nur baburcf) in ben Stanb fefcen fann, feine ftaatS* 
bürgerlichen 3fad)te unb Pflichten gu überfein, unb fid) t>or 
Srrt^ümern $u fd)ü£en, roeldje burd) SBort unb Schrift oon 
benjenigen oerbreitet werben, weld)e bie ©runblagen beS 
Staats untergraben, an Stelle beS georbneten StaatStoefenS 
bie 2Mfür, baS eigene Sntercffc fefcen, bie ©emetnfäaft 
ber Staatsbürger gerftören wollen. £>ie Verfaf fung, baS 
StaatSgrunbgefefc, unb bie fid) aus ihr entwtcfelnbe 

Sürjjerredjt unb 5?ürflertuc)enb. 2. Huri. 2 



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18 



Giftet 3$etl 



©efe^gebung mufe jebem Staatsbürger heilig fein. 
(§r mufj ftd) ftets beffen bemufet bleiben, bafe jebe 3un)iber= 
fjanblung gegen bie ©efefce eine Sünbe gegen bie ©emein= 
fd)aft ift, mcldjer er als 2Ritglieb angeprt, nnb bafe er ge= 
gen fein eigenes Snterefje fyanbelt, aenn er an ben ©runb* 
lagen biefer ©efellfdjaftSorbnung rüttelt, ©erabe im 3Ser= 
faffungSftaat, in meinem bie SBolfSüertretung baju berufen 
tft, ftd) an ber ©efe|jgebung §u beteiligen, in t»eld)em fein 
©efe£ ofjne ifjre 3 u ftitnmung $u Stanbe fommen barf, muft 
jeber Staatsbürger es als feine unabtoeiSlictje $fltd)t erfen* 
neu, ben StaatSgefefcen §u gefyorcfyen, unb feine §anblungen 
fo ein§urid)ten, baf$ fie ntd^t attein mit ben ©efefcen befte* 
^en fönnen r fonbern ber 3lbftd)t ber ©efe^geber, bem Sinn 
unb 3® e ^ bei ©efejje erfprtefelid) unb förberlid) ftnb. Skr 
Staatsbürger barf nid)t benfen, bafe er ftd) einem ©efe£e 
nid)t fügen barf, tteld)em er nid)t perjönlid) jugeftimmt fjat. 
©affelbe ift ja unter 5ftittt>irfung unb mit ©enefymigung ber 
SßolfSüertretung , alfo in Uebereinftimmung mit bem $olfS= 
nriüen, entftanben, einer VolfSüertretung, an beren Schaffung 
er ftd) felbft burd) Ausübung feines 2Bal)lred)tS beteiligt 
fjat. ©er Äönig, Welver ^um Regieren beS Staats berufen 
ift, Ijat in Uebereinftimmung mit ben aus tJerfaffungSmäfeiger 
2Baf)l fjerüorgegangenen Vertretern beS VolfS bie $erfaffung 
gegeben, geber Staatsangehörige mufe ftd) beSfyalb biefem 
allgemeinen SBillen unterwerfen, ftd) ber burd) benfelben feft= 
gefteUten Regelung unterorbnen. 

^reufcen ift eine f onftitutionelle 9J?onardjte, 
b. f). ein Staat, in roeldjem ber VolfSüertretung burd) eine 
SSerfaffung, Äonftitution, bie 5ftttroirfung an ber ©efe^gebung 
unb aud) eine beftimmte (Simmrfung auf ben ©ang ber 
StaatSgefd)äfte eingeräumt ift. 2)ic Verfaffung beS ^reufci* 
fd)en Staats grünbet fiel) auf bie SSerfaffungSurfunbe öom 



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i8ürgerred)t, 



19 



81. Sanuar 1850. (Sie ift bie ©runblage für bie ©efefc* 
gebung, baS ©runbgefejj, weldjeS bie 5ftad)töoflfommenheit 
beS Königs unb bie fechte unb Freiheiten beS SSolfS be= 
ftimmt unb gegen einanber abgrenzt. (Sie behanbelt bie für 
bie Drbnung beS StaatSwefenS mafcgebenben ©runbfäfce 
in toerfchiebenen 2lbfd)nitten (Sitein), aus beren Snfjalt im 
golgenben baS Söefentlic^e herüorgehoben werben foH. 

A. Tac> Staatsgebiet 

£>ie Abgrenzung beffelbett ift für bie SebenSüerfjältmffe 
beS SSolfS, inSbefonbre aud) für bie wirtschaftlichen 23e* 
Rehungen beffelben unb für baS ginan^toefen oon ber größten 
23ebeutung. Sebe ©ebietSDeränberung, mag biefelbe in 
ber Abtrennung eines 2:^eil§ beS (Staatsgebiets ober in ber 
Einverleibung neuer SanbeStljeile befielen, barf bal)er nur 
burd) ein 2anbeSgefe£ alfo nur mit 3uftimmung beS 
SanbtagS ber Monarchie, ftattfinben. 2)eShalb be= 
burfte eS §um &nfd)luf$ ber im Kriege 1866 erworbenen 
ßanbeStheile (^annoüer, Reffen, 5Raffau, Sd)leSwigs£olftein) 
fo wie ber auf frieblichem 2ßege burd) einen Vertrag mit 
(Snglanb erworbenen Snfel £elgolanb an ben $ren£ifchen 
(Staat eines befonberen ©efettfS. 

B. 2)ie »crfaffunsömafttgen ©runbrcdtfc ber ^reufeen. 

(Staatsbürgerliche 3fted)te finb fold)e, bie bem Bürger 
in ber ©emeinbe unb im Staate §uftehen. (Sie gewähren 
ben @d)ujj für bie perfönüdje Freiheit unb baS Vermögen, 
fte begrünben ben Anfprud) auf Beteiligung an ben gur 
geiftigen unb leiblichen 2M)lfal)rt im Staate beftefyenben 
Einrichtungen unb beftimmen ben (Sinflufe, welchen jeber 
(Staatsbürger auf bie Staatsgewalt haben foH (Wahlrecht 

2* 



Digiti 



(Srftet Srtjeit. 



für bie 2Solf§= unb ©emeinbeoertretung, bie ©emetnbeämter 
u. f. id.). 2)er Ärei§ berjenigen , für meld) e ber (Staat mit 
feinem @d)u£ unb fetner Srürforge einzutreten f)at, ift burd) 
ba3 ©efefc begrenzt. SDie ©roerbung, Ausübung unb ber 
SSerluft ber ftaat§bürgerltd)en fechte hängt mit bem (Srtoerb 
unb SSerluft ber ©taatSangeprigfett eng ^ufammen. 2)iefe 
SSer^ättniffe ftnb burd^ ein ®efej3 geregelt, meldjeS für baS 
gan$e 3)eutfd)e SReid) gilt. 3)anad) toirb bie 6taat<§ange= 
hörigfeit erworben burd) Abftammung, Verheiratung, 23er* 
letyung ober burdj AnfteHung im 6taat3bienft. 6ie geht 
öerloren burd) Verheiratung einer ^reufjin an einen Au§* 
länber, burd) zehnjährigen ununterbrochenen Aufenthalt im 
Au3lanbe ohne Vejij$ eine§ 9letfepapier§ ober #eimatfd)ein3, 
burd) AuSftmtd) ber juftänbigen Vehörbe im galle ber 9lid)t= 
bead)tung, ber Aufforberung zur föücffeljr im Kriegsfälle, 
burd) unerlaubten Eintritt in fremben <§taat§bienft, unb 
burd) (Sntlaffung au§ bem ©taatsoerbanbe. 

Au&erbemfönnen bie bürgerlichen (Ehrenrechte burd) 
richterlichem Urtfjeil bauernb ober auf ßeit aberfannt 
»erben. 5)aburd) oerliert ber Verurteilte in jebem ft-aUe 
bie au3 öffentlichen 2öaf)len hervorgegangenen fechte, bie 
öffentlichen Remter, SBürben, Sitel unb ^ren^eidjeix, unb 
für bie <Dauer ber Aberfennung ba§ $ed)t 

1) bie 2anbe<Sfofarbe zu tragen, 

2) in ba3 £eer (£anbheer, Marine) einzutreten, 

3) öffentliche Aemter, SBürben, Drben unb Ehrenzeichen 
Zu erlangen, 

4) in öffentlichen Angelegenheiten zu ftimmen, §u mahlen 
ober gewählt zu »erben ober anbre politif^e fechte 
au^uüben, 

5) 3euge bei ber Aufnahme Don Urfunben ju fein, 



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Bürgerrecht. 21 

6) Vormunb, 3ßebenüormunb, Pfleger, gerichtlidjer Sei- 
ftanb fein. 

Sie Verurteilung jur 3ud)thauSftrafe ^at bie 
bauernbe Unfä^igfeit gum £eereSbtenft fomte $ur Vefleibung 
öffentlicher Remter ohne SBeitereS §ur Soljje. 

1. ©letchhett öor bera ©efefc. 

6in§ bei toichtigften ©nmbredjte ber ^reufcen fa&t bie 
VerfafjungSurfunbe in ben @ä£en aufammen: 

Sllle $renfjen finb öor bem ©efejje gleich- @tan= 
beSüorrechte finben nidjt ftatt. Sie öffentlichen 
Slemter finb unter Einhaltung ber üon ben ©efe^en 
feftgeftellten Vebingungen für alle ba$u befähigten 
jugänglid). 

Sie (Staatsbürger finb h^rnadh in ihren ftaatSbürger= 
liehen fechten in jeber 33e$tehung gleich geftellt. Äein (Staate 
bürger barf eine Veoor^ugung, fei eS aus ©tanbeSrücffichten 
fei eS aus anbern ©rünben, für ftch in 2lnfpruch nehmen. 
Siefer ©letchfteUuug ber fechte entflicht aber auch bie Ver* 
pflid)tung jebeS Staatsbürgers, mit feiner Shatigfeit öotl 
unb ganj nach feiner Äraft unb Befähigung für baS (Staats* 
mohl eintreten. ©leidjeS «Recht forbert gleiche Pflicht. 

2. ©eroäljrleifturtg ber peinlichen Freiheit. 

Sie VerfaffungSurfunbe beftimmt ferner, bafe 
bie perfönliche Freiheit getoährleiftet mirb unb 23e= 
fchränfungen nur burch ©ef e£ begrünbet werben bür* 
fen. SaS betreffenbe ©efefe ift im Sahre 1850 ergangen 
unb orbnet an, bafc bie Verhaftung nur auf ©runb eines 
fchriftlichen VefehlS beS Richters guläfftg fein foU. Sie $o= 
li^eibehörbe barf inbefe eine vorläufige geftnahme bemirfen, 
wenn ein Verbrecher auf ber £hat ertappt ober ber flucht 



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22 



(Srfter Sljetl. 



bringenb oerbädjtig ift ober bie eigene Sid)erf)eit ober bie 
öffentliche Sittlidjfeir, Sicherheit unb 3ftul)e eine Serfyaftung 
notljwenbig erfcfyeinen laffen. (Sin oon ber $oli$eibei)örbe 
geftgenominener mufc aber fpäteftenS am folgenben Sage 
entweber freigelaffen ober bem Staatsanwalt Dorgefüfjrt wer* 
ben. (Sbenfo tote baS Strafgefepud) bie Skrlefcung ber 
perfönlid)en greifyeit, b. f). bie wiberred)tlid)e greirjeitSberau* 
bung mit (Strafe bebrofyt, wirb aud) ber Beamte beftraft, 
weldjer Semanben oorfa^üd) wiberrectjUitf) oerljaftet ober feft* 
nimmt. 

W\t ber Unantaftbarfeit ber $erfon ftefjt bie Unoerlefc* 
üdjfeit ber SBo^nung, ba§ §au§red)t im ßufammenfjange. 
$ud) biefeS wirb burd) bie SSerfaffung gewäljrleiftet. Sßer 
ba§ £au3red)t oerlefct, mad)t ftc3& ftraffäHig. SRit 3^ücfftcf)t 
auf ben Sd)u£ be» «^auSrecrjtS bürfen felbft bie StdjerfyeitS* 
beamten eine 2)urd)fud)ung ber SSo^nung (§au3fud)ung) nur 
tn befonberen gefe£tid) beftimmten fallen oornefjinen. $ad) 
ber 2lbftd)t ber Serfaffung foU bie ^erfon eines jeben Staate 
bürgert mit allen Sd)u|jüorrid)tungen umgeben, gegen jebe 
greifyeitSbefcrjränfung gefiebert werben. SSon biefem ©runb= 
fa| wirb beSfyalb nur für foldje Salle eine Ausnahme gu* 
gelaffen, in weisen baS eigene gnterefje be£ ^Betroffenen 
ober ba§ Sntereffe beS gemeinfamen ©djufceS aller Staate 
bürger biefeS erforbert, in legerer SBe$iel)ung alfo nur ba, 
wo bie Vertreter ber Staatsgewalt be£ Eingriffs in bie 
gretfjeit bebürfen, um ben Sfyatbeftanb einer Straftat ^u 
ermitteln unb pd) ber Sßerfon beS £l)äter3 31t oerfid)ern. Um 
aber bei ber Unterfudjung unb Aburteilung ftrafbarer £anb= 
lungen ber möglichen SBitifür ober mangelhaften (Srfenntnife 
eine fefte Sd)ranfe entgegen §u fejjen, beftimmt bie $er* 
faffung, baj$ Dliemanb feinem gefe^lic^en 9Ud)ter 
entzogen werben barf unb Strafen nur in ©emäfc* 



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^Bürgerrecht. 



23 



heit be§ ©efefceS angebroht ober oerhängt werben 
bürfen. 

5)em ©runbfafc ber perfönlidjen Srei^eit entfprecfjenb 
ift auch bie Freiheit ber 2lu3wanberung unbefchränft. 
3eber 2lu3wanberer mufc ftd) o 10 ^ öon & er ^ßoligetbehörbe 
feinet 2Bohnort3 eine (SntlaffungSurfunbe aufteilen laffen, 
biete fann ihm jebod) nur bann oerweigert werben, wenn er 
iniUtärpflidjtig ift. Siefen gebietet bie ftücfftcht auf bie 
2Behr* unb $erthetbtgung§fähigfeit beS Staatsgebiete, welche 
barauf beruht, bafc jeber wehrfähige 9ftann im Sanbe bleibt, 
um bei eintretenber Kriegsgefahr unoergüglid) §ur Sahne, 
jum ©dhufje be§ SßaterlanbeS eilen gu fönnen. £>ie 2öehr= 
Pflicht, b. h- bie Pflicht im £anbi)eer ober in ber Oftarme 
KriegSbienft gu leiften, ift eine allgemeine, ©ie befterjt für 
ba§ gefammte 2)eutfd)e 3Reic^ einheitlich unb beruht auf bem 
©ebanfen, bafc jeDer wehrfähige ©eutfdje bie $flid)t §at, 
ba§ SSaterlanb gu öert^eibigen, e3 gegen jebe ihm unb feinen 
bürgern brohenbe ©efaf)r gu fd)üfcen. SDiefer Schufc erftrecft 
ftd) nicht allein auf biejenigen £)eutfd}en, reelle fic£) im 3n- 
lanbe aufhalten, fonbern befjnt ftd) aud) auf alle 5)eutfd)en 
au§, welche ftd) aus gefd)äftlid)en ober au§ anbern ©rünben 
im SluSlanbe befinben. 2)er ©eutfdje ift baljer überall gegen 
Ungefe^lic^feit unb Vergewaltigung geftdjert. geber £)eutfd)e, 
melier gum SDtenfte mit ber SBaffe ober gu einer feinem 
bürgerlichen ^Berufe entfpredjenben militarifdjen Stiftung 
fähig ift, wirb al§ wehrpflichtig angesehen. 3Me 2Beljrpflid)t 
bauert com 17. bis gum Dollenbeten 45. ßebensjahre. 6ie 
gerfällt in bie ©ienftpfücht unb bie Sanbfturmpflicht. öftere 
wahrt bis gum 31. Oftärg beS 3<#eS, in welchem baS 39. 2e* 
benSjahr ooüenbet wirb, ©er Wehrpflichtige gehört in bie= 
fer ßeit, wenn er feine 5Menftpflicht in ber Äaoalterie ober 
ber reitenben gelbarttllerie ableiftet, brei Jahre, fonft gwei 



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24 



©rfter 3$dL 



Sa^rc, bem ftefyenben £eere, öier Sa^re ber SReferöc an unb 
gef)t bann in ba3 Sanbwefjr&erljältnifj über, in »eifern er 
fünf 3a^rc im erften, bie übrige 3^it im jweiteu Aufgebet 
verbleibt. TOannföaften ber ßaöatlerie unb ber reitenben 
gelbartillerie, welche im fteljenben £eere brei 3afyre geMmt 
haben, bienen in ber ßanbweljr erften Aufgebots nur brei 
3>al)re. 2Bel)r:pfltd)tige, treibe bie erforberlidjen ^enntniffe 
in üorfd)rift£mäf$igem Umfange nadjgemiefen haben, ftd) frei* 
willig gum 2Rtlitärbienft melben, unb für ihre Sefleibung, 
&u§rüftung unb Verpflegung felbft forgen fönnen, brausen 
nur ein 3ßfyr long bei ben gaf)nen ju bienen unb werben 
bann jur SReferöe beurlaubt. 2lud) foldje jungen 2Mnner, 
welche btefe ftäljigfett nid)t erlangt haben, fönnen, wenn fte 
bie erforberltchen förderlichen unb getftigen (Sigenfdjaften be= 
ftfcen, ftfjon nad) öoüenbetem 17. gebenSja^re freiwillig in 
ben 5ttilitärbtenft eintreten. £)ie feemännifche Seöölferung 
ift ^um ©ienft in ber Marine verpflichtet. 

rieben bem £eere fann im gaUe feinblichen UeberfaÜö 
burd) faif erliefe SSerorbnung ber Sanbfturm aufgeboten 
werben, liefern Aufgebot müffen aUe nicht jutn £eere ober 
ber Marine angeljörigen 2Behrpflid)tigen üom 17. bis gum 
üollenbeten 45. SebenSjahre golge letften. %m Kriege ent= 
treibet lebtglid) ba$ 33ebürfnife über bie Sauer ber 2Bef)r= 
Pflicht. 3eber 2Behrpflitf)tige ift mit feinem 20. SebenSjafjre 
ber Slu^ebung unterworfen. ^Befreit jtnb nur biejenigen, 
welche au^gelooft werben ober üöllig unbrauchbar finb. 2ll§ 
unwürbig jtnb btejenigen auegefdjloffen, welche mit 3^^t= 
hauS beftraft ober ber bürgerlichen Ehrenrechte burd) Urteile 
fprud) üerluftig gegangen ftnb, benn bie 2Behrpfli<ht ^at t>or 
anbern ftaat3bürgerltd)en Pflichten ben Vorzug, baft fte eine 
^^renpf ltd)t ift. ^tbzx Bürger muf$ eine @hte 
barin fud)en, bem Staate al<3 (Solbat $u bienen, 



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Bürgerrecht. 



$önig unb Saterlanb gegen geinbeSgewalt $u 
fluten unb $u öertljeibigen. (£r fd^t ja baburd) 
audj ftd) felbft, {ein £ab unb ®ut, feine gautilie unb feine 
Angehörigen. 

3. ^rei^ett beS religtöfen SBefemtrmffeS. 

2ftit ber §reif)eit ber $erfon ftefjt öerfaffungSmäfcig 
aud) bie Freiheit be§ reltgiöfen 23efenntniffe§ im 
3ufammenljange. geber ^reufee §at banad) ba£ 3ftedi)t, ftd^ 
jeber befteljenben 9ieligion3gefelIfd)aft anaufdjliefcen, ober ftd^ 
mit Anbern gu einer foldjen gu vereinigen, unb in biefer 
^Bereinigung fyäuSlid) unb öffentlich feine Religion auSguüben. 
Aus ber grunbfä^lid^en ©leid)f)ett öor bem ©efe£ folgt na* 
turgemäfe aud) für biefe Segieljungen, bafc ber ©enufc ber 
bürgerlichen unb ftaatsbürgeriid)en 9ted)te ni$t oon einem 
beftimmten religiöfen 33efenntnife abhängig gemalt werben 
barf, wogegen ftd) aber aud) fein Staatsbürger feinen bür= 
gerlidjen unb ftaatsbürgerlidjen $flid)ten aus iRücffidjt auf 
bie ®runbfäfce feiner Religion entgtcf)en, beifpielSweife bie 
SBeljrpfüdjt nidjt beSljalb ablehnen barf, weil rt)tn feine 
Religion ben ÄriegSbtenft verbietet. 2)ie religiöfe Ueber= 
geugung, bie ©ewtffenSfreiheit, bie Ausübung beS 
3fteiigionSbienfteS foll bei jeöem Staatsbürger gleich 
geartet werben. (SS barf bat)er $iemanb öon ftaatsbür* 
gediegen 3fted)ten beShalb auSgefd)loffen ober in ber AuS= 
Übung berfelben lebiglid) aus bem ©runbe befd)ränft werben, 
weil er nid)t einem beftimmten SteiigionSbefenntnifc ange= 
^ört. 2)ie djriftltd)e Religion wirb nur bei foldjen Staats* 
einridjtungen, Welche mit ber fteligionSübung im 3ufammen= 
Ijange fielen, gum ©runbe gelegt, gebe 3fteligtonSgefeUfd)aft 
orbnet unb verwaltet ihre Angelegenheiten felbftänbig. 



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26 



(hrfter Sfjetl. 



4. greifet ber Siffenfdjaft unb 2ef)re. 

33on bem gleichen ©efid)t3punft, »clever für bie gret= 
Ijeit ber 3fteligion3übung mafegebenb ift r geht auch ber fernere 
©runbfafc ber Scrfaffung aus, bafe bie SBtffenfchaft unb 
ir)re Se^re frei fein fott. 2)arau3 folgt inbefc noef) nid)t, 
bafe Seber nach belieben Unterricht erteilen, Unterrichte 
Slnftalten begrünben unb leiten barf, Dielmehr fd)reibt bie 
SSerfaffung auSbrücflid) Dor, bafj biejeS nur folgen s ßerfonert 
geftattet »erben foll, welche if)re fvttliche unb miffenjc^aftlid^e 
Befähigung fo wie bie gertigfeit im 2ef)ren ben betreffenben 
Staatsbehörben nadjgewiefen fyabtn. 2llle öffentlichen unb 
s ßriöat=Unterricht§= unb (är3iehung§=2lnftalten ftehen be^t)alb 
unter ber 2luffid)t beS <&taat% unb ber vom (Staate beftimm= 
ten 23ehörben. Sie öffentlichen ßefjrer ftnb StaatSbiener. 
25a ber Staat bie Aufgabe hat, bie geiftige 2lu§bilbung ber 
Staatsangehörigen gu »ermitteln unb ju übermachen, fo muf$ 
für bie Silbung ber 3ugenb buref) Schulen genügenb ge- 
forgt unb ber Unterricht beaufftchtigt »erben. £)ie ßltern 
be^w. beren Stellöertreter ($ormünber u. f. ».) bürfen bie 
Äinber nicht ohne ben Unterricht laffen, welcher für bie öffent= 
liehe 33oltefd)ule oorgefd)rteben ift. Selbftoerftänblich barf 
bie SBiffenfchaft unb 2et)re in il)rer Ausübung biejenigen 
©renken nicht überfd)reiten, welche burch bie ©trafgefe^e ge= 
jogen ftnb. 

5. 9ted)t ber freien 2ötöenöäu&erung. 

3u ben fechten ber perfönlidjen Freiheit, welche burd) 
bie SSerfaffung gewährleiftet werben, gehört aud) ba§ Siecht 
ber freien 9Jceinung§äuf$erung, ba3 3fted)t, burd) SBort, 
fflrucf, Schrift ober bilbltdje SarfteOung feine 2tnftcht, feinen 
Sitten funb ju geben. Selbftoerftdnblich ift be§halb nicht 
jebe Meinungsäußerung erlaubt, bie ftrafrechtliche Sßerant* 



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Bürgerrecht. 



27 



wortung in galten ber 3 ua ^ er ^nblung gegen bie @traf= 
gefe^e nicht au^gefc^loffen. (S§ ift aber bie früher beftanbene 
(Senfur, b. h- bie Abhängigfett jeber Veröffentlichung burd) 
bie treffe Don einer oorgängigen Prüfung unb (Srlaubmfc 
ber <Staat3bef)örben in Söegfall gefommen. 2)ie $re&freiheit, 
b. h- bie Freiheit ber Verbreitung be£ ®ebanfen3 burd) ben 
5)rucf, ift für ba§ gefammte beutfdje 3Reic^ gefe|3lich geregelt. 
2)anad) ift jtoar ber betrieb be§ $refegetoerbe3 frei, auf 
jeber 3)mcffd)rift mufc jebod), falte fte nicht lebigltd) ben 
ßtoeefen be§ ©eroerbeS ober VerfehrS, be3 fyäu§tid)en ober 
gefelligen Sebent btent, ber 0came beS ©rudert unb beö 
Verlegerg, b. h- be£jenigen, für beffen 9fted)nung bie 5)rud* 
fdjrift herausgegeben wirb, bei 3eitungen unb 3eitfd)riften 
aud) ber üerantoortlid^e JRebafteur angegeben unb fo toeit 
t§> ftd) nic^t um rein mtffenfd)aftlid)e ober auf Äunft, ©e= 
toerbe ober 3 n ^uftne bezüglichen 2)rucf fünften hanbelt, ber 
^oliseibehörbe ein @;remplar zugeftettt »erben. 

6. SRecrjt ber freien SSerfammlung unb ^Bereinigung. 

Sin 3ufammenf)ange mit bem Died)t ber freien ÜRei* 
nung^äufterung ftel)t ba3 3fted)t ber freien Verfamtn = 
lung unb Vereinigung. 2)ie ©runblage biefer Vered)ti= 
gung unb ber im Sntereffe be3 ©emeintuohlS nothtoenbigeu 
Begrenzung berfelben bilbet aud) fyex Verfaffung unb 
bas ©efe£. ©anad) ftnb alle s -ßreuj$en berechtigt, ftd) ohne 
Dorgängige obrigfeitliche ßrlaubnifc frieblich unb ohne SSaffeu 
in gefdjloffenen Räumen }u oerfammeln. SBenn inbefe 
in ben Versammlungen öffentliche Angelegenheiten be* 
rathen werben follen, muj$ ber Drtepoli^et minbeftenö 
24 <5tunben öorfjer Anzeige gemalt werben. Vei Ver= 
fammlungen unter freiem Gimmel mufe biefe Anzeige 
in allen gdllen unb zwar minbeftenS 48 (Stunben oorf)er 



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28 



(Srfter Ztyil 



erfolgen. Serben SSorfd^ldge erörtert, welche eine Slufforbe- 
rung ober Anregung ftrafbaren £anblungen enthalten, 
fo fann bie ^oltgeibe^örbe, welche berarttge SSerfammlungen 
burd) ^Beamte überwachen lafet, biefelben auflöfen, unb muf$ 
bann jeber Anwefenbe ben Drt fofort bei ©träfe üerlaffea. 

@ol baten bürfen weber in noch aufeer bem 3)ienft 
beratt)f(^lagen ober fiel) anberS als auf 33efel)l berfammeln. 
Serfammlungen unb Vereine ber&anbwehr $ur Söerathung 
militärijeher Einrichtungen, befehle unb Anorbnungen ftnb 
auch bann, wenn bie Sanbwehr nid)t einberufen ift, unter* 
fagt. £)a§ £eer mufe im Sntereffe ber Aufrechter* 
Ijaltung ber 9ftanneSäUcf)t Don poli tif d>en Einflüffen 
frei gehalten werben, ber ©ehorfam gegen bie An= 
orbnungen unb befehle beS oberften Kriegsherrn 
unb ber in feinem SDtenfte ihnen SSorgcfe^ten b i 1= 
ben für bie ©olbaten baS unwanbelbare ©efefc, 
welches fie unbebingt $u befolgen h a &en. 2)er 
öffentliche ^rieben, bie 3ftuhe unb Drbnung im ©taate 
würben of)ne biefe Einrichtung nicht aufrecht erhalten werben 
fönnen. 

2)ie SBilbung oon ©efellfchaften unb Vereinen 
ju gweefen, welche ben ©trafgefe^en nicht §uwiberlaufen, ift 
ohne SBefchränfung geftattet. SBenn fie jebod) bie Einwir= 
fung auf öffentliche Angelegenheiten bewerfen, müffen bie 
©tatuten unb baS SSergeichnife ber TOglieber ber DrtSpolt* 
geibehörbe eingereicht werben. $olitifd)e Vereine b. h- fol<t)e, 
welche ftch bie Erörterung ber Einrichtungen beS Staats $ur 
Aufgabe ftellen, bürfen weber grauenSperfonen, noch ©chüler 
ober fiehrlinge als üflitglieber aufnehmen, pdf) auch nicht mit 
anbern gleichartigen Vereinen gu gemeinjamer SMrffamfeit 
in Serbinbung fefcen. SBerben folche ©efefcwibrigfeiten be= 
gangen, fo fann bie ^poligeibe^örbe ben SBerein vorläufig 



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Bürgerrecht. 



29 



fd)lief$en unb entfdjeibet bemnadfoft baS ©erid)t barüber, ob 
es bei ber Sdjlie&ung enbgültig öerbletben foü. 

7. (Sct)u<3 beS <£igentf)um$. 23ebeutung beS gefolgerten <5tgentf)umö 

für baS ©taatöroefen. 

©er gleiche Sd)u£, welchen jeber Staatsbürger 
für feine $erfon beanfprudjen barf, ftel)t iljm oer= 
faffungSmä&tg aud) für fein Gngentfjum gu. (Sr foU 
im Sejtfce beffen, was ifnn gehört, toorüber er auöfdjliefelid^ 
gu oerfügen fjat, gegen Eingriffe feiner Mitbürger wie gegen 
Verfügungen ber Staatsgewalt gefegt werben. 2)aS Cngen* 
tfyum ift einer ber ftärfften ©runbpfeiler beS StaatS= 
mefenS. Sdjon in ber 3^it, als baS Staatsleben pdf) nod) 
tn ben erften Anfängen bewegte, als bie gamilien nod) 
truppweife umfjergogen, befafe bod) jebe gamilie bie £eerbe 
unb bie ©egenftänbe, beren fte gur #erfteUung ber (Sinrid)* 
tungen tljreS ietrjeiligen Aufenthalts beburfte, als gefonberteS 
<5igentf)um. 2JcMt ber fortfdjreitenben (Sntwicfelung ber 23tefj= 
gud)t, mit ber grfenntmfj ber 2Bid)tigfett beS AcferbauS fteüte 
p(f) bann baS 23ebürfnift IjerauS, aud) ben ©runb unb 23oben 
gu feilen. 3unäd)ft eigneten fid) bie in erfter 3 e *t wenig 
gaf)lreid)en ßanbeSbewoluter fo oiel ©runb unb Söoben an, 
als fte bebauen unb für bie $mtdz ifyreS SebenSbebürfniffeS 
benufcen fonnten. <Da bie einstigeren unb oerftänbigeren 
aber balb ernannten, bafe ber ©runbbeftfc für if)ren 3Bof)l= 
ftanb einen großen 2Bertf) habe, fo mürben bie ©runbßücfe 
befttmmt abgegrengt unb bilbeten nun ein auSfd)lief$lid)eS 
<5igentf)um beffen, bem fte gugetf)eilt würben. Sic 2ld)tung 
bor bem (Eigentum ift gu allen Seiten als eine ber 
ftärfften unb fefteften ©runblagen ber @efellfd)afts= 
orbnung unb beS Staatswesens angefefyen. ©ieSBotyl* 
fa^rt ber Bürger, oon welker baS Gemeinwohl beS Staats 



30 



(Srfter Sljeil 



abhängt, fterjt bamit in innigftem 3 u f amm cn^ange. £)er 
Bauer würbe bie Saat nid)t beftellen, wenn er ntd)t fttfjer 
roäre, bafe 9tiemanb bie 2J?ad)t rjat, ihm bie grud)t feirte§ 
gleifteS, feiner Arbeit $u entreißen. (Sbenfo oermag ba3 
Kapital, ber £anbel, bie Jnbuftrie nid)t jn beftehen, roenn 
nidjt gebem ber SBefifc beffen, roaS er fld) erroorben ^at, ge= 
fidjert bleibt. £>er£rieb jutn Schaffen nnb grroerben 
mürbe erlahmen nnb fd)toinben, roenn eS fein be= 
fonbereS (Eigenthum geben, roenn 3eber in ben S3e- 
fi| beS Slnbern roillfürlid) eingreifen, ihm benfel* 
ben entziehen ober ihn im ®enu& beffelben be= 
f d&ränfen bürfte. 2luS einer folgen SBergeroaltigung roürbe 
eine 33erroilberung entftefjen, roeldje bie 2luflöfung beS (Staates 
$ur notrjmenbigen §olge haben nnb bie 23eroohner ber oöl= 
ligen 3crfar>renJ)eit, bem größten (Slenb preisgeben roürbe. 
(§S roürben fid) Suftänbe ^erau^bilben, l)inter melden bie 
ber roilbeften ungebtlbetften Golfer roeit jurücfbleiben bürften, 
benn felbft bei biefen befterjt, roenn aud) nur mangelhaft 
auSgebilbet, bie ©etoäljrleiftung beS (SigentbumS. 2)er ©e- 
banfe, ba§ baS gefonberte (Sigenthum roegfaUen, bafe tnSbe* 
fonbre ber ©runb nnb S8oben ungeteilt im 23efi^e beS 
(Staates oerbleiben unb biefer bie SluSnu^ung beffelben burd) 
bie (Staatsbürger beroirfen foU, fterjt barjer mit bem begriff 
eines georbneten StaatSroefenS in greflftem SBiberfprud). 
<Die SBefeitigung gefonberten (SigentfjumS iftgleid)* 
bebeutenb mit ber 2luflöfung beS Staates. (Ssift aud) 
ein oertüerflid)er gnthum, )U glauben, ba& baburd) eine 
SSerbefferung ber Sage ber Arbeiter herbeigeführt roerben 
fönnte. $ud) ber Arbeiter roill burd) ben Sofjn, roeldjen er 
fid) burd) bie &nftrengung feiner ßraft erroirbt, su irgenb 
einem perfönlidjen ©tgenthum gelangen. <Durd) bie &r* 
beit, burd) feinen grleife erroirbt er fid) ein roarjreS 



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33urgerred)t. 



31 



Utib eigentliche^ 3fted)t nid)t blo§ auf bie 3a*)lung 
be3 SorjneS fonbern aud) auf bie 28erroenbung be§= 
fclben. Surd) bie Umtoanbelung be§ 23eji£e3 in @emein= 
gut wirb bie Sage ber arbeitenben klaffen nur ungünftiger. 
9JUt bem ßigentf)um§red)t roirb bem Arbeiter bie $ottmad)t 
endogen, ben erroorbenen ßofjn nad) ©utbünfen anzulegen, 
c§ roirb irjtn bie 2lu§ftd)t unb gäf)igfeit genommen, fein §ab 
unb ©ut }it mefjren, burd) feinen Sleifc $u einer befferen 
(Stellung gu gelangen. 5)er ©ebanfe ber ©emeinfamfeit 
alles 23eft£e§ ift aber aud) mit ber ©ered)tigfeit unserem* 
bar, benn ba3 9ted)t gum Söeftfc gefonberten (Sigen= 
tljumS rjat ber üftenfd) üon ber 9latur empfangen. 

tritt gerabe in biefer 23e$tef)ung ein roefentlid)er 
Unterfd)ieb ätüifdjen 2ftenfd) unb 2I)ier rjeroor. SBeil 
ber ÜKenfd) mit Vernunft auSgeftattet ift, finb iljm 
trbifdje ©üter nic^t §um blofeen ©ebraud) roie bem 
Spiere gegeben, fonbern er fyat ba3 perfönlidje 23e= 
ft£red)t nid)t blo§ auf 3)inge, bie beim ©ebraud) 
Derart »erben, fonbern aud) auf foldje, toeld)enad) 
bem ©ebraud) befielen bleiben, hierin liegt aud) ber 
©runb, roeSrjalb e£ 3fad)te auf perfönlidjen 23ep^ öon ©runb 
unb SSoben geben muß. Sie 91atur f)at bem 9J?enjd)en eine 
um)erfteglid)e Quelle jur Söefrtebigung feiner trad)fenben S3e= 
bürfniffe angeroiefen, unb eine foldje Dueüe ift nur ber SBeftfc 
ber £eben§güter mit ben *8ortf)eilen, roeldje er bem 23eft£en= 
ben bietet. 2)er gefonberte 23efifc ift bafyer eine gorberung 
ber menfd)lid)en 9latur. Snbem ber TOenfd) an bie §er= 
ftettung eigenen 23efi£e§ förperlidjen gleifc unb geiftige (Sorge 
fe&t, mad)t er ftd) benfelben roertf)öotl unb fütjlt ftd) ttof)l 
in bem ©enufe felbftgejdjaffenen ©uteS. W\t »e$t fyat bie 
ÜJ2enfcftheit ftetö im ^aturgefejj bie ©runblage für ben Son= 
berbeft£ unb bie Teilung ber ©üter gefunben, unb bie 



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32 ßrfter S$eiL 

Staat«gefe£e, loeldje ihre Serbinblichfeit öom Saturgefefce 
herleiten, haben biefe« *Ked)t überall gefd)ü|t. 3Bit bem 
Söegfatt be« Sporn« für bic Strebfamfeit unb ben §leifj 
mürben aud) bte Quellen be« SBohlftanbe« Derftegen. SDie 
3rrlef)re, meldte barauf au«gef)t, bafe ber 6taat allen Son= 
berbeft£ eingießen unb $u öffentlichem ©ute machen foU, 
ttürbe baher allen (Staatsbürgern, inSbefonbere auch ben 
Arbeitern feinen Üftufcen bringen, für biefelben öielmehr bie 
fdjtoerften Stäben im ©efolge Ijaben. (Sie nriberftrettet ben 
natürlichen fechten eine« jeben 5ftenfchen, oerjerrt ben SBeruf 
be« Staats unb macht bie ruhige unb frieblidje fortfchreitenbe 
(Sntroicfelung be« ©efellfchaftsleben« unmöglich- @S ift be§= 
^alb als ©runbfa^ feft^uhalten, bafc ba« ^rioateigenthum un* 
antaftbar unb heilig ift. £>ie 2Btd)ttgfeü biefer ©runb* 
läge be« Staat« ift bemgemäfe auch in ber SSerfaf* 
fungSurfunbe in bem ©runbfafc gum 2luSbruc! ge* 
bracht, bafe baS (Sigenthum unöerle^lich ift unb nur 
auS ©rünben be« öffentlichen Bohl« gegen (§nt= 
fdjdbtgung entzogen ober befchränft toerben barf. 
©ie (Staatsbürger fönnen hiernach nur bann genötigt roer* 
ben, fid) einen (Eingriff in ihr (£igenthum«red)t burd) bie 
Staatsgewalt gefallen $u laffen, wenn es ba« Sntereffe ber 
<StaatSgemeinfd)aft erforbert. Sie müffen bann bem höheren 
3>nteref)e, welches ja auch mit ihrem eigenen oerfnüpft ift, 
9taum geben. ©er Staat barf baS ®igentf)um feiner S3ür= 
ger aber nur bann einfdjränfen, wenn baburd) ein erheblicher 
Schaben oon Slnbern ober öon bem Staate felbft abgemenbet 
ober ihm ein beträchtlicher SSortheil, meiner ber ©efamrnt* 
heit gu gute fommt, üerfdjafft werben foll. SBenn alfo bei* 
fptelSweife au« ber SaufäUigfeit eine« ©ebäubeS UnglücfS= 
falle §u beforgen ftnb, fann ber 23ejtfcer 511m Abbruch beffel= 
ben oeranlafjt werben. SBenn e« fid) ferner um Anlegung 



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Bürgerrecht. 



ober weitere 8ht£beijmmg öon öffentlichen Straften, gifen« 
bahnen ober banalen ober um bie (£rrid)tung Don geftung§= 
anlagen Ijaubelt, fönnen bic 23efij$er ber in ber SSaulinie 
belegenen ©runbftücfe angehalten werben, fo oiel baoon, als 
biefem 33efmf erforberlid) ift, bem Staat fäufüd) ju Aber* 
laffen. 3n gleicher Sßeife ift ber Staat nad) prettBifdjem 
£anbred)t gut Slbmenbung brotjeuben s Diotr)ftanbe§ berechtigt, 
bie 23efi£er üon (^etreibet»orrätr)eu §um SSerfauf berfelbeu 
$u nötigen. (53 ift in allen biefen gäUen ber ®nmbfak 
maftgebenb, bafe einzelne 9fted)te ber Witglieber be§ Staate 
ben fechten unb Pflichten jur SBeförberung be§ gemein* 
fdjaftlidjen 2Bot)I§ nad)ftef)en muffen, ber Staat aber bie= 
jenigen, meiere genötigt finb, tf)re föedjte bem 2M)le be^S 
gemeinen SöefenS ju opfern, in ootlem Umfange 51t etrt» 
fd)äbigen §at 

S)er Äönig ift ber Präger ber Staatsgewalt. 
3r)m gebührt bie ^adjtoolltommenheit, oljne roeldje ba§ 
Staatsregiment nid)t geführt werben fann. gür biefeS l)öd)fte 
unb widjtigfte Jfoit im Staate, meldjeS bie ftc^erfte unb mäd)= 
tigfte Sd)uktoel)r gegen 2Bi(lfur unb (bemalt, bie befte ®etoäf)r 
für Unpartetlid)feit unb ©ered)ttgteit bietet, nimmt beSfyalb 
bie Serfaffung ben ftarfften Sd)uk in Slnfpntd), inbem e3 an 
bie Spi£e beS betreffenben 2lbjd)nitt3 ben Safc ftellt: £>ie 
Sßerfon be§ Königs ift unoerleklid). 2)er $önig ift 
nur ©ott allein unb fonft ^iemanbem wegen feiner 
3ftegierung§f)anblungen oerauttü ortlxdr). (£r ftet)t 
über bem ®efe£, feine ^erfon ift geheiligt burd) 
bie Stellung, weldje er als bic oberfte Spt^e als 
ber £üter ber Staatsgemalt einnimmt. 3>n il)m öer« 
förpert ftd) bie grof3e unb fd)öne Aufgabe, fclbftloS, unbeirrt 

58ür<ienecbt unb $Biiro|crtu3cni\ 2. 2(ufl. 3 



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34 



erfter 2$eil. 



unb unbeeinflußt burd) anbertoette 3>ntereffen ba§ (Staate 
tuoljl gu erhalten unb gu förbern. 3)er $önig ift ber Srd= 
ger ber SSolföeinljeit. 3f)tn fällt bie Aufgabe *u, bie gwifdjen 
ben Derfd)iebenen ©nippen unb klaffen ber <Staat3gefellfd)aft 
entfteljenben (Stretttgfetten im (Sinne be§ ©emeimt)oljl<3 $u 
entfdjjeiben. SBie ba§ SSolf feine nridjtige grage ofyne ben 
9ftonard)en löfen fann, fo ift biefer in ber 5)urd)fü!)rung 
feiner $läne an bie TOtoirfung ber $olf<§meinung gebun* 
ben, aber in feiner (Sntfcfyetbung ift er frei, Don 9Uemanb 
abhängig al§ uon ©ott unb feinem ©enriffen. ®er $öntg 
ift bie üBerförperung be£ (Staate^ in einer $erfon. 
ifjm ift bie fyülle ber ÜD^ac^t unb be<S tfted)t§, ba3 Seben unb 
(Streben ber Nation vereinigt, ©aburd) baß ber 9ttonard) 
an bie SSerfaffung' gebunben ift — er leiftet beim Sftegie* 
rung§antritt in ©egentüart be<S Bereinigten SanbtageS ba§ 
eiblid^e ©elöbniß, bie ^erfaffung feft unb um>erbrüd)lidj $u 
galten unb in Uebereinftimmung mit ben ©efe^en $u regie= 
ren — nn'rb feine Söebeutung im Staatöleben nod) erf)öl)t, 
feine 9ftad)t, fein (Sittflufj auf baffelbe nod) ftärfer unb fixerer 
begrünbet. SLreff enb l)at ber gegenwärtige Präger 
ber $rone Greußens in ber Sfjronrebe öom 17. ^uni 
1888 bie (Stellung be§ ßönigS jur »erfaffung mit 
ben Borten gefennjei^net: „2)er gefe{$lid)e SBeftanb 
ber3fted)te be§ÄönigS genügt, um bem <Staat§leben 
ba§ 2ftaaß monardjifdjer (Sinrotrfung $u fid)em, 
beffen ba3 £anb nad) feiner ©ntmicfelung, nad) 
feiner 3 u f ammeu f e ^ un 9» na § feiner (Stellung im 
beutfdjen 9Reid)e unb nad) ben ©efüfylen unb ©e= 
mofynfjeiten be§ $olfe§ bebarf. SDte SSerfaffung 
enthält eine geredjte unb nü£lid)e $ertf)eilung unb 
5ftttnmfung ber öerfd)iebenen ©etoalten im (Staate 
leben." 2Me unmittelbaren Drgane für bte 3ftegierung3= 



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^Bürgerrecht. 



35 



fyanblungen beS ÄöntgS ftnb bie 2fttnifter, meiere beSljalb 
aud) bei allen SRegterungSaften mitjutuirfen fyaben. (Sie 
ftnb bie oberften (Staatsbeamten, aeldje öerfaffungSmäfetg 
ba^u berufen ftnb, bie (Staatsregierung nad) bem SBiHen beS 
Äönig§ §u leiten unb mit eigner öotter Seranüoortlidjfeit 
gu vertreten. 3^ Ernennung unb (Sntlaffung Ijängt lebig= 
lid) öon bem 2BiUen beS Königs ab. 

2)er $önig füfyrt ben Dberbefeljl über baS 
£eer. allein ftefjt bie ßntfdjeibung überÄrteg 

unb Sne&en ju. GSr ift ferner ber alleinige Vertreter 
beS @taate§ in folgen fingen, meiere burd) Vertrage mit 
anbern (Staaten georbnet roerben. 9ßur §anbelSüerträge 
unb foldje Verträge, burd) roeldje bem (Staate Saften ober 
einzelnen (Staatsbürgern $erpflid)tungen * auferlegt werben, 
bebürfen gu ifyrer ©ülttgfeit ber Sufttmmung beS SanbtageS, 
»eil fte in bie nnrtljfdjaftlidjen Serfjältniffe unb in ben £auS* 
fyalt beS (Staates eingreifen. 

2)er $önig fyat baS 3fted)t ber Segnabigung 
unb (Strafmilberun g. (Sine bereits eingeleitete Unter* 
fudjung barf aber nur mit Stimmung beS ßanbtageS 
ntebergefdjlagen werben, bamit weber bie SreftfteHung ber 
(Sdjulb nod) bie ber Unfdjulb ber georbneten Rechtspflege 
entzogen mtrb. 

Sem Röntge ftet)t ferner bie Serleiljung Hots Drben 
unb anbern nid)t mit 23orred)ten oerbunbenen StuS^eic^nun* 
gen gu, ebenfo bie Ausübung beS 3Rünjred)tS. £)er ßanb« 
tag wirb Don if)m berufen unb gefdjloffen. 2)aS Slbgeorb* 
netenfyauS fann üon iljm aufgelöft ober oertagt werben. 

2)aS ^öntgtfjum, bie tone ift erblich in bem 2ttanneS* 
ftamme beS Kaufes ^oljenjollern nad) bem Dftedjte ber (Srft* 
geburt. 2)er erftgeborene (Soljn ift bal)er ftets ber SEfjron* 
folger. (Stirbt beffen 2J?anneSftamm aus, fo gef)t ba§ 

3* 



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36 



(Srfter Xfjeil. 



£l)ronfolgerecf)t auf ben ^anneSftamm be§ gweitgeborenen 
@ofjne§ über. 2)ie äMiäfyrigfeit be§ Königs tritt fdjon mit 
ber 33ollenbung be3 achtzehnten 2eben§|ahre<3 ein. D^ne 
(SintoiHigung be§ SanbtagS barf ber ßönig nid)t jugleid) 
£errfä)er anbrer deiche fein. 

3m galle ber 5ttinberjäf)rigfeit ober fonftiger bauernber 
SSerfjinberung wirb bie ^teflöertretung (Sftegentfthaft) burd) 
ben nädjften männlichen Angehörigen be3 Äönig§^au{e§ au§* 
geübt. 2)er [Regent fjat $unäd)ft ben ßanbtag §u berufen, 
welcher über bie Dtothwenbigfeit ber 9fagentfd)aft $u be= 
fd)lie&en hat. @r hat beim Antritt ber 9tegentfd)aft baffelbe 
eiblid)e ©elöbntfc wie ber Äöntg abzulegen. 23t3 ju biefer 
6ibe3leiftung ift ba3 beftehenbe gefammtc 6taat3miuifterium 
für alle 9ftegierung§f)anblungen öerantwortlid). 

D. £er Sanbtag. 
3ufammcnfe&ung beffelben. 
9ied)te unb tyrlitljtat ber $Säf)ler unb Slbgcorbneten. 

2Bie fd)on &orf)in ermahnt wirb bie gefefcgebcnbe ©ewalt 
gemeinfc^aftltdt) üom Könige unb bem £anbtage ausgeübt. 
2)er Sanbtag beftel)t aus jwei körperhaften: bem §anfe 
ber Abgeorbneten unb bem #erren!jaufe. ©efefee fönnen 
ba^er nur bei üofler Uebereinftimmung be§ $önig§ mit 
beiben Käufern be£ ßanbtagS ju 6tanbe gebraut werben. 
£)er könig unb ber 2anbtag futb auf biefem ©ebiete öoÜ= 
fommen gleichberechtigt, ©ine Ausnahme finbet nur in bem 
Salle flott, wenn ©efaljr im $er$uge obwaltet, wenn bie 
Aufred)terhaltung ber öffentlichen <Sid)erf)eit ober bie 23efeiti= 
gung eines ungewohnten 5Rotf)ftanbeö ber 6taat3regierung 
bie unabweiSlidje Pflicht auferlegen, uuoeqüglid) bie im 
(StaatSintereffe gebotenen 9J?af$regeln ju treffen, unb ber 



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Bürgerrecht. 



37 



Sanbtag mfyt rjerfammelt ift, bie foforttge Serftänbigung 
mit bemfelben baher nid)t ermöglicht werben fann. $n f°l s 
d)en gäden fann ber Äönig unter Serantroortltchfett be3 (je* 
fautmten (ötaat§müüfterium§ 2>erorbnungen, roeld)e ber 23er= 
faffung nid^t auroiberlaufen, mit ©efefcesfraft ertaffen. 2)ie= 
felben ftnb inbefe bem ganbtage bei beffen nächftem 3ufam= 
mentreten $ur Stimmung üorjulegcn. 

3u ben ©efefcen gehört auch ber §au3haltung§plan be§ 
(Staats, ber fogenannte (staat§haushalt3etat, in welchem bie 
(Sinnahmen unb 2lu3gaben be§ (Staats öeranf^lagt ftnb. 
@r btlbet bie ©runblage für bie 23eftreitung ber Soften ber 
(Staatööerroaltung. 

2)a3 9tetf)t, ©efe^e in $orfd)lag bringen, ftetjt foroorjl 
bem Könige als auch jebem §aufe bcS SanbtageS ju. 2Ber= 
ben ©efe^esöorlagen Dom Könige ober Don einem ber beibcn 
Käufer be§ SanbtageS abgelehnt, fo bürfen fie in berfelben 
8i£ung3periobe nidjt roieber vorgebracht roerben. 

2)a£ Herrenhaus befielt auS ben grofeiäljrigen $ßrin= 
jen beS königlichen Kaufes unb ben mit erblicher 23ered)* 
tigung ober auf £ebenS$eit öom Könige berufeneu ^flit* 
gliebern. Unter biefen ftnb inSbefonbere Vertreter ber grö* 
feeren ©täbte, ber Uni&erfttäten unb beS alten befeftigteu 
©runbbeft^eS. 

2)aS 21bgeorbnetenf)auS beftef)t aus 433 2ftitgliebern, 
roelcfje com 33olfe für eine ®efe£gebungS:periobe Don fünf 
Sauren gerodelt werben. 2öäf)ler (Urwähler) ift jeber felb= 
ftänbige ^ßreuße, welker baS 24. SebenSjahr öollenbet hat, 
ftcf} im SMbefifc ber bürgerlichen G^renrecfete beftnbet, feine 
öffentliche Slrmcnunterftü^ung empfangt unb in ber betreffen* 
ben ©emeinbe feit fe$S ÜHonatcn wohnt ober fid) aufhält. 
TOilttärperfonen ftnb, fo lange fte ftd) im 5)ienft befinben, 
ni(ht wahlberechtigt. Sie Urwaf)l erfolgt in jebem 2Ba^l= 



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38 



(Srfter Ztyil 



bewirf in brei Abteilungen. SDiefelben »erben nach Wlafc 
gäbe ber oon ben Urwählern ju entridjtenben bireften (Staates 
©emeinbe*, ÄreiS* unb $romn$talfteuem gebilbet. 2)ie 
•Wahlberechtigung »irb burd) öffentliche Auflegung ber Ur= 
aal)lerliften feftgefteUt. Sebe Abteilung »dhlt befonberS 
unb gttjar ein drittel ber gu »dhlenben Sa^mdnner. 

3)ie Söd^ler heilen Urwähler, »eil fte ben Abgeorbneten 
nid)t unmittelbar »dblen, fonbern einem Vertrauensmann 
aus ihrem SBarjlbejirf bie ©timme geben, »eld)cm fte ba= 
burd) ben Auftrag erteilen, einen »ürbigen (Staatsbürger 
für baS mistige Amt beS Abgeorbneten §u ermäßen. 5)ie 
2öaf)lmänner treten bemndcbft gufammen unb fdjreiten gur 
2Bal)l ber Abgeorbneten. 3ür tiefet Amt ift jeber ^reufee 
»ä^lbar, »eld)er baS breifcigfte SebenSjahr oollenbet hat, 
ftd) im Solibeftfc ber bürgerlichen Ehrenrechte befinbet, unb 
bem ^reufcifchen <StaatSüerbanbe ein 3ahr lang angehört 
hat. ^iemanb barf 3föitglieb beiber £dufer beS SanbtageS 
fein. ^Beamte bebürfen gum Eintritt in ben Sanbtag feines 
Urlaubs, »eil fte bamit nicht allein ein (5r)renrec3r)t ausüben 
fonbern eine ftaatsbürgerliche Ehrenpflicht leiften, an bereu 
Erfüllung fte in feiner SBeife gehinbert »erben bürfeu. 
9ftid)t minber erfüllt auch & er SBahlmann unb ber 
Urwähler eine ftaatsbürgerliche Ehrenpflicht, »enn 
er fich an ber2Baf)l burch bie Abgabe feiner stimme 
thdtig betheiligt unb oerlefct biefe Pflicht, »enn 
er fich &on ber SBahl fern halt. ES liegt im SBefen 
beS aSerfaffungSftaatS, bafc biejenige ßörperfdjaft, »eiche bie 
Vertretung beS VolfeS bilben foü, aus SKännem jufammen* 
gefegt »irb, »eiche burch fy* Sßerfönüdjfeit unb burch fy™ 
©eftnnung bie ®e»ähr bafür bieten, bafe fte nicht allein 
frei oon Sonberintereffen baS ©emein»ohl beS Staates feft 
im Auge haben, fonbern auch & en tiefem ©eftd)tspunft ent= 



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i8ürgerred)t 



39 



fpredjenben Sötllen ber 2ttel)rf)eit beS SBolfeS zum SluSbrucf 
bringen, ©er SerfaffungSftaat öerfef)lt feinen 3wecf, wenn 
biefeS Biel burch bie 2$af)l ber SolfSoertretung nid)t erreicht 
roirb. 3n bcm £aufe ber Slbgeorbneten, welches ba^u be= 
rufen ift, in ©emeinfd)aft mit bem £errenhaufe ber Staate 
oerwaltung in ben SJtofjnafjtnen zur Söegrünbung unb gor* 
berung beS StaatSmohlS $ur (Seite zu fielen , fotl ftcft ber 
33olfSwifle oerförpern. 2)tefer fann aber nur unter ber 
23orauSfe£ung in wirffamer zföecfentfpred)enber SBeife zur 
©eltung fommen, wenn alle wahlberechtigten Staatsbürger 
üon ihrem Wahlrecht ©ebraud) machen. 2>er Bürger, 
welcher in ©leidjgültigfeit gegen bie 2lngelegen = 
hexten beS Staats fid) Don benfelben fern fyält, 
feine ftaatsbürgerlidjen fechte nicht achtet, tnfi* 
befonbere Slnbern bie Sorge für bie 2ßaf)len zur 
$olfSoertretung überlädt, labet bal)er eine fehlere 
Scf)ulb auf fid). (Sr oergifct babä, bafe er, ohne gezwun= 
gen z u fein, in ben $ampf ber Parteien einzutreten, bie 
Pflicht t)at, für feinen ^h^il Z u ber erfpriefcltchen Gmtmicf* 
lung ber ftaatlid)en Skrhältniffe beizutragen. £)aS 2öahl= 
recht ift baS wichtigfte 3fted)t beS Staatsbürgers, 
toeil baS (Srgebnifs ber 2Baf)l öon ber Mehrheit bei- 
stimmen abhängt unb unter Umftdnben auf baS 
®efd)ttf beS 23aterlanbS Don loefentlichem (Sinflufc 
fein fann. 2)er Staatsbürger, melier fein SSaterlanb liebt, 
barf baher fein Wahlrecht nicht unbeachtet laffen, mufs baS= 
felbe Dielmehr mit Umpc^t unb öollem ^Berftänbnife für bie 
3Bid)tigfeit biefer £anblung ausüben, (Sr mufc fich cor ber 
Abgabe feiner Stimme bie 2Bahl forgfälttg überlegen unb 
ftd) barüber Dergewiffern, welcher $Kann am geeignetften 
fein mochte, bie Aufgaben zu erfüllen, welche ihm burd) bie 
2Saf)l zufallen. (5r t)at feine Slufmerffamfeit nicht lebiglid) 



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40 C^rfter 3$eit. 

ben Don ben Parteien aufgeftellten (Eanbibaten äujumenben, 
fonbern felbftänbig $u prüfen unb $u erwägen, tüeldjeii 
SWännern er fein öofleS Vertrauen fdjenfen barf, welche 
3Ränner nad) x^rem ß^arafter unb ihrer SBefd^tgung bie 
®ewäf)r bafür bieten, bafc pe unbeirrt burdj Sonberintereffen, 
felbfiloS unb gewiffenhaft beftrebt fein werben, ba§ Bohl 
beS 2?olfe3, ba§ £eil beS Staates jur 3fticf)tf(hnur ihrer 
^anblungsrceife ju nehmen. 

Sic ©efefce, ba§ gunbament für baS gan^e bürgerliche 
geben, ftnb im SSerfaffungsftaate öon ber Suftimmung ber 
SSolföDertreter, b. I). beS SSolfeS felbft abhängig. Seber Ur= 
Wähler tft fomit an feinem Steile gut ®efej$gebung mit* 
berufen. ©iefeS 93eroufctfein mufs baju bienen, baS bürgen 
U$e Settftgefffl&l unb bie S^eilna^me für bie ©efdjtcfe 
unfereS SBaterlanbeS $u fteigem unb )u Derebeln. 2BaS Dom 
(Singeinen gilt, ^at auc^ für bie ©efammtljeit feine 3fttd)tig= 
feit: £)a£ SBolf ift feinet ©lücfeS eigener Schntteb. 

£)ie Eröffnung unb {Schließung be§ SanbtagS geflieht 
burd) ben Hörrig ober einen öon U)tn beauftragten TOinifter. 
Sie St^ungen beS SanbtagS finb bffeutlid), Damit 
3eber im ßanbe Don ben 58erl)anblungen Äenntnifc erlangen 
fann. Ser Wortlaut ber SReben unb Anträge wirb burd) 
gebruefte ftenograp^ifc^e Berichte jtd)er gefteHt. SBahrhettS* 
getreue 23ertd)te über Serhanblungen be£ SanbtagS ftnb Don 
jeber £8erantiDortlid)feit frei. 

SebeS ber beiben Käufer beS SanbtagS Ijat für ftdj 
baS Stecht, Sbreffen an ben $önig gu richten unb baburch 
bie SBünfche unb 2lnftd)ten beS SanbeS $ur tfenntnifc beS 
Staatsoberhauptes $u bringen. Sie Witglieber beS £anb= 
tagS h^ben nach ih rer freien Ueber^eugung ju ftimmen unb 
ftnb an Aufträge unb Slntoeifungen ihrer 2Mhler ober an= 
berer ^erfonen nicht gebunben. $riDatintereffen unb Snter« 



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iöürgerredjt. 



41 



effen engerer Greife ober beftimmter klaffen follen bem £anb= 
tage fern bleiben, jebe§ SRttjtieb foH nur ba<§ 2M)l beS 
gefammten (Staates im $uge fyaben, nur nad) ber f)ieburd) 
beftimmten SXuffaffung fyanbeln nnb mit feiner (stimme bafür 
eintreten. 3Me SSerfaffung weift auSbrücfltcf) barauf 
t)in, bafj bie 9flitglieber be3 ßanbtagS Vertreter be£ 
gangen SSolfeö finb r mithin aucfy nid)t baS Sntereffe 
U)re3 2öa!)lfreife<S ober U)re3 (StanbeS fonbern baS 
©emeinmoljl be§ Staates ju berücffid)tigen r)aben. 
3)te ÜWitglieber be« SanbtagS foUett nad) ir)rer freien lieber* 
jengung fttmmen. (Sie jtnb an Aufträge unb Snftruftionen 
nid)t gebunben. (Sie follen mithin offen unb frei ifjre 2In= 
fid)t au§fpred)en unb unbeirrt oon ber SBirfung irjrer 2leufee= 
rungen mit ifyrer Meinung rjeroortreten , aud^ bei Sibftim* 
mungen lebigltd) i()rer Uebeqeugung folgen. 3Me SSerfaffung 
unb ba§ fReicf)^firafre(^t gewährt ifjnen beö^alb aud) ben 
befonbern <Sd)ufc, bafe fte wegen ifjrer Slbftimmnngen niemals, 
wegen ber in Ausübung ifyreS 23eruf3 getanen 2leu£e= 
rungen nur innerhalb be£ £aufeS auf ©runb ber ©efdjäft^ 
orbnung jur 3fted)enfd)aft gebogen werben bürfen. Somit fte 
ferner unberjinbert unb unauSgefefct ifyrer $flid)t ber 23etf)ei= 
Ugung an ben Verätzungen unb Slbftimmungcn nacrjfommen 
fönnen, follen fte orjne ©enetymigung bes Kaufes wärjrenb 
ber ©i^ung^jeit wegen einer mit (Strafe bebrorjten^anblung 
nid)t jur ltnterfud)ung gebogen ober oerrjaftet werben. (Sine 
ausnähme mad)t nur bie Ergreifung auf frifd)er 3$at ober 
im £aufe be3 auf bie SluSübung ber Sfjat folgenben SageS. 
(5benfo wirb jebeS (Strafverfahren gegen ein 2ftitglieb beö 
SanbtageS unb jebe ^>aft für bie 35auer ber SifeungSjeit auf 
Verlangen beä £aufe£, weitem bas betreff cnbe DJfttglteb 
angehört, aufgehoben. 

2)ie 5ftitglieber beS 2lbgeorbnetenl)aufeS werben au§ ber 



42 Srfter Sfjetl. 

@taat£faffe burd) ©etüäljrung Don fteifefoften unb SagegeU 
bern entfdjäbigt. gin 3$er$id)t auf tiefe gntfajäbigung ift 
unftattyaft. 

Sie üJittglieber beiber $&ufer beS SanbtagS fyaben bei 
ifyrem gintritt ebenfo wie alle (Staatsbeamten baS eiblidje 
©elöbnifs abzulegen, bafc fte bem Könige Sreue unb ©e= 
fyorfam bewahren unb bie Verfaffung gemtffen^aft beobachten 
werben. 

E. S)ic riä)terlid)e (Bemalt. 

2)iefe wirb im tarnen beS Königs burd) unabhängige 
©erid)te ausgeübt. 2)er 3Rtcf)ter fotl nad) ben beftef)enben 
©efejjen ;Hed)t fpredjen unb fid) Riebet burd) feinerlei (5in= 
Püffe ober 2huoeifungen leiten laffen. §ür ba£ Urteil, toel= 
d)e3 ber Sftidjter fyienad) feiner freien Ueber^eugung folgenb 
au3fprid)t, ift er ^iemanbem oerantmorlid) als feinem 
eigenen ©eraiffen. 2)ie 3ftid)ter unterfd)etben ftd) fjieburd) 
oon ben übrigen Seamten, roeldje ben Slntoeifungeu unb 
33efet)len ifyrer Vorgelebten geljordjen müffen. 2)te 3Rict)ter 
werben Dom Könige auf ßebenSjeit ernannt unb bürfen roiber 
tfyren SBillen nur burd) UrtfyeilSfprud) ober im Salle einer 
Slenberung ber ©erid)tSoerfaffung oerfejjt werben. 6ie fotlen 
oor jeber ©eeinfluffung gefd)ü|$t, ifyre Unparteilidjfeit üor 
jebem Angriff bewahrt werben. §ieburd) wirb nid)t allein 
if)r <selbftgefüf)l, bic (Selbftänbigfett ifyrer gntfdjeibungen 
geftärft, fonbern aud) baS Vertrauen if)rer Mitbürger $u ber 
Unabljängigfeit iljrer ©efinnung gefräftigt. 

2)ie näheren Angaben über bie ©eridjtsoerfaffung finb 
in bem Stbfdjnitt II C „©eridjtsbarfeit" enthalten. 



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23urgerred)t. 



43 



F. $tc ©clbwirt^aft beö Staate. $er Ztaate* 
^auö^altungöplan. Steuern unb Abgaben. SRcchmmgöwefen. 

Unter ber (Mbanrtrjfchaft beS Staate öerftef)t man bie 
Drbnung unb Regelung ber Einnahmen unb Ausgaben be§ 
(Staats. 3)iefe urirb burd) ben für jebeS 3a^r jum Boraus 
üon ber Staatsregierung aufauftetlenben, Dom £anbtage $u 
erörternben StaatShauShaltSetat beftimmt. ®ie Staats* 
regierung unb ber Sanbtag haben fich über beufelben jährlich 
ju oerftänbigen. 9tach biefem £auShaltungSplan mufc bie 
(StaatSroirthfchaft eingerichtet merben. Ucberfd)reitungen be= 
bürfen ber nachträglichen Genehmigung beS SanbtagS. 

Eine öffentliche einnähme für ben Staat ftnb bie 
(Steuern unb Abgaben, ©er Staat braucht, um bie ihm 
gefMten Aufgaben tmrfjam ju löjen, bebeutenbe einfünfte. 
Um bie 2Mlbung, SBiffenfcrjaft, $un)t, #anbel unb ©eroerbe 
gu förbern, ben Firmen unb Unglücf liehen ju helfen, bie 
Rechtspflege ju üben, baS £ab unb ©ut forme bie Rechte 
feiner SBürger $u fdjüfccn, ftnb erhebliche ©elbopfer erforber* 
lidj, roelcrje er (ich, foraeit anberroeite einnahmequellen nid)t 
x>orr)anben jtnb, buret) Beiträge ber Staatsangehörigen oer= 
fdjaffen mufc. er ift $um Sroecf ber 2tufrecr)tert)altung ber 
StaatSorbnung, jur Hebung beS 2Bot)lftanbe5, §ur görbe* 
rung ber Sntereffen ber ©efamuttrjett genöthigt, 511m Beitrag 
für bie gebachten Ausgaben biejenigen in Slnfprud) ju nel) s 
men, welche oon ben burch ihn geleifteten ©ienften Sortheit 
jiehen. <Da nun fämmtliche Staatsbürger an ben 2öol)l= 
thaten ber Staatseinrichtungen theilnehmen, ftnb auch 2We 
gur 33eifteuer für bie h^u nothroenbigeu Ausgaben »et* 
pflichtet. 3n richtiger erfenntnifc beS ßroeefs ber 23efteue= 
rung mu& jeber Staatsbürger gern unb willig biefen 23ei= 
trag §u ben StaatSfoften leiften, feinen ©emeinftnn auch in 
biefer 23ejtehung burch gennffenrjafte Pflichterfüllung betrjäti= 



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44 



©rfter Sfjetl. 



gen. (§r mufc tiefet um fo mehr, al§ bte Steuern unb 2lb= 
gaben ja nidjt winfürlidj nach bem jeweiligen belieben ber 
Staatäregierung erhoben werben, fonbern tterfaffungSmäftig, 
alfo geje^mäfetg, nur bann unb nur infoweit öon ber Staate 
faffe uerlangt werben bürfen, als fte in ben Staatshaushalte 
etat aufgenommen ober burd) befonbere ©efe^e angeorbnet fmb. 

(SS befielen nun gunä^ft $wet beftiminte klaffen üon 
Steuern, bie bireften unb bie inbireften. (Srftere fuib 
biejenigen, meiere ben Steuerpflichtigen unmittelbar treffen, 
feinem Vermögen, (Sinfommen ober ©ewerbe auferlegt wer= 
ben. AIS folche befielen in ^reufjen 

1) bte ©runb= unb ©ebäubeftener, meiere bie (5igen= 
thümer ftäbtifcfyer unb länblid&er ©runbfiücfe $u treu 
gen haben, 

2) bie ßinfommenfteuer, meldte äße StaatSangehöri* 
gen, bte ein gahreSeinfommen Don mehr als 900 2ttarf 
beziehen, ferner bie Aftiengefettfäjaften unb unter ge= 
wtffen 23orauSfe£ungen aud) bie eingetragenen ©e= 
noffenf^aften, Äonfumöereine, bte Angehörigen am 
berer 23unbeSftaaten unb bie AuSlänber gu entriß 
ten haben, 

3) bie ©ew erb eft euer, weldje Don benjenigen erhoben 
wirb, welche in ^ßreufeen ein ©ewerbe betreiben, 

4) bie Gnfenbahnabgabe, mit melier bte bebeuten= 
beren ^rinateifenbatjnen an Stelle einer ©ewerbe* 
[teuer belastet ftnb, 

5) bie 23ergwerf Sabgabe. 

2)ie Steuern $u 1, 3 unb 5 fommen Dom 1. April 1895 
ab als StaatSfteuern in 2Begfatl. Sie ftnb üon biefem 
Seitpunft ab nur ©egenftanb ber Äommunalbcfteucrung. 

SSon ben inbireften Steuern werben gewiffe £anb* 
lungen ober ©efchäfte fowte bie Einführung öon SBaareu, 



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Eüraerredjt. 



45 



bie Herstellung öott gabrifaten betroffen. @3 fommen als 
folcfye in 33etrad)t: 

1) bie Stemp elfteuer, weldje tf)eil§ 3fteid)3fteuer, tfyeilS 
$reuf$ifd)e 2anbe§fteuer ift, 

2) bie »ed)fel»@tempelfteuer. Siefelbe ift gteidjs« 
fteuer. 

3) bie (SrbfcfyaftSfteuer, weldje SanbeSfteuer ift. 2?on 
berfelben werben nur bie entfernteren $erwanbten be- 
troffen, wogegen bie Regatten unb bieienigen (Srben, 
Weld)e bem (Srblaffer burd) naf)e3 aSermanbtfdjaftä* 
oer^dltnife (Eltern, $inber, ©rofeeltem, ©roftfinber, 
überhaupt bie $erwanbten in auf= unb abfteigenber 8t* 
nie) angehören,- Don berfelben befreit ftnb. (Sbenfo finb 
alle (£rbfd)aften unb $ermäd)tniffe unter 150 Warf, 
ferner Unwillige 3»^enbungen an SMenftboten, falls 
ber Setrag berfelben l)inter bcr (Summe Don 900 Wart 
gurücf bleibt, fowie (Erbfd)aften unb $ermäd)tniffe an 
$ird)en, Sinnen*, 2Bol)ltf)dtigfeitSanftalten unb ber= 
gleiten fteuerfrei. 

4) MeSpielfartenfteuer, 5) bie ®ren$$ölle, 6) bie 
SBrauntweinfteuer, 7) bie üBraufteuer, 8) bie 
SabafSfteuer, 9) bie ßncferfteuer, 10) bie Sal$* 
fteuer, welche fdmmtlid) 3fteid)3fteuern ftnb. 

<So weit ber (Staat bie Littel jur Seftrettung feiner 
Ausgaben nid)t burd) bie ßinfünfte feiner ginanjDerwal* 
tung erlangen fann ober e§ für jwetfmdjsig f)ält, bie jum 
3tt)ecf ber SBeftreitung feiner Ausgaben erforberlid)en Littel 
anberweit aufzubringen, werben oon ber StaatSregieruug 
anleiten aufgenommen. S5a tiefe felbftoerftänblid) aus 
@taat§fonb§ oerjinft unb feiner Qtit burd) Sf)eil$af)lungen, 
b. fy. burd) 2lu3loofung ber über bie 2lnleil)e aufgeteilten 
6taat3fd)ulbüerfd)reibungen etngelöft werben müffen, fo bc- 



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46 



(Srfter Ifjeil. 



barf e§ öerfaffungSmäfcig gur aufnähme oon (Staatsanleihen 
befonberer ©efefce, alfo ber oerfaffungSmäfcigen ÜRitioirfung 
beS SanbtagS. 2)affelbe gilt üon Sürgfchaften, meiere ber 
Staat für gemeinnützige Unternehmungen, 3. 23. für (§tfen= 
bahnen übernimmt, bei benen er alfo in bie Sage fommen 
fann, für bie richtige unb rechtzeitige 3^««Ö »on SM™, 2Ö> S 
fchlagSjahlungen u.f. to. mttStaatSgelbern eintreten $u müffen. 

Sie ^Rechnungen über ben StaatSf)au§h a lt merben 
üon einer felbftänbigen, öon ben 9flinifterien unabhängigen 
23ef)örbe, ber Dber=SRechnungSfammer geprüft unb feft« 
gefteUt. (Sine Ueberftc^t ber allgemeinen Rechnung toirb nebft 
ben SSemerfungen ber genannten 33erjörbe bem Sanbtage gur 
Entlüftung ber Staatsregierung üorgelegt. 2)ie Oberzerf) 5 
nungSfammer rjat tnSbefonbere gu prüfen, ob bie (Staats* 
öenoaltung in allen Steigen mit ben befteljenben Sorfdjrif* 
ten, ©runbfä^en unb Anforberungen übereinftimmt, unb ob 
unb unter melden llmftdnben (StatSüberfdjreitungen ftattge- 
funben haben. 



2Beil bie Serfaffung als oberfteS ©efefc über allen ®e= 
fe^en im Staate fteht, fönnen Abänberungen unb Sufäfce 
berfelben nid£)t in ber für bie ©efejje im Allgemeinen oor= 
gefchriebenen gorm befdjloffen toerben, vielmehr :nu& mit 
$ütffid)t auf bie SBidjtigfeit bcS StaatSgrunbgefefceS in folgen 
gäüen eine gmeimalige Abftimtnung erfolgen. Sie gtoeite 
Abftimmung barf früheftenS nach Serlauf oon 21 Sagen feit 
ber erften Abfttmmung ftattfinben. 

G. Sruöna^mcbcfttmmungcn. 
3m galle eines Krieges ober eines Aufruhrs fönnen 
nad) $orfd)rift ber SSerfaffungSurfunbe bei bringenber ©e= 
fahr für bie öffentliche Sicherheit getoiffe 33eftimmungen ber 



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23iirgerred)t. 



47 



'SSerfaffung geitmeife für beftimmte 23e$irfe aufter ifraft ge* 
fefet werben. SMefe 23efugntfe ber ©taatsregierung ift burcf) 
ein befonbere§ ©efe£, ba£ ®efe£ über beu 23elagerung£* 
guftanb geregelt. SDanad) fann in ^riegöjciten üon jebem 
geftungSfommanbanten ober fommanbirenben ©eneral für 
feinen S5e§irf, in Griebenfetten im galle eines 2lufrut)r^ 
öom ©taatSminifterium ber SBelagerungfuftanb üerbängt 
werben, ©erfelbe hat bie S'^gc, bafe bie gan^e üoUgie^enbe 
(Gewalt auf ben ÜKiUtärbefe^l^aber übergebt, welchem ade 
übrigen 23erwaltung§= unb ©emeinbebef)örben ju gehorchen 
haben. 2U§bann treten für folctje Vergehen, welche bie ge= 
fürchtete ©efal)r herbeiführen ober erhöhen, befonber§ öer= 
fcfyärfte ©trafen ein. grür beftimmte Otiten unb SBejirfe 
»erben bann nach SSebürfnife bie Seftimmungen ber 33er* 
faffung, welche ftd) auf bie perfönliche Freiheit, bie Unoer= 
le£lid)feit ber SBoiniung, bie Unftatt^aftigfeit toon (5onber= 
gerieten, bie freie OftetnungSäufcerung, ^refefreibett, ba3 freie 
2ßerein§= unb 23erfatnmlung§red)t, unb bie SBerwenbung ber 
bewaffneten Stacht*) begießen, aufter Äraft gefegt. @efd)tet)t 
biefeS h™ft<hW<h ber ©erichtöbarfeit, fo werben aufeerorbent= 
liehe Kriegsgerichte eingefefct, welche über alle fd)weren 3Ser= 
brechen unb Vergehen gu urteilen h^ben. UebrigenS fann 
auch o^ne üorgängige ßrflärung be§ SBelagerungfuftanbeS 
im gaüe eines Krieges ober Aufruhrs bei bringenber ©e= 
fahr für bie öffentliche (Sicherheit eine jeitweife Aufhebung 
ber bezeichneten Sorfchriften ber 3Serfaffung mit ShiSfdjlufc 
ber (Sinfe^ung üon ©onbergerichten angeorbnet werben. £)ie= 

*) 5)ie beroaffnete 50?ad)t barf nad) 93orfd)rift ber QSerfaffung ^ur 
Unterbrüdung innerer Unruhen unb jur 2lu3fül|rung ber ©efefce mir 
in ben gefefclid) bejtimntten ^äÜen unb formen auf amtlidje Sluffor 
berung ber SSernjaltungobe^örbe öerroenbet werben (5lrt. 36 ber S3er- 
faffungöurfunbe). 



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48 (Srfter Xfytil 

fen 2lu§naf)mebeftimmungen liegt ber ®ebanfe §u ©runbe, 
bafe in Seiten ber ©efafjr fdjleumge gntfälüffe gefafet unb 
jur SBermeibung fernerer Sdjdbigung be3 StaatSmoljlS fdjnetl 
unb energifd) ausgeführt »erben muffen. %n allen Satten 
mufi aber ba3 StaatSminifterium bem fianbtage fofort ober 
bei nadjftem ßufammentreten über bie Dlot^toenbigfeit unb 
bie SfaSfffl&runfl ber getroffenen aufcerorbentlid)en s Jftaafcregeln 
9ftcdjenfd)aft ablegen. 

II. Sjie Staatsverwaltung. 

A. Sie Staatsbeamten, beten 9*ed>te unb ^füdjten. 

Sie Staatsverwaltung beruht auf ber Sfydtigfeit ber 
Staatsbeamten, ber StaatSbiener. Sie ftnb ba^u 
berufen, bem Staate sur 2luSfül)ruug feiner 3mecfe bienftbar 
31t fein, il)m bie ßöfung ber im Sntereffe bes ©emeinroofylS 
geftellten Aufgaben ju ermöglichen, ©ie Seautten, roelcfye 
bem Staat ju biefem 23ef)uf if)re $erfon, il)re g>t\t, tf)re 
$raft unb gafjigfeit §ur Serfügung fteHen, muffen biefe 
mistige unb ehrenvolle Stellung nid)t als eine bloße 3?er* 
forgung anfeljen, fonbern beffen eingeben! fein, bafe pe, gleid)= 
Diel ob pe an fyofyer ober in untergeorbneter Stelle $u mtrfen 
tyaben, il)re Xfjdtigfett fo einzurichten l)aben, bafc pe bem 
gemeinen heften in vollem Umfange 31t ftatten fommt. ©3 
genügt nid)t, trenn fie einfad) baS t^un, maS tljre§ 
Gimtes ift, fonbern fie müffen es aud) im Sinne 
unb ©elfte beS StaatSjmediS unb StaatSrooIjlS voll* 
führen, ftetS von bem ©ebanfcn befeelt fein, bafe ber Staat 
nid)t befielt, um if)nen ein forgenfreieS Unterfommen unb 
23efd)dftigung }u bieten, fonbern bafe iljnen bie banfbare 
unb mid)tige Aufgabe gufdUt, bem Staate ju bienen, baS 
£eil ber StaatSgemeinfdjaft, baS 2M)l il)rer Mitbürger gu 



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Sürgerrecfjt. 



49 



förbern, bie Örbnung beS StaatStoefenS , treibe tuefenlid) 
baüon abfängt, bafe feine £)rgane, bie Beamten in jeber 
SSeife if)re $flid)t unb Sdjulbigfeit tljun, aufredjt ju erl)al= 
ten. 3)ie Beamten bürfen ifjreS 2lmteS nidjt in ftreng ab= 
gefd^loffencr fogenannter bureaufratifd>er 5lrt raalten. (Sie 
bürfen ftd) nid)t barauf bcfdjrfarfen, it)re amtliche Aufgabe 
tebiglid) nad) bem 23ud)ftaben ber ©efe^e ober ber irmen 
gegebenen ©efd)äftSanroetfung erlebigen. @S liegt leiten 
t)ielmer)r ob, ifjr 2lmt fo auszuüben, bafe ber ßroeef beffeiben 
in möglicher $ollfommenf)eit erreicht roirb. ftur roenn fte 
trjre amtliche Stellung in biefem (Sinne auff äff en , werben 
fte fid) bem Staate unb ©emeinroefen roa^rljaft nü^ltd^ er s 
tüeifen. 2)ie erfte ^3 f l i d) t jebeS (Staatsbeamten t f t 
ber ©efyorfam gegen feine SBorgefefcten, inSbefon* 
bere bie Sreue unb Eingebung $u bem f)öd)ften 23or* 
gefegten, bem Könige. £>te gcnriffenljafte 2luSfüf)rung 
ber üjm aufgetragenen ©efd)äfte unb ber (Srfolg biefer 2ln= 
orbnungen fyängt bamit tnefentlid) jufammen. Sit biefem 
(Sinne leiftet jeber Staatebeamte bem Könige ben (Sib ber 
breite unb beS ©erjorfamS. <Der Staatsbeamte barf aber 
nid)t öergeffen, bafe er ebenfo roie ber $önig aud) jum 
Hilter unb Sd)irml)errn ber SBerfaffung berufen ift, 
aud) an feinem Srjeil bie gleiche S8erpfüd)tung fjat, bafe er 
beSrjalb an ber SSerfaffung unoerbrüd)lid) f eftgu^alten , bafc 
er biefeS StaatSgrimbgefefc oor allen anbern ©efefcen l)od) 
galten r)at. £>er Don fämmtlid)en Staatsbeamten gleid)= 
mä&ig §u leiftenbe SImtSeib enthält beSljalb aud) baS <M& 
brücflidje ©elöbnifc, bajj fte bie SSerfafjung genriffenrjaft be= 
obad)ten werben. 

©ie Staatsbürger fjaben ityrerfeitS alle $er= 
anlaffung, ber Staatsregierung unb berenDrganeu, 
ben aitm <Sd)u£ unb SSoU^ieljung ber ©efejje beru = 

SBüioerrecbt unb «"nrcjertiicjcnb. 2. «ufl. 4 



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50 



(Srfter Sljeil. 



feiten Veamten mit $d)tung unb Vertrauen entgegen 
ju fomuten, ihnen burd) willige Befolgung ber in 
Ausführung ber ©efefce getroffenen Anorbnungen 
bie Ausübung ihrer Amtspflicht $u erleichtern. 2)er 
Staatsbürger rnufc ftd) fiets beffen bewußt fein, ba& ber 
Veamte baS, was er vermöge feines Amtes tfjut, im Snter= 
effe beS allgemeinen heften, $ur gör&erung beS StaatSwof)l£ 
ausführt, bafe bie 2öol)lfat)rt ber ©efammtyeit üon bem rotCU 
fahrigen unb entgegenfommenben Verhalten ber Staatbürger 
abpngt, biefe ba^er aud) bie Verpflichtung in ftd) füllen 
müffen, bie Üljätigfeit ber Beamten nach Gräften %\i unter* 
fluten. 3n bem Beamten mufe jeber Bürger ben 
Vertreter ber Staatsgewalt achten, if)m beShalb aud) 
baS »olle, ungefd)Wä(hte Vertrauen entgegenbrin= 
gen, welches er in biefer ©igenfdjaft beanfprud)en 
barf. ©r barf feine Unparteilid)feit, ©ewiffenfjaftigfeit unb 
pflichttreue nicht in Zweifel [teilen, auch nicht ben Verfug 
machen, ihn ju feinen fünften §ur Abweichung öon ber 
Valjn treuer Pflichterfüllung $u üeranlaffen, benn baburd) 
erschüttert er einen ber wtd)tigften ©runbpfeiler ber ftaat* 
liehen £)rbnung unb fd)äbtgt baS Sntereffe be§ Staats unb 
feiner Mitbürger. AnbrerfettS mufe aber auch ber 
Veamte beftrebt fein, bei Ausübung feines Amte«S 
fein Verhalten ben Mitbürgern gegenüber fo ein* 
zurichten, wie es feiner Stellung im StaatSwefen 
entfprid)t. @r mufe feines Gimtes walten in bewußter 
notier SSürbigung feines VerufS. (Sr barf einerfeits feiner 
Stellung als Vertreter ber Staatsgewalt, als £üter ber 
öffentlichen Drbnung nid)ts »ergeben, barf aber auch mtbrer* 
feitS nie uergeffen, bafe er als Liener beS Staats benjenigen 
Mitbürgern, mit welchen er in amtliche Vejiehungen tritt, 
mit Wohlwollen unb mit ber burd) bie Achtung ihrer 2Kenfchen= 



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^Bürgerrecht. 51 



roürbe gebotenen !Rücf {td)t §u begegnen hat. (£r mufe $fttdjts 
treue unb 9J?enfd)enfreunblid)feit §u Dereinigen roiffen. 2)ur(h 
greunblidjfeit unb £öflid)fett gegen Sebermann roirb er ftd) 
bie Ausführung feiner ÄmtSpfüdjtert roefentlid) erleichtern, 
man roirb feine Anorbnungen willig unb ohne SBtberftreben 
befolgen, unb ifyin bie Sichtung, reelle er als Vertreter unb 
5Boüjiel)er ber ©efe&e beanfprudjen barf, nicht öerfagen. 
3flur ber SBiberfpenftigfeit unb $of)f)eit mufe er mit ©ruft 
unb (Strenge gegenübertreten. 

£>er Beamte barf ferner feinen Untergebenen 
gegenüber nietjt fd)roff unb herrifd) auftreten, ©er 
SSorgefefcte barf ntd>t aufcer Ad)t laffen, bafc bie U)tn unter* 
ftellten Seamten, mögen fte 311 geringen ober gu rjöljeren 
©ienftleiftungen berufen fein, feine Mitarbeiter ftnb, bafe er 
nur burch tf)re t()atfräftige Unterftüfcung beu wünfd)en8* 
roertrjen erfpvie^lic^en Erfolg fetner Amtsführung gu errei* 
d)en oermag. (Sr mufj ftd) besljalb ftetS angelegen fein laffen, 
ihnen mit befonberem 2M)lmoüen entgegen gu fommen, er 
mufc felbft fd)toad)en Stiftungen gegenüber beim 3?orl)anben= 
fein guten 2Billen3 milbe unb nad)fid)ttg in ber SSeurtr)ei= 
lung unb 3 ure< i)tiüeifung fein, tüd)tige Stiftungen burd) An= 
erfenmmg ju belohnen, unb feinen Untergebenen aud) ba= 
biircf) näher gu treten fud)en, bafc er ftd) um ihr SBorjl unb 
SBelje, um baS ®efd)icf ihrer gamilie fümmert unb iebe ®e= 
legenrjeit benu^t, um ihr Sntereffe gu f orbern, ihnen mit 
9^ath unb £hat beistehen. 2)aS aufrichtige unb roerfthä- 
ttge Wohlwollen ber Amteoorgefe^ten gu ihren Untergebenen 
mirb überall auch für bie AmtSgefchäfte felbft unb ben burd) 
biefelben $u oerwirfüchenben gtaatSgwecf bie günftige golge 
haben, bafe bie Untergebenen freubig unb mit gefteigertem 
Pflichtgefühl bemüht fein werben, bie 23efel)le unb Anorb= 
nungen ihrer SBorgefe^ten aufführen. 

4* 



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52 



(Srfter Sfjetl. 



Seamte, weld)e in ber Ausübung ifyrer 2lmt3pfüd)t 
fäumig unb nacfyläfftg ftnb, ober bie $flid)ten tyreS &mte£ 
burd) tfngeljorfam unb 2Biberfefclid)Fett oerle^en ober ftd) 
fonft burd) i^r Verhalten ber &d)tung, beS &nfef)en3 unb 
beS Vertrauens ifjrer Mitbürger oerluftig machen , werben 
bafür mit Verweis, ©elbbufee, 33erfefcung, im äufeerften 'JaQe 
mit <Dienftentlaffung beftraft. 

Beamte, weldje ntcf)t mefjr im (Stanbe ftnb, il)ren 8mt«* 
pflichten $u genügen, werben in ben 3ftul)eftanb oerfe^t, unb 
erhalten bann für bie weitere 2eben§jeit ein Sftufjegeljalt, 
werben aud) in gäflen ber ültotl) 00m (Staate unterftüfjt. 
Sngteidjen forgt bie ©taatSregicrung bafür, baß SBittwcn 
unb SBaifen oerftorbener Beamten nid)t 8tot$ leiben. ®iefe 
gürforge ift burd) befonbere3 ®efe^ geregelt, unb ift bie 
©taatäregierung aud) nod) aufeerbem in ber Sage, bei !)er= 
oortretenbem Vebürfntfc burd) ©eroäfjrung oon Unterftüfcungen 
tjelfenb einzutreten. 

B. Sie SBe&örben. Gentral*, Vrotrintfals, SBcjtrfö*, tfrete* unb 

©emeinbe*$8ef)örfcetL 

S)ie ^reu&ifdjen ©taatsbeljörben teilen ftd) in (Een- 
tralbefyörben , ^rooinjialbe^örben , 23e$irf öbeljörben , $rei3= 
unb Drtöbefjörben, je nad)bem ftd) tf)r ®efd)äftöfret§ auf ben 
gefammten «Staat, ober nur auf eine ^romn^, einen Dfcgie* 
rung8be$irf, einen $rei£ ober eine ©emeinbe erftreeft. 

Centralbel)örben fommen $unäd)ft bie 3Kini- 
fterien in Setrad)t. Jn ifjrer ©emeinfdjaft bilben biefe 
ba£ 6taat3minifterium, an beffen ©pi|$e ber 3Kintfter» 
prdfibent fteljt. Sa§ StaatSminifterium ift baju beftimmt, 
bie ßinljeit in ber Verwaltung fyeräufteflen unb gu erhalten. 
Sunt ©efdjäftöfreiS beffelben gehört beSljalb namentlich aud) 
bie Verätzung ber bem Sanbtage ooqulegenben ©efefcent* 



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Bürgerrecht. 



53 



tüürfe unb bie (5ntf(f)eibung über 3D?einung§üerfc^ieben^eiten 
in ®efd)äft§=2lngelegenf)eiten ber TOinifter. ^ufcerbem fmb 
bem StaatSminifterium anbre nricfytige Aufgaben inSbefonbre 
bie S3efd)Iufefaffung über etwaige Einleitung einer Regent* 
fcfjaft , über ben (Srlafj öon SSerorbnungen im f?aüe einer 
•ftotijtage be§ Staate, unb über bie (Erklärung be§ 23elage= 
rung$$uftanbe§ gugeroiefen. 

kleben bem StaatSminiftcrium fteljt ber ©taatSratf), 
<Demfelben tonnen ©efe^entmürfe unb Serorbnungen jur 23e* 
gutadjtung vorgelegt werben. (53 befielt au§ ben Äöniglt* 
djen ^rinjen, meiere ba3 ad)tjel)nte SebenSjaljr erreicht Ijaben, 
unb au§ ben t?om Könige berufenen Sttitgliebern. Sur ?rft* 
fung Don ©efe^enttoürfen unb Sßerorbnungen, meldte mistige 
roirtfyfdjaftlidje gntereffen be§ §anbel§, ber ©eroerbe, ber 
£anb= unb gorfttoiffenfdjaft betreffen, ift ferner ber 33olf<3 = 
ir»irt t)i d)af t^ra t{) beftimmt, beffen Sftitglieber oom Könige 
tfyeils unmittelbar tfyeiU auf $orfd)lag ber £anbelsfammern, 
faufmännifdjen Korporationen unb Ianbmirtl)fd)aftltd)en 23er= 
eine ernannt werben. 

3)er ©efd)äft§frei§ ber einzelnen 9Kinifterien ift in foI= 
genber Söeife gestaltet. 

1. £)a3 gtnans=9JHuifterium fjat ben Staatshalt«* 
tjalt gu orbnen, bemgemäfc in Vereinbarung mit ben anbern 
SD?inifterieu ben 23oranfd)lag aufstellen, ba3 ©teuerwefen 
^u regeln, bie (Steuern üermalten unb bie Oberleitung 
be§ KaffenmefenS be$ (Staate )u führen. Unter il)m ftefjt 
bie 6eefyanblung, welche im 2Befentlid)en ba^u beftimmt 
ift, bem ©taat bie 23efd)affung ber erforberlid)en ©elbmittel 
$u erleichtern, inSbefonbere bei Staatsanleihen oermittelnb 
einzutreten. 2)em ginan^minifter ift ferner bie ©eneral* 
£otterie*£>iref Hon unterfteUt, weldje bie (Staatelotterie 
ju üermalten rjat. SDiefe <Staateeinrid)tung ^at bie 23eftitn= 



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54 



(Srfter Xfjeii. 



inung, bie Spielneigung in eine Batyn leiten, in toeld)er fte 
eine unfd)dblid)e S3efriebigung finben fann. 3n biefem Sinne 
ift bie Beteiligung am (Spiel imb ber Abfafc ber Soofe geregelt. 
2)a3 (Sinfa^gelb fcirb in Dotier Summe gu ben aufgefegten 
©enrinnen üerroenbet unb üon lederen für ben Staat eine 21b* 
gäbe erhoben. %üv bie Verwaltung ber Staat£fd)ulben 
unb für ba£ ^ftüngtoefen befielen befonbere Beworben. 

2. SaS Sttiniftertum be§ Innern bilbet bie oberfte 
Staat3bef)örbe für bie ©emeinbeaufftdjt unb bie ^oti^et. 
Sur bie ©eroerbepoligei ift in einzelnen Steilen bem £an= 
belfminiftcrium unterteilt. SSon bem erfteren tnerben ferner 
bie Angelegenheiten ber $erftd)erung, ber ^enftonf-, Auf* 
fteuer-, Sterbe- unb Äranfenfaffen, ber Korporationen, mil* 
ben Stiftungen, bie §eimat3=, (5in= unb AuSroanberungf- 
Sadj)en bearbeitet. Aud) toirb t)on biefer Stelle auf bie 
Bertoattung ber 3 uc Wäu}er geregelt. Aufterbem gebührt 
if)m bie Oberleitung unb ßontrole ber Sanbtagfroaljlen. 2)te 
Statiftif bef Staats, b. 1). bie Aufhellung giffermäfeiger 
Ueberftd)ten über bie 3Solf^al)l, bie Verljältnifie bef £an- 
belf, ber ©emerbe, ber 2anbtmrtl)fd)aft, ber Arbeit, ber 2>er* 
breitung &on Kranffjeiten unb über anbere für baf Staate 
roefen erfyebltdje Angelegenheiten wirb für ben gangen Staat 
burd) ba§ ftatiftifd)e Bureau beroerfftefligt. 

3. 2)af SJMnifterium für bie getftlidjen, Unter« 
rid)t£= unb 3ftebi3tnal=Angelcgenf)eiten ($ultu8mtni* 
fterium) fjat infbefonbere bie Oberaufftd)t über ben Unter- 
ridjt unb baf Scfyulroefen gu füljren (Sd)uleu, Uniüerfitäten, 
Afabemien). (§£ ift bie oberfte Staatfbeljörbe für bie mit 
ber Kunft unb 2öiffenfd)aft im 3^f ammc nl)ange fteljenben 
3nftitute unb 2Bilbungf=Anftalten. Alf folcfye finb nament- 
lid) bie Afabemie ber fünfte (Malerei, BUbljauerfunft, 
9Kufif), bie ^ufeen (®emälbe=©alerie, Sammlung ber 2öerfe 



93ürgerred)t. 



55 



ber 93ilbhauerfunft, 3J2ünjfabinet f (Sammlung öou Slltcrt^ft* 
mern, 9J?ufeum für SSölfcrfunbe, kunft=©etDerbe=5Kufeum, 5Ku= 
feum fürganbttirt^fcftaft/SIlaturfunbc u.f.m.), bie nrifienfdjaft* 
liefen Stnftalten (königliche Stbliothef, Sternwarte, bota= 
nifd)er ©arten, £urnlehrer=23ilbungS=2lnftalt u. f. m.) l)eröor= 
gu^eben. 

4. Sa3 SJHnifterium für £anbel unb ©ererbe 
($anbel8»ÜJttmftertum) hat für bie SBa^ntng ber Sntereffen 
be§ £anbel§ unb ber ©etoerbe Sorge $u tragen. 3u feinem 
©efchäftsfreife gehört bie ©emerbepolijei, ba§ <yortbilbung§= 
unb gach=Sdjultt)efen, bie Schiffahrt (Weberei, ^ootfenroefen) 
unb ba3 §8erg* unb ^üttenroefen. befonbere Se^örben 
beffelben fommen in Betracht 

a) bie ted)nifd)e Seputation für ©eroerbe, melier 
bie Aufgabe $ugetf)eilt ift, nnffenfchaftlid) tccftntfdje kennt* 
niffe unb Erfahrungen auf bem ganzen ©ebiet ber ©etoerbe* 
funbe §u famtneln, bie Ergebniffe ihrer gorfdjungen unb 
Prüfungen bem 2J?tnifterium mit^ut^eilen unb bemfelben al3 
gutachtliche IBe^örbe #ülfe 311 leiften. 

b) Sie ftänbige kommiffion für ba§ technifdje 
UnterridjtiSmefen, welche bie SBerroaltung bei nichtigen 
fragen auf bem ©ebiet be3 gewerblichen unb tedjnifcheu 
SchulmefenS mit fadjüerftänbigem dlatfy ju unterftü^cn t)at. 

c) Sie königliche 8ergafabemie. 

befonbere Snftitute ftnb nod) bemerfenstoerth: bie 
königliche $orsetiamnanufaftur unb baS königliche Snjiitut 
für ©la§maleret. 

5. Sa§ üftinifteriuut für öffentliche Arbeiten 
umfafet bie Angelegenheiten be§ öffentlichen SSerfeljrS, in§= 
befonbere bie Staat3aufjtd)t über bie Sanb* unb SBaffer* 
bauten, Strafen, kanäle unb ©ifenbahnen, fo wie bie 
Oberleitung ber Staats« ©ifenbahnen. Semfelben ift un= 



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56 



Grfter S^etl. 



mittelbar untergeorbnet bie Slfabemie beS SBaumefenS, 
welche in wichtigen fragen beS öffentlichen 23auwefenS 
hören unb namentlich bagu berufen ift r baS gefammte Sau= 
fach in fünftlertfcher unb wiffenfdjaftlidjer S3e§te^ung $u Der* 
treten, wichtige öffentliche 93auunternehmungen gu beurteilen, 
bie 2lnwenbung allgemeiner ©runbfä^e im öffentlichen §8au= 
wefen ju berathen, neue Erfahrungen unb Sorfchläge in be= 
gutachten unb bie »eitere SluSbilbung beS 23aufa<hS 51t 
förbern. gn G£ifenbal)nangelegenheiten ift biefem 3J?tnifte= 
rium ber (Sifenbahnratf) jugeorbnet. ©er aus 23ertre= 
tern ber Sanb= unb Srorftwirtl)fd)aft, beS §anbels unb ber 
Snbuftrie gebilbete SanbeSeifenbahnrath unb ber in gleicher 
Seife jufammengefe^te SezirfSeifenbahnrath ftnb ba§u be= 
rufen, bie (Sifenbahnüerwaltung als fadjfunbiger mirthfd)aft= 
Itcher Seirath ju unterftüfcen. 

6. 2)aS 9JHnifterium für Sanbtoirtt) jt^af t # 5)o= 
mänen unb ftorfteu hat einerfeitS bie Aufgabe, bie bem 
Staate gehörigen ©runbftücfe (^Domänen unb gorften) &u 
üerroalten, anbererfeitS bie £anb= unb gorftroirthfchaft beS 
<&taak$, baS ©eftütS= unb gagbwefen unb bie gifdjerei 
ju beaufpchtigen unb su förbern. SSerfchiebene Snftitute 
ftehen ihm in biefer Ziehung §ur @eite ober bienen ihm 
als Organe für bie $8erwirflid)ung ber bezeichneten Staate 
^wecfe. Unter benfelben ftnb namentlich bie Sanbwtrtf) 5 
fchaftSfammern, baS £anbeS=Defonomie=Gollegtum, bie lanb= 
mirthfchaftlichen Sehranftalten, bie gorftafabemie, unb bie 
^hierar^neifchule hervorzuheben. 

7. £)aS Ministerium ber auswärtigen Singe* 
legenheiten. SDaffelbe ift nad) 33egrünbung beS 25eutfd)en • 
Geichs in baS auswärtige &mt übergegangen, welches bie 
gemeinfamcn gntereffen beS Geichs anberen (Staaten gegen* 
über §u vertreten hat. 2)er preufeifdje 6taat hat als folcher 



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Bürgerrecht 



57 



nur in ben SunbeSftaaten unb beim päpftlidfjen ©tu^Ic be* 
fonbere ©efanbte. 

8. Sa«3uftij*a»iniftcrium bittet bie oberfte $er* 
maltungSbefjörbe für bie 3fted)t§pflege unb f)at bemgemäfc bie 
Dberaufftdjt über bie ©ertöte unb bie Staat§anroaltfd)aft, 
fo loie über baö ©efängniferoefen, bie SSeroaltung ber ©erid)t3= 
foften, ber ©erid)t3gebäube u. f. to. Auf bie 3fted)tfpred)ung 
ber ©erid)te ftef)t bemfeiben feine (Stmcirfung ju. 

9. &em ^negSminifterium gebührt bie obere 9Ser* 
roaltung ber auf ba3 Sanbfyeer bezüglichen Angelegenheiten 
^ßreufcenS unb ber mit ^reufeen im Wilitäroerbanbe ftefjen* 
ben Staaten. Au&erbem t)at baffelbe bie betreffenbe ®e* 
fd)dft§füE)rung für ba§ £)eutfd)e $eid) $u beforgen. 



£>er preufeifc^e (Staat ift für bie ßroeefe ber 3SermaI= 
tung in ^romn^en, für bie 3roecfe & er Rechtspflege in 
Oberlanbe^gerid)tebeäirfe geseilt. (§3 befielen 12 ^romn^en: 
Dftpreujjen , SBeftpreufeen , 23ranbenburg, Bommern, $ofen, 
(getieften, Sadjfen, Sd)le3roig=£olftein, £annoüer, SBeftfalen, 
Reffen =5Rajf au, unb bie Rb^nprooinj. Aufcerbem fommen 
nodt) bie Stabt Berlin unb bie ^otjen^oHernfchen Sanbe al£ 
befonbere Be^irfe in Betraft. 2)ie £)berlanbe£gertct)t§= 
bejirfe fallen in i^rer Begrenzung im 2Bejentlid)en mit ben 
^roöinjen gufammen. 

An ber Spi^e ber Bertoaltung jeber ^romng ftel)t ber 
Dberpräftbent, meinem für beftimmte *Bermaltung3angelegen* 
Reiten ein ^roöinaialratf) jur Seite ftefjt, gu meinem 
ein fjö^erer $erroaltung*beamter unb 5 gerodelte 9J?itglieber 
gehören. 

grür bie Seraaltung ber 3öfle unb $erbraud)§fteuern 
(Abgaben öon Spiritus, Bier u. f. to.) f Stempelabgaben be* 
fterjt für jebe ^romnj eine s #romnstalfteuer*<Direftion. 



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58 



(Jrfter Jfjeil. 



Sur beftimmte Verwaltung^weige inSbefonbere bie Ver= 
waltung, Unterhaltung unb ben vetteren 2lu3bau öffentlicher 
©trafjen, für bie Sorberung Don Einrichtungen $ur «pebung 
ber ^anbwirthfctjaft unb ber fonftigen wirthfdjaftKchen Snter* 
ejfen ber ^roüinjen, für bie ßanbarmen- unb VefferungS», 
Srren*, £aubftummen= unb Vlinben=2lnftalten, fo wie für 
bie Uuterftü^ung milber Stiftungen unb 2öo()ltf)ätigfeit§s 
anftalten beftefjen befonbere Einrichtungen für bie einzelnen 
$romn$en. Sie betreffenbe Verwaltung wirb fyix nicht 
mm ben Staatsbehörben , fonbern unter £>berauffid)t beS 
Gberpräftbcnteu auf ©runb beftimmter Safeungen (Kegle» 
mentö) be^w. Vefdjlüffe ber auS gewählten Vertretern be= 
ftehenben $roöin$ial= begw. Äominunallanbtage öon einem 
$romnjialau§fchuf$ geleitet, welcher auä ber 2Bal)l ber 
$romn$iatoerfammlung h^orgeht unb burd) gewählte 23e= 
amte, au bereu tSpi^e ber 2anbe3bireftor (2anbc§* 
hauptmanu) fteljt, bie ©efdjäfte führt. 

3)ie Sßroöinften finb in mehrere 3ftegierung§be$irfe 
(im ©an^en 35) geseilt. Eine Ausnahme bilbet nur bie 
s $romnä Schle3wig^;>olftein, in welcher $rcwtn$ial= unb 9^e= 
gierungöbe^irf jufammenfaHen. S n ben KegierungSbe^irfen 
wirb bie Verwaltung Don ben Regierungen be$w. Regte» 
rung^räfibenteu geführt, gür gewiffe ©efd)äft3$weige 
ift bemfelben ein VesirfSauSfchufs gugeorbnet, welcher 
jum Ztyil au § Korn Könige ernannten 311m Sttyil au§ ge» 
wählten 9Kitgliebern befteht. Sur bie Verwaltung ber Staate 
gefchäfte in ber <&tabt Berlin befielen befonbere Sehörben. 
Seber SReflieruriflSbegtr! ift für bie ©efcrjäfte ber Staat«» 
Verwaltung in Greife getheilt. 2)ie größeren Stäbte bilben 
für ftd) fogenannte Stabtfreife, an beren ©pi^e ber erfte 
Vürgermetfter fteht, bie übrigen Stftbte unb Drtfchaften jinb $u 
Sanbf reifen Bereinigt, an beren Spifce ber £anbratr) fteht 



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Söürgerredjt. 



50 



Sie Greife verfallen wieberum in engere Ve^irfe: bie 
©emeinben unb ©utsbe^irfe. Sie Verwaltung wirb in 
jebetn ganbfreife unter TOwirfung eines Don bem $rei§= 
tage gerodeten ^rei§au§fcf)uffeö r in jebem @tabtfreife unter 
3Kitwirfung eines öon ber ftäbtifcfyen Vertretung gewallten 
Stabtau§fd)uffe§ geführt. (Streitigfeiten im Vereid) ber 
inneren Verwaltung werben in erfter Snftang öon bem 
$ret§* bejw. <Stabtau§fchu&, in Reiter 3nftan$ öon bem 
23eäirf3au6}d}u{3, in lefcter Snftan* öon bem Dberöerwal= 
tung3gerid)t, einer aus VerufSbeamten §ufammengefe£ten 
Sprud)bef)örbe entfcf)ieben. 

Sie Verwaltung ber Stabt=, Sanbgemeinben unb ©ut§* 
be$trfe wirb burd) bie 2J?agiftrate, Vürgeruteifter, 2lmt)3öor= 
fieser, ©emeinbeöorfteljer, ©utsöorfteljer geführt. Sie ^oli^ei 
wirb in ben größeren Stäbten öon königlichen Vefyörben au3= 
geübt. Sie Drbnung ber Verwaltung beruht in ben Greifen 
auf ben Vefdjlüffen ber Kreistage (kreiSöerfammlungen). 
Siefe Vertretung gel)t aus ben 2M)len ber kreiSangeprU 
gen Ijeröor. 3n ben <Stabt= unb Sanbgemeinben werben bie 
©emeinbeangelegenl)eiten burd) Vefd)lu|3 einer öon ben Vür= 
gern bejw. ©emeinbeangcf)örigen gewählten ©emeinbeöertre= 
tung georbnet. Sie &affl. ber 9J?itglteber be$ Kreistages 
wirb nac^ bem TOafeftabe ber Veöölferung$$af)l auf Statt 
unb Sanb öertl)eilt. SDie Sanbgemeinben finb tjkvbzi jur 
#älfte öertreten, bie anbere §älfte bilben bie gewählten 
Vertreter ber größeren @runbbefi£er unb ber ©ewerbetreiben= 
ben. Sie SXtiffic^t über bie Sanbgemeinben unb ©utSbegirfe 
fü^rt ber ÄreiSlanbratf), in tjö^erer Snftan^ ber ftegierungS* 
^räfibent. Sie 2lufficht über bie Stabtgemeinben unb bie 
Sanbfreife fte^t bem 3ftegierung$=$rdftbenten in leerer gn* 
ftanj bem £)ber=$rä|1benten }tt. 

Sie ^roöin^ $ofen nimmt eine SluSnahmeftetluug ein. 



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60 



(Jrfter Sljeil. 



2)er Prooinätallanbtag fo tote bie Kreistage »erben fjter 
aus ben brei Stänben: 3RittergutSbeft|jer ; Stäbte unb ßanb- 
gemeinben aufammengefefct. 2)ie 2ftitglieber beS ^roütnjtaU 
auSfdjuffeS bebürfen ber Seftättgung beS TOnifterS beS 
3nnern. Sie 3Ritglieber ber ÄreiSauSjd)üffe merben auf 
$orfd)lag ber betreffenben Kreistage oom Dber=Präjtbenten 
ernannt. 

Aud) bie pr ttnterftüfcung ber Staatsverwaltung ober 
in ber ben @emetnben, Greifen unb ^rooin^en übertragenen 
Selbftüertoaltung tfyrer Angelegenheiten tljätigen Staatsbürger, 
mögen fte ü)r Amt als (Sfyrenaint (ofjne Sefotbung) auS= 
üben ober als bejolbete Beamte 5)ienfte leiften, müffen iljreS 
Amtes mit gleicher Eingebung für baS ©emeimoefen, mit 
gleicher llnpartetlidjfeit, ©etoiffenljaftigfeit unb pflichttreue 
malten nrie bie unmittelbaren Staatsbeamten, benn aud) 
ifyre £l)ätigfeit, menn fte ftd) oielfad) aud) nur im engften 
Greife betoegt, fommt bem großen ®an$en ju ftatten. Aud) 
fte fönnen unb müffen ba^u beitragen, baS gemeine Sefte 
unb bamit ben StaatSätoecf §u förbern. 



Einleitung, ©eftaltung beffelben. 

£>ie gegenwärtige ©eftaltung beS £)eutfd)en 3fteid)S f)at 
ftd) aus bem 9lorbbeutfd)en 23unbe enttoicfelt, melier im 
Safere 1867 unter Sttittoirfung einer gemähten Vertretung 
ber beteiligten £)eutfd)en Staaten bie SBunbeSoerfaffung ins 
2öerf fe£te. ©er S^ecf bie f er Sereinigung mar ber 
Sdju^ beS 23unbe3gebieteS unb beS gemeinfamen 
9ted)tS foroie bie Pflege ber 2Bol)lfal)rt beS beutfdjen 
Golfes. An biefem Sßunbe maren inbefe nur bie nörblid) 



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^Bürgerrecht. 



61 



beS 2Hain§ belegenen beulten Staaten beteiligt. (Srft 
nad) fiegreidjer 23eenbigung be§ gelb§uge§ 9^9 en Srranfreid) 
traten aud) bie anbern beutfd)en Staaten ber ^Bereinigung 
bei, unb e§ würbe nun im 3af)re 1871 ba$ ©eutfdje SReict) 
unter BieberfjerfteHung ber SBürbe be§ £)eutfd)en Jtaifer«, 
weldje bem Könige üon $reuf$en übertragen mürbe, in bem 
gegenwärtigen Umfange feft begrünbet. 2ln bie (Stelle be3 
sftorbbeutfcfyen 3ßeid)3tage£ trat ber S)eutfd)e SRetd)ötag. Unter 
feiner üftitwirfung tft bie SReidjSöerfafjung inö geben getreten. 
3um beutfdjen 3fteid)e gehören bie Staaten ^preufjen, Samern, 
<Sad)fen, Sßürttemberg, SÖaben, Reffen, 9flecflenburg=6d)merin 
unb (Streli^, <Sad)fen=2Beimar, Dibenburg, 23raun[d)meig, bie 
<Sä$ftfd)en cSpeqogtljümer (5J?einingen f Slltenburg, 6oburg= 
©otlja), anmalt, £d)roaraburg=3ftubolftabt unb Sonberöljaufen, 
SBalbetf, Teuft altere unb jüngere Einte, Sd)aumburg=2ippe 
unb ßippe, Hamburg, Bremen unb Sübetf. 2)ie Teid)Slanbc 
<£lfa6=2otl)ringen bilben feinen felbftänbigen 23unbe§ftaat, 
ftnb ütelme^r al<3 gemeinfameS SleidjSlanb ber «Staatsgewalt 
beS <Deut|*d)en tfaiferS nntergeorbnet unb werben Don einem 
3fteid)§ftattf)alter üerwaltet. 

5Me ®eutfd)en Kolonien ftnb nic^t Steile beS beut* 
fdjen Teilgebiets, Sie bilben fogenannte ©dju^gebtete 
b. t). fie fielen unter bem 6d)ufce beö 3^eid)§ r in beffen 
tarnen ber beutfdje Äaifer bie <5d)ukgewalt burd) $om= 
tniffare — in Kamerun unb Dftafrifa burd) ©ouüemeure — 
ausübt. ^Derartige Kolonien beftefyen in Dftafrifa, £ogo, 
Kamerun, ©übmeftafrifa, 9teu'-©uinea, benüftarfd)aü=, 23rown= 
unb $ro&ibence=3nfeln. 

üftad) ber TeidjSoerfaffung follen bie oom Teid) auS= 
geljenben ©efe^e für alle 23unbeSftaaten gelten. @S fotten 
ferner bie Angehörigen eines SBunbeSftaatS in jebem anbern 
23unbeSftaat ben gnlanbem gleid) befyanbelt werben, an bem 



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62 



(Srfier Sfjetl. 



©enufc aller bürgerlichen 9fed)te in gleicher SBetfe lote bie 
(£itrf)eiinifdj}en theilnehmen. @S befielt hienach ein allge= 
meines ©eutfdjeS Bürgerrecht, roelcheS allen Bürgern 
ber einzelnen BunbeSftaaten gleichmäßig gu gute fommt. 
Seber 2)eutfd)e nnrb baljer in febem BunbeSftaat gum feften 
Botynftfc, $uin ©emerbebetrieb, gu öffentlichen Remtern, §ur 
(Srraerbung üon ©runbftücfen , überhaupt gum ©enufc aller 
bürgerlichen fechte unter benfelben BorauSfejjungen nrie bie 
6inl)eimif(hen jugelaffen. (5S befteht greigügigfeit b. h- 
ieber ©eutfehe barf jich an jebem Crte beS 3Wd)S aufhalten 
ober feinen Söohufifc nehmen. Sie Ueberfiebelung nach bem 
äuölanbc fo toie bie (Sntlaffung aus bem 9teid)S* ober (Staate 
uerbanbe ift gleichfalls febem Seutfchen freigeftellt, fotoeit er 
nicht burch bie Militärpflicht ober Durch ein Beamtenüer* 
hältnife gebunben ift. SDie Bebingungen für ben (Srtücrb 
unb Berluft beS beutfehen Bürgerrechts ftnb burch e * n & es 
fonbereS ©efe£ feftgefteüt. 9hir aus ®rünbcn ber öffentlichen 
Sicherheit fann ber Aufenthalt gennffer ^erfonen 3. B. ber 
mit S^hauS beftraften ^erfonen auf beftimmte Drte be= 
fdjränft werben. 

Hflen beutfehen Bürgern ftnb ohne Unterfd)ieb ber 
^onfeffion bie gleichen fechte getocihrleiftet. 2)aS 3fted)t 
ber Befchioerbe b. h- bie Befugnifc, bei oermeintlicher Be= 
einträchtiguug an höherer Stelle Abhülfe uachgufuchen, ge- 
hört gleidjfalls 511 ben beutfehen bürgerlichen ©runbred)ten. 
S)ic Wehrpflicht b. h- bie üßfltd&t jur Seiftung beS SBaffen* 
bienfteS gum «Schule beS 9^eid)S ift eine ber bebeutfamften 
Obliegenheiten ber beutfehen Staatsbürger. 

öS befteht ein gern einfameS ^anbelSrecht, ein all 5 
gemeines beutfcheS Strafrecht, ein beutfcheS ©erid)tS 5 
öerfaffungSgefe^, eine beutf<f)e Giöil* unb Strafpro= 
^ejiorbnung unb ein gemeinfameS ^ßrefcgefefc. (Sin 



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^Bürgerrecht. 



beiitfdjesS bürgerliches ©efekbud) befinbet ftd) in ber 23orbe* 
reitung. 

3ur 33eftreitung ber 9fteid)Sau3gaben ftnb befonbere in 
bie 3Heid)^faffe fliefeenbe steuern eingeführt, bafe 3Rünj* unb 
SKaafc unb ©etmd)t3töefen ift gemeinfam georbnet, baS ©e= 
roerberoefen, ber Sd)ufc beS geiftigen (SigenthümerS 
für baS gcfammte beutfd)e Reid) nach gleiten ©runbfäfcen 
geregelt. 

Sie fpoft unb Selegraprjie roirb abgefehen oon ge- 
fonberten (Sinrtdjtungen in dauern unb Württemberg Dom 
3fteid)e öertoaltet. 

Sic $eere§öerroaltung ift einheitlich georbnet, eine 
beutfd)e Kriegsmarine gefdjaffen, für bie 33ertf)eibigung 
beS öteidjs burd) §erftellung unb Serftdrfung öon geftungen 
unb burd) ben 23au öon ©ifenbal)nen gürforge getroffen. 

A. $ie SRetthegewait. S)cr beutfcfje Äaifer. $er SBunbeöratf), 

Sie £Reid)Sgemalt beruht auf ber Bereinigung ber 
SanbeSregierungen unb roirb burd) ben 93unbeSrath auS= 
geübt, roeldjem in ©emeinfdjaft mit bem Reichstage baS 
9?ed)t ber ©efe^gebung 8uftef)t. Sem 9feid) ftnb, abgefehen 
öon 6onberred)ten, reelle einzelnen 23unbeSftaaten hw|W 5 
lieh ber Steuern, ber Sßofl unb Selegraph^, beS 2Kilitär=, 
£eimat* unb (SifenbahnroefenS öorbehalten ftnb, überliefen: 

1. bie aSerroaltung ber Reid)Sftnanaen (Solle, Steuern, 
Anleihen), 

2. bie auswärtigen Angelegenheiten, inSbefonbere ber 
Schufc ber 3fteid)Sangehörtgen im 2luSlanbe, 

3. baS Mitärmefen unb bie 2Rarme, 

4. baS bürgerliche unb baS (Strafred)t, 

5. baS $refj= unb SeretnStoefen, 



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64 



ßrfier Sljetl. 



6. bte ©efunbfjeitspotiget, 

7. ba3 $eimat£« unb Slrutenmefen, 

8. bte $oft unb Selegrapbie, 

9. ba<3 £anbel§=, ®ett>erbe=, 23erftd)erung§s unb San!« 
triefen. 

10. ba3 (Sifenbafjnmefen unb bte £anb= unb SSafferftrafcen, 
fo mett bie >8ertt)eibigiutg be§ 5Reid)§ in *Betrad)t fommt. 

3fteid)3gefe^e fönnen nur burd) überetnftimmenben 23e= 
fdjhtfs be£ 23unbe3ratf)3 unb be§ 3fteid)§tag§ ju 6tanbe ge= 
brad)t »erben. 2Der 23unbe3rat!j f)at biefelben üorjube^ 
retten unb bemnäd)ft bte 2lu3fül)rutig $u leiten unb ju über= 
machen, attd) £treitigfetten ber 33unbe§ftaaten unter etnanber 
$ur 2Iu§gleid)ung ju bringen. 3m SBunbeSratl) ftnb fämmi> 
lidje SanbeSregierungen burd) ^Beüottmädjttgte vertreten. 2)en 
SSorftfc füfyrt ber [Reid)§fan^Ier ober fein ©teÜDertreter. 

<Deutfd)er $aifer ift, tote fd)on ertüäfynt, ber jebe3= 
maltge Äöntg üoit Greußen. ($r fte^t an ber <Spi£e be3 
9fteid)3, üertrttt baffclbe nad) aufeen f)in, unb fyat ba§ 3fted)t, 
im Stauten beS $eid)3 $rieg $u erflären*) unb ^rieben §u 
fdjltefcen, ben Sunbeäratfy unb ben 9Wd)3tag ju berufen 
unb &u fd)liefcen, bte 3fteid)Sgefe£e }tt öerfünbigen unb aus* 
äufütjren, ben SReidjSfanjler unb bie übrigen 0ieid)3beatnten 
$u ernennen. 3)a§ Sanbfyeer unb bie Marine fteljen unter 
feinem Dberbcfel)l. 2lud) gebührt ifym baS $ed)t, innerhalb 
be3 23imbe<3gebiete3 g-eftungen anzulegen. 6r fann ferner, 
toenn bte öffentliche @id)erl)ett im 23unbe3gebiete bebroljt 
ift, jeben Sfyeil bcffelben in ben ^riegö^uftanb erfldren. gür 
bte §orm unb bie SBirfungen biefer (Srflärung gelten biefel* 



*) %aU$ e3 fid) md)t bloä um bie Stbiuetjr etncö 5lngrtp auf 
ba3 9ietd)ögebiet Rubelt, bebarf cö 3m ÄrtegSerflärung ber ßu* 
fttmmung be3 23unbeßratt)3. 



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^Bürgerrecht. 



Ben Veftimmungen nrie für ben 23elagerung§$uftanb (ogl. 
6. 47). ®em Äönigreid) Samern ift in biefer Beziehung 
eine 2tu§na!jmeftellung eingeräumt. 

2Bie in $reufeen bem Könige eine Vertretung ber Staate 
angefangen §ur (Seite ftetyt, fo ift aud) für ba§ beutfdje 
SRetcf) eine Vertretung be§ gefammten beutfd)en VolfeS in 
©eftalt be§ 3ftetd)3tage3 in§ Seben gerufen. 2ln feine 
2ftihoirfung ftnb bie Derbünbeten SRegierungen bei t»erfd)ie= 
benen Slften ber 3ftegierung§gemalt inSbefonbere bei ber geft* 
ftellung be§ $au§^altung§plan§ unb bei ber ©efe^gebung 
gebunben. 3W tf* auc h burd) bie SSerfaffung ba3 3fad)t 
beigelegt, Petitionen, toeld)e an i^n gerietet ftnb, bem 33un* 
betraft) ober bem 3fteid)3fan$ler ju Überreifen, unb befon* 
bereu 2Bünfd)en burd) 23efd)lufjfaffung (Sftefolution) 2fa<§brucf 
ju geben. 5)ie Slbgeorbneten werben für einen fünfjährigen 
Seitraum gemault. 2öäf)ler ift jeber im VoUbeftjj ber bür= 
gerlid)en (Sljrenredjte befinblid)e £>eutfd)e, meiner ba§ fünf* 
unbaman^igfte geben^a^r jurücfgelegt t)at, nid)t burd) Vor* 
munbfdjaft ober burd) ÄonfurS in feiner Vermögen^erfügung 
befdjränft ift unb im legten Sa^re feine öffentlidje Firmen- 
unterftüjjung empfangen hat. Sftilitätperfonen ftnb ebenfo wie 
bei ber Söilbung be<§ sßreufcifchen SlbgeorbnetenhaufeS t)on 
ber Beteiligung an ben Bahlen au3gefd)loffen. 33ic SBä&ler 
©fielen in ihrem Bewirf ben Slbgeorbneten nid)t, roie biefeS 
bei ben 2Bat)len jum $reuf$ifd)en Slbgeorbnetenljaufe üor* 
gefetjen ift, burd) SSermittelung oon 2öal)lmännern, fonbern 
bezeichnen burd) Abgabe gefdjloffener (Stimmjettel unmitteU 
bar ben tarnen beffelben. SBählbar ift jeber beutfdje 
2Bäf)ler, fofern er feit minbeftenS einem 3>ahre einem Vunbe^ 
ftaate angehört t)at £)ie ©efammtjahl ber Slbgeorbneten 
beträgt 397. 2)ie Verhanblungen be3 9teid)§tag§ ftnb 
öffentlich- 2Bahrf)eit§getreue Berichte über Verhanblungen 

SBürgerrec^t unb Sünjertugenfc. 2. Sluft. 5 



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* 

66 



erfter 2$eil. 



im ^eidjetage ftnb üon jcber $erantroortlid)feit frei. 9ßad) 
auöbrücf lidjer Seftimmung ber Seidjsoerfaf fung 
ftnb bie Slbgeorbueten an leinerlei Aufträge unb 
»nroeifung gebunben. Sic TOglieber be§ SRcic^StagS 
foüen alfo unabhängig oon befonberen 2Sünfd)en unb 3nter* 
effen itjrer 2öät)ler ober anberer $erfonen auf bie ^etfyäti* 
gung tt)rer Aufgabe, ba§ allgemeine 33 eft e , ba§ 2öof)l 
be$ £>eutfd)en 3fteid)3 $u förbern unb gu l)üten, SBebadjt 
nehmen. <£ie finb Vertreter be3 gefammten beut« 
fdjen 33 ol f ö unb nid)t ihrer SBdljler ober ihrer 
Partei. @ie begießen feine Tagegelber unb bürfen aud) 
eine 33e|olbung ober fonftige (Sntf d)äbtgung für 
i t)re 9JHtgliebfd)aft im 3ftetd)3tage oon feiner 6ette 
annehmen. 6ie bürfen für ihre Slbftimmungen unb bie 
im 3teid)0tage getanen Steuerungen nic^t gur SSerant= 
mortung gebogen, aud) ohne Genehmigung beǤ 9teid)3tag3 
toätjrenb ber 6i£ungsperiobe wegen einer ftrafbaren #anb= 
lung nid)t jur tlnterfudjung gebogen ober üerfyaftet merben, 
aufeer wenn fte bei ber St)at ober im Saufe be3 näc^ft= 
folgenben £age3 ergriffen werben. 2luf Verlangen be§ 
3fteid)stags toirb jebe3 @trafoerfahren gegen biefelben für 
bie 2)auer ber 6ifjung3periobe aufgehoben. 2)er ?Reid)ötag 
fann nur auf ©runb eines 23efd)liiffeS beS $Bunbe3rath§ im 
(SinoerftänbuiB mit bem ^aifer aufgelöft werben. 

B. $ie *Rettlj$t>erttHtltung. $er Wtiify&taniUv. $ie Oicirfjsämtcr. 

2)ie $eid)3Derroaltung wirb burd) befonbere 23e^ör= 
ben geführt. 2ln ber «Spi^e berjelben fte^t ber 3fleid^ö!an§= 
ler. 3t)ni jtnb folgenöe 3ftetd)3ämter unterteilt: 

1. 2)a3 auswärtige Slmt, welches bie Vertretung 
beö Deutfdjen 3fteid)3 gegenüber bem Sluölanbe 311 führen 
unb für ben 6d)u£ ber 2)eutjdjen im Slu^lanbe einzutreten 



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^Bürgerrecht. 



hat. 3^m liegt auch bie gürforge für bie »ngelenljetten 
ber beutfd)ett Kolonien ob. 

2. 3)a§ Reid)$amt be§ Snnern. ®er ®ef$äftS« 
freiS beffelben umfaßt inebefonbere Die mirthfchaftlichen 2ln= 
Gelegenheiten (§anbel, ®etoerbe, (Schiffahrt, $erftcherung§= 
roefen). 5)ie $erfid)erung$angelcgenheiten werben üon einer 
befonberen Seljörbe, bem Reid)3öerficherung3amt bear* 
beüet, welches bie ^Durchführung ber Arbeiteroerftcherung, 
bie ©inridjtung unb 23eaufftct)tigung ber 23erufSgenoffen= 
fd)aften unb bic IBefchrcerbefachen §u erlebigen hat. 2)ie 
©efunbheitspflege fyat ba§ Reicht© efunbhett3*2(mt ju 
regeln. 

3. SaS Reid)S s üflarine=2lmt, toel<f)e£ bie Ange= 
legenl)eiten ber ^Heid)§=TOarine $u bearbeiten Ijat. 

4. 5Da3 C^eid)ö=3ufti$=5lmt, meinem bie ßrlebigung 
ber gemetnfamen Rechts« unb ©erichtS=&ngelegenheiten zufällt. 

5. Sa 3 Reich§fd)a($amt. 3u feinen Dbliegenheiten 
gehört bie »uffteltang be§ $lan§ für ben SReic^^au^alt, 
bie geftfteUung ber einnahmen unb Aufgaben be§ Reiche 
bie Aufarbeitung unb Durchführung ber Retd)ffteuergefe£e 
(©ren^öüe, 93rannttoein=, 2Mer*, ßvidtT*, ©tempelfteuer). 
So toeit bie eigenen (Sinnahmen bef Reid)£ $ur 5)ecfung 
ber Aufgaben nid)t aufreihen, tnufe ber Fehlbetrag burd) 
bie ©injelftaaten ober burd) Aufnahme üon Anleihen auf= 
gebracht toerben. lieber bie Sertoenbung ber Einnahmen 
hat ber Reid)sfan$ler bem 23unbefrath unb beut Reichstage 
jäf)rlid) Rechnung ^u legen, gür bie Reid)Sfchulben befteljt 
eine bejonbere SBehörbe,' bie Reichs fchulben^ommiffion. 
3Me Rechnungen ber Retd)Süenoaltung »erben Dom Rech- 
nungshof beS Reichs geprüft. 

6. 3)a* ReichS^oftamt für baS ^ßoft= unb £elc* 
$raphenmefen. 

5* 



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68 



(Srfter X^cil. 



7. 2)a§ 3fteid)§=<5ifenba{)namt für bie Angelegen* 
Reiten ber 3Reich3=@ifenbahnen. 

(Sin S^eil ber bem 3fteid) nach SBeenbigung be£ ÄriegeS 
mit granfreid) zugefallenen $rieg3foften--@ntfchäbigung Ijat 
in ber Silbung eines §onb§ für bie Ärieg§=3nöaltben 23er= 
toenbung gefunben, unb ift ber Verwaltung einer befonberen 
»e^örbc unterftettt. 

C. $te ©ertdjtebarfeit 

3>n aßen beulten Staaten befielt bie gleite ©erid)t3= 
öerfaffung für 3ßecht3= unb für @traffact)en. ©tc ©ericht^ 
barfeit wirb bemgemafc überall burd) Amtsgerichte, 6d)öffen* 
geriete, £anbgerid)te, £5berlanbeSgerid)te unb burd) baS 
3fteid)Sgericht — baffelbe Ijat feinen «Si| in Seidig — auS= 
geübt, ©ie ^ro^efefa^en verfallen in jwci Älaffcn. 3ur 
erften gehören biejenigen @treitfad)en, beren ©egenftanb 
nid)t mel)r als 300 2ftarf betragt, lieber biefe entleibet 
gundc^ft ber Amtsrichter, ein burd) baS (Stubium ber Rechts* 
Wiffenfchaft jum Sftichteramt vorbereiteter oom Könige als 
SerufSBeamter angeftellter @in§elric3£)ter. Qljne 9tüd jtdjt auf 
ben SBerth beS StreitgegenftanbeS ftnb ber (Sntfchetbung ber 
Amtsgerichte aud) nod) oerfd)iebene einfachere 2fted)tSftreitig= 
feiten übertragen, Don benen namentlich bie 3Rietfy£fhreitig* 
fetten, bie 6treittgfeiten gtüifd^en 2)ienft|crrf<ftaft unb 
ftnbe, atoifdjen Arbeitgebern unb Arbeitern, jtoifcfjen Reifem 
ben unb SBirthen, fo wie bie Streitfachen wegen 5Kängel 
beim Sßiefjfauf unb wegen Söilbfc^abenö hervorzuheben pnb. 
3ft eine ober ftnb beibe Parteien mit ber oou ihm getroffe* 
nen (Sntfdjeibung unlieben, fo trifft baS Sanbgericht burd) 
ein (Sotlegiuut oon brei gleichfalls berufsmäßig angeftellten 
Richtern, bie fogenannte (Siütlfammer, bie weitere ßntfdjet* 
bung. Sur zweiten Älaffe gehören alle anbcrn Streüfad)en. 



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23urgerred)t. 



69 



lieber tiefe entfcfyeibet juerft bie (Stoilfammer, unb, wenn 
ftd) bie Parteien bei biefer (Sntfdjeibung nid)t beruhigen, 
eine au§ fünf 23eruf3rid)tem äufammengefefcte 2lbtf)eilung 
be§ Dberlanbe§gerid)t§. 23ei weiterer Anfechtung be§ Ur- 
teils fallt ba3 JReid)3gertd)t bte le^te (Sntfdjeibung. 

Sn Straffadjen werben bie mit ber geringften Strafe 
bebro^ten StafWjaten, bie Uebertretungen burc3^ bie 
© c3t) ö f fengeridjte abgeurteilt. Siefelben befteljen au§ einem 
Amtsrichter, melier ben SBorftfc fü^rt, unb gwei burdj 2Bat)l 
berufenen Setft^ern, ben Sd)öffen, weldje biefeS Amt als 
ßfjrenamt, b. ^. ofyne SSefolbung ausüben. (Sin Dom Staate 
befMter Beamter, ber Amtsanwalt, vertritt hierbei bie An* 
flage. Auf (Anlegung eines SftedjtSmittetS trifft eine Ab= 
Teilung beS 2anbgerid)tS, bie (Straffammer, unb auf weitere 
23efd)merbe eine Slbt^eilung beS DberlanbeSgerid)tS bie (Snt* 
fdjeibung. 

Sie *8ergef)en unb einzelne minber fdjwere 23erbredjen 
werben üon ben Straff ammern ber 2anbgerid)te, auf 23e= 
rufung Don ben Straffenaten ber £)berlanbeSgerid)te abge* 
urteilt, ©egen Urteile ber (Straffammer ift nur bie toifion 
äuläfflg, über welche, wenn es ftd) um eine aSerlefcung ber 
SanbeSgefe^e fyanbelt, burd) baS DberlanbeSgeridjt enbgülttg 
entfdjieben wirb. 23ei 23erle£ung eines 3fteid)3gefej$eS tritt 
an Stelle be€ DberlanbeSgeridjtS baS 3fteidjSgertd)t. Sie 
Anflage vertritt Ijier gleichfalls ein 23erufSbeamter, ber 
Staatsanwalt. 

%üx bie Aburteilung ber 3Serbrect)en ftnb bie Sdjtour= 
geriete beftimmt. SDieje befielen aus bem ©erid)tSljof, einer 
Abteilung öon brei 23erufSrid)tern, unb ben ®efdjworenen. 
Sie Auflage wirb aud) ^ier Don einem Staatsanwalt Der* 
treten. Sie ©efcfyworenen ftnb jur (Sntfdjeibung ber Sd)ulb= 
frage berufen, ber ©erid)tSf)of $ur 23eftimmung ber gefe|= 



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70 



(Srfter $f)etf 



liefen Strafe. 5Me ©efdjworenen walten ihres 2Imte3 
gleichfalls als Ehrenamt. 2>aS Strafurteil fann auf 
rufen beS Staatsanwalts ober beS ^ngeflagten burd) ba£ 
Reichsgericht geänbert werben. 

2)aS Verbrechen beS £od)DerrathS unb 2anbeSDerrath£ r 
fofern baffelbe gegen ßaifer unb SReid) gerichtet ift, wirb 
auSfchliefelid) Dom $eid)Sgerid)t abgeurteilt. 

2)er £)ienft als Schöffe unb ©efdjworener ift 
eine ftaatsbürgerlidje (St)renpf lic^t. £>ie ^iegu befähig* 
ten beutfdjen Staatsbürger bürfen ftd) berjelben bafjer nid)t 
ohne gefefctichen ©runb entgehen. Sie l)angt ebenfo wie 
bie ÜRilitärpflid)t mit bem S3ep^ ber bürgerlichen Ehrenrechte 
jufammen. ©emgetnäfj ftnb auch biejenigen, welchen bie 2lu3= 
Übung berfelben ober bie gä()igfeit gur Vefleibung öffentlicher 
Slemter abgesprochen ift, ober we(d)e wegen Verbrechen ober 
Vergeben, für welche biefe Strafen angebrol)t ftnb, in Unter* 
fuchung ftel)en, Don biefen Semtern auSgefd)loffeu. 3m 
Uebrigen ift jeber beutfehe Staatsbürger, welcher baS Hilter 
Don 30 Sahren erreicht hat, Derpf(id)tet, ber Einberufung $u 
biefen Remtern bei bem ©eridjt, in beffen Vejtrf er feinen 
äBohnjifc h QI > Solße $u leiften, fofern er nicht burd) förper* 
liehe ober geiftige ©ebredjen $u biefer ©ienftleiftung unfähig 
ift r ober burd) befonbere im ©efeti bezeichnete Verf)ältniffe 
(2J?itgltebfd)aft ber 2anbeS= ober 9?eid)SDertretung , ärztliche 
^rariS,Shättgfcit alSStpothefer, Hilter Don mehr als 653af)ren) 
behinbert ift. 2lud) berjenige, wcldjer uod) nicht gwei Safjre 
in ber ©emeinbe wohnt ober im Verhältnis eines £)ienft* 
boten fteht, ift Don ber Einberufung auSgefd)loffen. $uS 
SRücffid)ten beS öffentlichen 2)ienfteS finb ferner bie fünfter, 
gewiffe klaffen Don Beamten, inebefonbere bie VerufSrid)ter, 
bie OWtgionSbiener, bie VolfSfchullehrer fo wie bie bem 
aftioen Sanbfyeer unb ber üRarine angehörenben 9Kilitär= 



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^Bürgerrecht. 



71 



perfonen oon bem SDtenfte al§ Schöffe ober ©efdjtoorener 
freigeftellt. 

Sie nicht ftreitige ©erid)t§barfeit, bte fogenannte frei* 
willige ©ertchtebarfett, gu melier inSbefonbere bte ©runb* 
bud)=, 9lad)la{3=, 3Sormunbfchaft§=6achen fo tüte bie Auf* 
nähme öon Urfunben unb Seftamenten gehört, ift ber Sftege* 
lung ber einzelnen beutfdjen 33unbeöftaaten oerblieben. Sie* 
felben werben oon ben Amtsgerichten bearbeitet. 23efct)merben 
in biefen Angelegenheiten werben oon ben £anbgertd)ten 
be$w. ben Dberlanbe§gerid)ten erlebigt. 

D. $)te SRetthägefe&jelmtig. 

I. S)te 9ieid)3*(Ben)erbeorbnung. 

Siefelbe geht im Allgemeinen oon bem ©runbfafe au§, 
bafi ber ©ewerbebetrieb frei, b. I). Obermann geftattet werben 
foll. Au§ ©rünben be§ öffentlichen 255ot)lö jtnb biefer grei= 
heit jebod) getoiffe @$ranfen gebogen, welche tt)etl§ in ber 
©efäf)rlid)feit oerfdjiebener ©ewerbe für bie (Sicherheit oon 
$erfonen ober (Sigenthum thcilS in ber 3ftücfftd)t auf bie 
€>ittlid)feit thetl3 in ben 33ebürfniffen be§ allgemeinen $cr- 
fehrS ober fonftiger wirtschaftlicher Sntereffen begrünbet 
jtnb. Sie Ausübung gewiffer ©ewerbe ift an ben 9ßad)wei$ 
ber Befähigung beS Unternehmend gefnüpft. 80 ftnb für bie 
Aer^te, Apotfjefer, §ebeammen, €eefd)iffer unb fyelbmeffer 
Prüfungen oorgefchrteben. Anbere ©ewerbe bürfen nur oon 
benen betrieben werben, weld)e oon ber juftänbigen SBehörbe 
hierzu bie (Srlaubnifc erhalten haben (gdjaufpielunternetymer, 
@aft= unb ©chanfwirtfje, Äletn&änbler mit SBrantit»ein unb 
@piritu§, $fanbleif)er u. f. to.). Sur bie Errichtung gewerb* 
lieber Anlagen, welche burch bie örtlidje Sage ober burch 
bie «Befchaffenheit ber SetnebSftätten für bie Seftfcer ober 
Bewohner benachbarter ©runbftücfe ober für ba£ ^ubtifum 



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72 



Grfter Ztyil 



überhaupt erhebliche 9la<htf)etle, (gefahren ober Seläftigungen 
gur golge haben fönnen, ift bic Prüfung unb (Genehmigung 
fadjfunbiger Sehörben oorgefd)rieben. SnSbefonbere ift bic 
Anlage unb ber betrieb Don SDampffeffeln unb üon Srieb= 
werfen unter obrigfeitliche »ufp^t gefteUt. <Der Setrieb 
be§ £aufirgemerbe§ ift an beftimmte SÖebtngungen ge= 
fnüpft. Soweit burch baffelbe fty&blidje SBtrfungen für bic 
Sittlid)feit, ©efunbhett ober 2Birtbfd)aftlichfeit ber Abnehmer 
ber SBaareu ober 9lad)theile für bie öffentliche Wohlfahrt gu 
beforgen finb, ^at man geroiffe ©egenftänbe unb gemiffe 2lrtec 
be323etriebeS unter Straf anbrol)ung au§gefd)loffen (getftige@e= 
tränfe, gebrauchte Kleiber ober 2Bäfd)e, Spielfarten, SBertg* 
papiere, Sotterieloofe, Sprengftoffe, Petroleum, Söaffen, ©ifte r 
Arzneimittel, unjtttlidje SDrudf Triften unb 33ilbtoerfe, ferner 
ben «Betrieb be§ SSerfaufS burd) SSerfteigerung ober im SBege 
be3 ©lücffpiels ober ber AuSfpielung). SDie Ausübung ber 
^etlfunbe barf gleichfalls nid)t imUmhergtehen betrieben merben. 
©er 9ftarftoerfehr unterliegt ber obrigfettlichen Drbnung. 

Sie ©eftaltung unb SBtrffamfeit ber gur görberung be§ 
^anbtoerfS beftimmten ^Bereinigungen felbftänbiger ©eroerbe= 
treibenber, ber Innungen, ift burd) beftimmte 23orfd)riften 
geregelt, unb bie für if)r Seftehen unb tt>rc Shätigfeit er= 
forberlid)e Auffiel) t georbnet. 5)ie Innungen haben bie 
Aufgabe, ben ©emeingeift ju pflegen, bie StanbeS* 
ct)re gu ftarfen, ein geb et^lic^eö 33erf)ältnif$ §totf <j^en 
2ftetfter unb ©efellen Jjer$uftellen unb gu förbern, 
für baö ^erbergSmefen $u forgen, ba§ £eljrling§* 
roefen gu regeln, Streitigfeiten §mif d^en ben 9Rit* 
gliebem unb ben Lehrlingen f dt)ieb^ric^terlid^ ju 
entfd)eiben, aud) fonftige gemeinfame, ber gebeth 5 
liefen (Sntaicfelung beS ^anbroerfs förberlidje (5in= 
rid)tungen 5. 23. gad)fd)ulen, Unterftü|ung3faffen tn§ Seben 



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23ürgerred)t. 



gu rufen unb erhalten. 2)ie betreffenben SSorf^riften 
ber ©emerbeorbnung vermitteln bie görberung unb $mecf= 
entfpre<henbe AuSgeftaltung ber beftefjenben Innungen unb 
bie Erleichterung ber (5rrid)tung neuer Innungen. 

3)er Slrbetterfdjufc. 

5)a§ §8ertrag§üerhdltni& ber gewerblichen Arbeiter (®e= 
fetten, ©ehülfen, ße^rlinge, gabrifarbeiter), bie £ohngaf)lung, 
bie 33efdjdftigung ift nad) feften ©runbfdfcen georbnet, meldje 
im 2Befentlid)en ben $md Verfölgen, baS SSer^ältnife groifchen 
ben Arbeitgebern unb ben Arbeitern befriebigenb ju geftalten, 
inöbefonbere bie fieberen gegen mtrthfd)aftliche unb gefunb* 
heitlitye @d)dbigung ftd)er $u ftetten. £>ie ©eroerbeorb* 
nung Ijat bemgemdjj bie mistige Aufgabe be§ Arbet* 
terfd)u£e§ in3 Auge gefaxt. 3)ie betreffenben ©ebote 
unb Verbote umf äffen fyauptfäcfylid) folgenbe ©egenftdnbe: 
1. bie Arbeit an <Sonn= unb gefttagen, 2. ben (Sdjuk ber 
jugenblidjen Arbeiter unb ber Arbeiterinnen im Allgemeinen 
unb inSbefonbere in ben gabrifen, 3. bie Art ber Sohn* 
gahlung. 3)iefelbe barf nur in baarem ©elbe ftattfinben. 
SebenSmittel bürfen nur mit ßuftimmung be3 Arbeiters unb 
aud) bann nur gum Anf<haffung3preife in Anrechnung ge= 
bradjt merben. SBohnung, Neuerung, Sanbnufjung, regele 
mäßige 93eföftigung, SBerfgeuge unb 6toffe gu ben au3gu= 
füfyrenben Arbeiten bürfen jebod) al§ SEljeil be§ 2ohne3 
gemdljrt »erben, 'stbofy follett toeber ben Arbeitern nod) 
ihren Angehörigen SBaaren auf SBorg oerabfolgt, biefelben 
auch nid)t genötigt merben, SBaaren au§ beftimmten 23er* 
faufSftetlen ju entnehmen ober ihren SSerbienft gu beftimmten 
ßmeefen ju oermenben. Sine Aufnahme mad)t nur bie 23e* 
theiligung an (5inrid)tungen §ur SSerbefferung ber Sage ber 
Arbeiter ober ihrer gamilien. 



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74 



(Srfter SfjeU. 



4. 3)ie §erftellung unb Unterhaltung t)on (Einrichtungen, 
welche mit 9ftüdffid)t auf bie befonbere S3efc^affen^eit be§ 
Gewerbebetrieben unb ber SBetriebSftätten jur t^unlic^ften 
Sicherheit gegen ©efahr für geben unb ©efunbheit ber Ar* 
beiter nothwenbig ftnb. 

5. Sie Regelung beS SSerfjältniffeS ber Se^rlinge gu 
ben gekernt. 

Sic Aufficht über bie Ausführung biefer ©d)ufcma&* 
regeln ift im 2Befentlid)en befonbem Staatsbeamten, ben 
gabrifinfpeftoren (©ewerberäthen) übertragen. 

5)ie ©etüerbegeridjte. 
gür bte (§ntfd)eibung üon gewerblichen Streitigfeiten 
3Wtfd)en Arbeitern unb Arbeitgebern fo wie jwtfchen Arbeit 
tern beffelben Arbeitgebers ftnb befonbere ©erid)te, bte ®e* 
werbegeri d)te, beftimmt, bereu 2kijt£er gur £älfte ben 
Arbeitgebern, jur anberen £älfte ben Arbeitern angehören. 



Sie ©ewerbeorbnung l)at aufcerbem auf öerfd)iebenen 
©ebieten bitrd) befonbere ©efe|$e eine weitere AuSbe^nung 
erfahren. 

2)er SSerfefyr mit 9}at)rung3mttteln u. f. ro. 

I. 2)er SSerf e^r mit DtatjrungStnüteln, ©enuft= 
mittein unb ©ebraud)3gegenftänben, Spielmaaren, 
garten unb Petroleum ift unter obrigfeitlidje Auffid)t ge= 
fteflt, bamit nid)t burd) bie fd)äblid)e *8efd)affenheit üon ber- 
artigen Sßaaren ober burd) Um>orfid)tigfeit beim Transport 
ober ber Aufbewahrung $ad)theile für baS ^ublifum ent= 
fielen fönnen. (53 foll namentlich bei betn SSerfe^r mit 
51al)ruugS- unb ©enufemitteln ber SSerfdlfchung, bem 33e= 



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Bürgerrecht. 



trüge imb bem fd)äbtid)en (Sinflufc auf bie ©efunbfyeit ent* 
gegen getmrft »erben. 

5)er ©ebrauef) öon ©prengftoffen. 

IL Qylt Vermeibung be«§ unoorfid)tigen ober üerbredje- 
rifdhen ©ebraud)3 rjon 6prengftoffen pnb ftrenge Vor* 
fdjriften gegeben. Sie £erftellung, ber 33e(ife unb ber 3Scr= 
trieb fo nrie bie Einführung berfelben au3 bem äuSlanbe ift 
nur mit polizeilicher (Genehmigung ftattl)aft , bie gemein* 
gefährliche, b. lj. mit ©efahr für ba§ £eben, bie ©efunbfjeit 
ober baS (Sigentrmm Ruberer üerbunbene 2lmuenbung fo mie 
bie 3utt)iberhanblung gegen bie für bie Herstellung, 2lnfd}af= 
fung, Aufbewahrung ober Ueberlaffung öorgefel)enen 3Sor= 
fünften unb Anorbnungen, aud) bie 6ffentlid)e Aufforberung, 
Anregung ober Verleitung §ur Derbredjertf^en Anroenbung 
üon Sprengftoffen jtnb mit garten Strafen bebrorjt. 

5)ie $etcfjö'$erncf)ening3-®efefcgebung. 

III. @iner ber roidjtigften ^heile ber an bie ©eroerbe* 
orbnung angefdjloffenen ^eid)3gefe£gebung ift bie Regelung 
ber 2Serfid)erung ber Arbeiter gegen Unfall, Äranf* 
f)eit, ArbeitSunfähigfeit unb aitcrSf^wä^c. Ser 
©runbfa^, bafc e3 eine Pflicht be3 €taate§ fei, für bie ©r- . 
näl)rung unb Verpflegung ber jenigen Bürger ju forgen, 
tt)eld)e fid) ihren Unterhalt ntd)t felbft üerfchaffen unb ihn 
auch nicht öon ben 511 ihrem Unterhalt verpflichteten 2lnge= 
hörigen (©Item, ©ro&eltem, Äinbern, ©efd)tt)iftern) erhalten 
fönnen, ift bereits im ^reufeifchen Sanbredjt oon 1794 jum 
2tu§brud; gebracht. 2)iefer (Griiubfafj ift nun $uuächft fyn= 
jidjtlid) ber gürforge für bie Arbeiter einheitlich für ba<S ge* 
fammte 2>eutfd)e fteid) in einer gorm burchgefüfjrt, welche 
ben Arbeitern bei grfranfung Pflege unb Unterftü^ung, bei 



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76 



Giftet Stjetl. 



cintretenber ^nüalibität ober AlterSfdjroäche SBerforgung 
fiebert. Unter ber ^>errfd>aft ber früheren ®efefce blieb e§ 
bem einzelnen übcrlaffen, rote er ftd) für %aüt bauernber 
ober jettroetfer ßrroerbSunfähigfett ober für ben gall be§ 
£eröortreten§ aufeerorbentlidjer Bebürfniffe einen 9ftücff)alt 
»erfc^affen roollte. 6r fonnte biefe§ entroeber burch Anfamm* 
lung Don Kapital ober burd) Beteiligung an Waffen, $er= 
einen ober ©efellfdjaften, welche bie gürforge für bie Bethel 
ligten unter geroiffen Bebingungen gegen Entrichtung oon 
Beiträgen übernahmen. $)a§ Bebürfnifc rourbe inbefc hier- 
burch nicht gebeeft, ba einerseits nicht 3eber in ber Sage ift, 
bie erforberlidjen ©elbbeträge burch (Srfparung anjufammeln 
ober einzuzahlen, anbrerfettS auch nicht geber bie Neigung 
unb oerftänbige 33orftcf)t befifct, um ftd) in biefer Steife oor 
Dloth ju fc^ü^en. Sn gdüen eintretenber £ülf3bebürftigfett 
mußte nun allerbing§ bie öffentliche Armenpflege bie %üx* 
forge übernehmen, fonnte biefeS aber vielfach nur in dufter* 
fter 23efcf)ränfung unb beet)alb unjureichenb beroerfftelligen, 
unb bemjenigen, welcher fich in ber ^othlage befanb , ba» 
brücfenbe ©efürjl nicht erfparen, baft er nur au§ ©nabe unb 
Barmher^igfeit bie nothbürftige Unterftüfcung empfing. 5)te= 
fer Umftanb fo roie bie (grfenntnifc, bafc ftd) aus biefen 3« 5 
ftdnben bei ber Arbetterfdjaft ba§ ©efüf)l mangelnber 93e* 
friebtgung entroicfeln muftte, h a * & a S u geführt , biefe 23er= 
hältniffe bem oorbe^eichneten @taat§zroecf entfprechenb, burch 
bie SRetchSgefe^gebung bnrchgreifenb umzugeftalten. <Der 
frühere, auf ba3 Bohlroollen, bie SBittfährigfeit unb SeiftungS* 
fdhigfeit ber Armenoerroaltung gegrünbete ßuftanb ift bahin 
geanbert, bafe nunmehr bem Arbeiter in ÄranfheitSf allen 
be$ro. bei Eintritt einer burch Unfall, ^ranfheit ober anber* 
roette Umftänbe oerurfad)ten gänzlichen ober theilroeifen (5r= 
werb^unfähigfeit fo roie bei (5rreid)ung eines Alters uon 



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^Bürgerrecht. 



70 3^ten baS 3fted)t gufteljt, eine gefefclid) beftimmte gw> 
forge verlangen. %nx bie Staatsbeamten unb bie 
litärperfonen tritt in Säßen ber ^ranfrjeit ober Snöalibität 
ber 6taat, für bie ©emeinbebeatnten bie ©emeinbe ein, tüäf)= 
renb biefe gürforge be§üglid) ber Arbeiter einer Aufgabe 
beS ©eutfdjen 3Reid)S gemalt unb bemgemäfe burd) befon* 
bere 3fteid)Sgefeke georbnet unb fidjer geftellt ift. 2)urcf> 
biefe trnrb ben Arbeitern — ju benfelben werben aud) ®e» 
feüen, ©efjülfen, Seljrlinge unb SMenftboten geregnet — , 
roeld}e gegen ©e^alt ober £oljn arbeiten, mithin ^ur 33eftrei= 
tung ber Soften tfjreS Unterhalts unb beS Unterhalts it)rer 
gamilie auf biefen (Srtoerb angetoiefen finb, burd) eintretenbe 
2lrbeitSunfäf)igteit barjer in 9ßotf) geraten, bei ©rfranfung, 
IBefdjäbigung burd) einen UnfaH fo nne bei Snoalibität begw. 
6rreid)ung einer beftimmten Altersgrenze, meiere ber föegel 
nad) einen burd) 2lbfd)roäd)ung ber ArbeitSrüftigfeit bebing= 
ten gortfatl ber (SroerbSfähigfeit jur gclge tjat, ber be= 
treffenben $affe gegenüber ein Anfprud) auf beftimmte 
Seiftungen gugeftanben unb geftd)ert. SDiefe geiftung be* 
fierjt bei ber ^ranfenoerp^erung in ber ©enoäfjrung freier 
ärztlicher 9Bef>anblung, Arjenei unb anbrer Heilmittel, fo roie 
in einer ©elbunterftü^ung, beut Äranfengelbe, als t^eiliDeifen 
ßrfafc für ben roärjrenb ber Äranfljeit befteljenben Ausfall 
an SlrbeitSöerbienft. 93ei ber Unfalloerfidjerung toirb aufcer 
ben ^urfoften eine 3ftente für ben 3Befd)äbigten gemährt, 
toeld)e gleichfalls ben fortgefallenen ober verringerten Arbeits* 
üerbienft angemejfen ausgleiten fofl. SÖei SobeSfätlen er* 
ftreeft fid) bie gürforge auch auf bie Unterbliebene SBittac 
unb bie nod) erjiehungSbebürftigen ßinber (unter 15 fahren). 
2)er burd) gnöalibität ober 2IlterS)d)tt>äche eintretenben @r- 
roerbSunfäfjigfeit toirb burd) 3o^ un Ö einer Sltnte Abhülfe 
üerfd)afft. 



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78 



Grfter Sfjeil. 



2Me Littel jur ©urdpfcruttß biefer gürforgepfüci)t 
werben bei ber $ranfenr>erjtd)erung fo wie bei ber Alters* 
unb 3nöaltbitateüerftd)erung burd) Beiträge ber Arbeitgeber 
unb ber Arbeiter — bei bcn betben legten Arten ber 58er= 
ftßerung unter ®ewärjrung eines 3ufd)uffe$ au$ 9tetd)3mit= 
teln — -, bei ber UnfaHoerfißerung burd) Seiträge ber 2k= 
trieb§unternef)mer aufgebraßt. 3)ie Snoalibttate- unb Al= 
ter§üerfid)erung erftrecft ftd) and) auf bie geringer befolbeten 
23etrteb§beamten unb bie £anblungSgel)ülfen (nict)t über 
2000 Wart 3al)re$gef)alt). 3Me tfranfenfürjorge tft auf bie 
Arbeiter unb bie gering befolbeten SetriebSbeamten in be= 
ftimmten Betriebszweigen, $u benen aud) ba§ $anbwerf unb 
bie beinfelben gleißfterjcnben bewerbe gejault werben, be= 
fßränft, wobei inbejj folße Arbeiter, weiße nur üorüber= 
gefyenb ober im r>orau§ auf eine fürjere ßeit als eine 2öoße 
befßäftigt roerben, aufcer SBetrad)t bleiben. 

2)te UnfaUüerfißerung ift nur für beftimmte ©ewerbe* 
betriebe eingeführt, tnSbefonbere für gabrifen, in benen mit 
2)ampf* ober SBafferfraft gearbeitet wirb. (Sie umfafct im 
Sßefentlißen alle größeren Sabrifen, ferner ba£ Baugewerbe, 
ben Seeöerfefyr unb bie Sanb* unb Sorftwtrtrjfßaft. 3ßenn 
^erfonen be§ 8olbatenftanbe3 ober Betriebsbeamte be3 9teiߧ 
im SDienftc einen Unfall erleiben, fo rjat ba§ fteiß für jte 
bejro. für tfjre Hinterbliebenen $u forgen. 

3ur ©urßfürjrung, Oberleitung unb Beauffißtigung 
ber Berftßerung§*(Sinrißtungen unb Anftalten fo wie jur 
enbgültigen ©ntfßeibung etwaiger im Saufe ber Verwaltung 
entftefjenben ©treitigfeiten ift eine befonbere 9teiߧbe!)örbe, 
ba§ 3fteiß$=$erfißerungS=Amt beftimmt. S)ie gür* 
forge, weiße bie Berftßerung jum ©egenftanbe fjat, ift ge= 
noffenfßaftlißen SSerbanben unb 23e$irf3*33erftßerung§an= 
ftalten anvertraut, weiße ftß unter ber Aufftßt ber ®c* 



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S3üröerred)t. 



79 



meinten unb beä Staates befinben. 2)tc ßranfenöerftcherung 
liegt in ben £änben üerfdjiebener Waffen. 2Bo biefelben nicht 
befielen ober ftd) nicht bilben, tritt bie ©emeinbe als SSer= 
ftcrjerungSamt ein. 

2>er Stfjufc getfttger Sirbett. 

IV. 3)ie allgemeine ©eroerbefreiheit toirb in fefjr utn- 
greifenber SBeife baburd) befd)ränft, bafc bei (£r$eugtüifen 
fieifttger Arbeit bem Urheber be^ro. bemjenigen, welkem 
er feine Sftedjte überträgt, unb aud) feinen (Srben für eine 
getoiffe Qzit bie Söefugnifj ber auSfchliej$lid)en SSer= 
tüerthung feiner ©eifteSarbett gefiebert wirb. 3wwiber= 
hanblungen toerben beftraft, aud) 6d)abencrfa£ ober 23ufec 
$u ©unften beS berechtigten gewährt. @d barf alfo 9Ue= 
manb ohne Suftimmung beS berechtigten bie geiftige Arbeit 
ausbeuten. 3)iefer @ct)u^ erftredft ftd) nicht allein auf Schrift* 
toerfe, fonbern aud) auf ntuftfaltfd)e unb bramatifd)e Berte, 
SBerfe ber SBilbrjauerfunft, Slbbilbungen, ^otograp^ien, 
dufter, Lobelie, SSaaren^eichen, htSbefonbere aber aud) auf 
(Srfinbungen. %\\y biefe fann fidt) ber Urheber burd) ein 
üom 3fteid)£--$atentamt $u ertheilenbeS patent für eine ge* 
toiffc 3eit baS auSfd)liefctid)e Cfted)t ber Serfügung unb 33er* 
Werbung ftdjer fteüen, unb ftd) baburd) gegen ben (Singriff 
Unberechtigter fdjüfcen. ©S ift bann Dlietnanb befugt, ohne 
feine (Srlaubnifs ben ©egenftanb ber ßrpnbung gewerbsmäßig 
fyerjuftellen, in ben berfehr ju bringen ober feilhalten. 

DL Ssaö beutfd)e £anbel3red)t. 
5)te 2tfttengefeltfd)aften. $te ©enoff enfdjafteit. 

3)te burd) bie 9tatur unb bie bebürfniffe beS #anbelS* 
tterfehrS gegebene SRothmenbtgfeit eines einheitlichen £anbelS* 
rechts fyattt fchon oor ber ©rünbung beS beutfehen 3tetd)S 



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80 (Srfter Sljetl. 

jur Ausarbeitung eines beutfchen £anbelSgefefcbud)§ 
geführt, welches $unä<hft in bie @in$elftaaten eingeführt, unb 
fpäter ben beutfchen föeichSgefefccn eingereiht würbe. 2)affelbc 
umfafjt ben gefammten faufmännifchen £anbel einfchliefe* 
lieh bcö SeeljanbelS. Als Kaufmann gilt 3eber, welcher ge= 
werbSmäfcig £anbelSgefd)äfte betreibt. Sie ginna eines 
Kaufmanns ift ber s 3tame, unter welchem ber ©efdjäftsbetrieb 
ausgeübt wirb. Seber Kaufmann ift verpflichtet, Sucher 
in führen, in welchen feine .JpanbelSgefdjäfte unb bie Sage 
feines Vermögens erftdjtlich gemacht fein muffen. 5)aS «£>an* 
belSgefefcbuch giebt für bie gührung biefer Sucher, ber §an* 
belSbücher, beftimmte leitenbe ©runbfäfce. Sie ftnb in Streik 
fachen ein wichtiges SeweiSftücf. Unterläßt ber Kaufmann 
bie Rührung biefer Sucher, t>ernid)tet ober verheimlicht er 
biefelben, ober führt er biefelben fo, baß fte feine Heberftcht 
feines SermögenSftanbeS gewähren, fo macht er fuh im gaüe 
ber (Sinftellung feiner Befangen be^w. im §aUe ber Äon* 
furSeröffnung ftrafbar. 2)aS beutfehe £anbelSgefe£buch orbnet 
aud) bie rechtliche (Stellung ber ^rofuriften, £anblungSge= 
hülfen, $anbelSbeüoHmächtigten unb £anbelSmafler, ebenfo bie 
ber Äommifftonäre, b. h- berjenigen, welche gewerbsmäßig 
in eignem tarnen für Sftedjnung eines Auftraggebers $an- 
belSgefchäfte abfd)ließen. 6S regelt auch bie ^anbelSbe^ie* 
hungen ber Spebiteure, b. h- berjenigen, welche gewerbsmäßig 
in eigenem tarnen für frembe Rechnung ©üteroerfenbungen 
beforgen. (Sin befonberer Abfchnitt behanbelt bie 3ted)tSöer= 
hältuiffe ber £anbelSgefellfd)aften, b. h- ber Don mehreren 
^erfonen in ©emeinfd)aft betriebenen faufmännifchen ©e= 
fchäfte. 

Sie Aftiengefellfchaften fmb ©efeUfchaften, bei benen 
ft<h bie fämmtlichen ©efetlfchafter (Aftionäre) nur mit (Sin* 
lagen (Aftien) betheiligen. 3h re ^Bilbung fo wie bie 3kr= 



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^Bürgerrecht. 



81 



$aitntffe ihres ©efchäftebetriebeS ftnb burd) ein befonbere§ 
3faid)§gefek geregelt. 

3)a§ ©enoffenfchaftStoefen ift glei<t)faU§ jutn ®e» 
genftanb ber ^eichSgefefcgebung gemacht. Unter einer ©e* 
noffenfd&aft oerfteljt man bie Bereinigung mehrerer $erfonen 
gum $md gemeinfamer Befchaffung oon SKitteln für ©elb= 
ober Söaarenbebarf, ober jur gemetnfamen Bertoerthung oon 
(Sr^eugniffen beS ^anbmerfö, ber 2anbtoirthfd)aft u. f. m. 

B. SKolfereigenofjenf haften, Berfauf§genoffenfchaften). 
3Me hauptfä<hli<hften Bereute Mefer 2lrt ftnb bie ßonfum* 
oer eine, beren ©efdjäftöbetrieb tnSbefonbere bie billige Be= 
fdjaffuug oon SebenSmitteln unb ^)au§^altung^gegenftdnben 
für bie 2ftitglieber be^toecft, unb bie Grebitoereine, meldte 
bie Aufgabe Ijaben, ihren SWitgliebem ba§ $um Haushalt 
ober gum ©etoerbe= ober fonftigen ©efd)äft£betrieb erforber« 
lid)e ©elb in 3rorm oon ^Darlehen ju gemäßen. S)ie ©e= 
noffenfcfjaften unterfdjeiben fid) loefentltcf) oon ben Slftien« 
gefeUfdjaften. Bei ben lederen befielt ba3 Vermögen nur 
in bem oon ben Slftionären eingelegten Slftientapital. SDie* 
felben fönnen baljer aud) nur auf §ö^e biefer Einlage für 
bie Sd)itlben ber ©efellfchaft in 2Infprud) genommen toerben. 
Sei ben ©enoffenfdjaften mit unbefdjranfter Haftpflicht muffen 
bagegen bie TOitglieber mit ihrem gefammten Vermögen für 
bie Verpflichtungen ber ©enoffenfd)aft einftebn, bei ben ©e= 
noffenfd)aften mit befd)ränfter Haftpflicht ftnb fte nur auf 
Höhe einer bestimmten Summe oeranttoortlich. 

JDie Regelung be§ Seef)anbel3 bilbet einen fyaupU 
fljetl be£ beutfchen §cinbel§gefe^bud|§. Hier fommen nament* 
lieh tn Betracht: L bie rechtlichen Berhältniffe ber $heber 
b. h- ber (Sigenthümer eineö $um ©rtoerb burch ^ e Seefahrt 
beftimmten Sd)iffe§, ferner 2. bie rechtlichen Beziehungen 
ber Schiffer unb ber Sd)iff3mannfd)aft, 3. ber burd) Schiffe 

33ür0erre$t unb Sürflerttiflenb. 2. «ufL 6 



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82 



ßrfter Sfjeil. 



vermittelte ©üter* unb $erfonent>erfehr, 4. bie Serpfänbung 
tton (Sdjiffen, bte #at)erei b. h- bie 23efd)äbigung ober f8ev* 
nid)tung Don Sd)iffen toährenb ber gafjrt, ber burd) 3«= 
fammenjtofc Don ©Riffen öerurfachte Schaben, bic Sergung 
unb §ülfsleiftung in Seenotf). 5. bie 58erftd)erung gegen 
bie ©efatjren ber Sdjtffahrt. 

(Sbenfo rote baS £anbelSrecht mar aud) baS 2Bed)fel* 
red)t fd)on öor ber ©rünbung beS ©eutfdjen $eid)S für 
SDeutfc^Ianb einheitlich georbnet unb in faft allen SuabeS* 
floaten eingeführt. ÜDcmnädjft ifl baffelbe in bie 3a$l btt 
beutfdjen SReichSgefejje aufgenommen. 

III. 2)aS SRei$«ftrafrecf)t. 
2)ie öebeutung beS (Straf re<i)tö im allgemeinen. 

3eber Staat tjat bie Aufgabe, fid) fclbft unb 
bie Staatsangehörigen gegen bie £anblungen fol= 
djer Sßerfoncn $u fd)ü£en, roeld)e ben Staat unb bie 
flaatlidhe Drbnung gefdhrben ober bie Staatsan- 
gehörigen in bem ©enufc ber fiebenSgüter begro. 
©runbredjte (ßeben, ©efunbheit, Freiheit, ©h^O 
beeinträchtigen. 2)aS Strafred)t bilbet bie äußere @$ufe« 
wehr, mit welcher ftch ber Staat $ur Slbroeljr ber Angriffe 
gegen bie StaatSorbnung unb beS Eingriffs in bie ©runb* 
rechte ber Staatsangehörigen umgeben mufj. .©er Staats* 
geroalt wirb baburch bie notfjroenbige §anbhabe gegeben, um 
bie in ber SerfaffungSurfunbe gewährleisten fechte roirffam 
gu fehlten. Sie Ausübung beS Strafrechts auf ber ©runb* 
läge beS Spruchs unabhängiger dichter bietet bie nach 
menfehlichem (Srmejfen ftd)erfte ©ernähr für bie Unparteilich* 
feit unb ©eredjtigfeit. 9lad) ber ftaatlichen Drbnung gehört 
bie Slufrechthaltung ber öffentlichen Sicherheit $u ben Obliegen* 
heilen ber ^olijeibehörbe. Sie Ijat barüber 51t wachen, 



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Jöürgerredjt. 



baß feine gut ®efährbung berfetben bienenben £anbluugen 
begangen werben, nnb tjat, wenn fie biefeS nid)t Derf)inbern 
fann, bie 2()at feftjufteHen nnb ben Später ju ermitteln. 

2)a3 Strafgericht ift ba$u beftimmt, bie ©djulb be« 
S^äterS flar $u ftellen nnb feine 23eftrafung herbeizuführen. 
Ohne Strafgefe^e fann fein Staat beftefyen. Sie Sßoligei* 
bel)örbe wirb §war in Bielen fällen in ber Sage fein, bie* 
jentgen, welche tt)re Freiheit gur Störung ber Staatäorbnung 
mißbrauchen wollen, burd) norbeugenbe Maßregeln an ber 
23etl)ättgung biejer Slbjt^t $u ^ittbern. 63 ftefjt aber nicht 
in ihrer 5Wad)t, in allen SäUeu rechtzeitig ber 2kgef)nng 
fd)äblicher Saaten entgegen zu wirfen. 3)iefe muffen baher 
mit einer Strafe bebro^t werben, einerfeits um baburd) öon 
ber Begehung ftrafbarer ^anblungen abzufd)recfen, anberer* 
feit§ um ben Später burd) bie 23cftrafung fo empfinblid) 
$u treffen, baß er fid) in 3^funft ber StaatSorbnung fügt 
itnb ftd) nicht Don Beuern mit berjelbcn in SBibcrfprinh 
fefet. gnblich wirb e§ auch in befonber3 fdjweren gallen 
im 3"tereffe ber 2tufred)thaltung ber StaatSorbnung geboten 
fein, ben Zfyatex für bie ÜBegefjung weiterer Straftaten un= 
fchäblich ju machen, unb baburch ben Staat unb bie bürger= 
liehe ©efeüfchaft uor weiteren Angriffen folcher $erfonen, 
»Ott benen eine fortgefe^te Mißachtung ber fechte unb be§ 
griebenS berfelben zu beforgen ift, zu bewahren. 

S)aö b c u t j d; e @trafgefe^t>itcf). 

2)aS 3teid)$ftraföefc{jbud) enthalt nun für ba§ ge* 
fammte 2>eutfd)c 9?eid) biejenigen Strafoorfchrifteu, auf bereit 
^Beachtung in allen jU bemfelben gehörigen Staaten zur 
gleichmaßigen Bahrung ber fechte ber 2)eutfd)en auf gefe^ 
liehen Sd)u& gehalten werben muß, um ben 23eftanb beö 
Staate^ unb ba§ gejid)erte ßufammenleben ber Staats* 

6* 



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84 ©rftet 3$eil. 

angeljorigen $u ermöglidjen. 3)iefe3 ©efefcbud) fyat bie ftraf= 
baren ^anblungen nad) ber ©djtoere ihrer SBebeutung für 
ba3 Staatsleben unb nad) bem SKafeftabe ber bemgemäfe an- 
gebrofjtcn ©trafen in brei ©ruppen geseilt: bie Verbrechen, 
bie Vergehen unb bie Uebertretungen. Verbrechen ift eine 
mit ber JobeSftrafe ober mit 3 u ^^au§ ober geftung^fjaft 
öon mehr als 5 Sauren bebrohte £anblung. 3Xl§ Vergehen 
mirb eine £anblung bezeichnet, welche geftung^^aft bis §n 
5 Streit, ©efängnifcftrafe ober eine ©elbftrafe öon mehr 
als 150 *Narf nad) fid) jie^t. 2lUe anbern mit einer ge= 
ringeren Strafe bebrofyten £anblungen nennt man Heber* 
tretungen. Dieben einer greiheitsftrafe fann in befonbern 
Straffällen auf bie Suläfftgfeit ber Stellung unter $olijei* 
auf jtd)t für einen Seitraum bis ju 5 Sohren erfannt roerben. 
3Me ^olijetbehörbe ^at bann baS 3Red)t, ben Verurteilten 
ben Aufenthalt an einzelnen beftimmten £)rten gu unterfagen. 

Sie StrafDorfchriften beS föeU&Sftrafflefefcbud)« be* 
treffen nun 

L £anblungen, burdj toeldje baS Veftefjen beS Staates 
ober ber StaatSorbnung gefäfjrbet tuirb, 

II. ^anblungen, burd) meiere bie einzelnen StaatSange* 
porigen in ihren ©runbredjten bejn). 2ebenSgütern 
betroffen toerben. 

A. $anbtungen, burd) wet$e ba$ SBeftefyeii beS (StaateÖ bejro. ber 

(Staa tSorbnung gefäfjrbet werben. 

3u I. ftnb namentlich bert>or$uheben: 

1. ©er £od)t)erratf). darunter ftnb äunäd)ft alle 
gegen baS geben beS ^aiferS, beS SanbeSherrn ober eines 
VunbeSfürften gerichteten £anblungen ju uerftefyeu. @S fällt 
ferner unter biefen Segriff baS Unternehmen, bie Verfaffung 
beS beutföen 3Reid)S ober eines VunbeSftaateS ober bie be* 



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• 

Bürgerrecht. 



85 



ftefjenbe Sljronfolge getoaltfam änbern, fo it)te baS Un= 
ternefymen, baS 23unbeSgebtet ganj ober tljeilmeife einem 
fremben Staate gcwaltfam einverleiben, einen S^eit Dom 
©anjen loS^ulöfen, baS ©ebiet eines SBunbeSftaateS gan$ 
ober tfyeilroeife einem anbern SunbeSftaate getualtfam ein- 
3itoerleiben ober einen £fyeil Dom ©an^en loS^ureifcen. 23et 
biefem 2krbred)en ift aud) fd)on bie Vorbereitung unb bie 
burd) SBort, Sdjrift ober <DarfteUung ftattpnbenbe öffentliche 
Slufforberung unter Strafe geftettt. 

2. ©eS ßanbeSüerratfyS macfyt ftd> ein ©eutfdjer 
fd)ulbtg, tceld)er ftd) mit einer auSlänbtfdjen Regierung ein* 
Idfet, um biefelbe gu einem Kriege gegen baS beutfd)e 9teid) 
gu oeranlaffen; ingleid)en mer roäljrenb eines gegen baS 
beutfdje $eid) auSgebrod)enen Krieges in ber feinblid)en 
^riegSmadjt ©ienfte nimmt ober bie SBaffen gegen baS 
beutjdje 3Reict) ober befjen 23unbeSgenoffen trägt, ober, wenn 
er bereits früher in frembem ^riegSbienfte ftanb, nad) SluÖ= 
brud) beS Krieges in ber feinblid)en ÄriegSmad)t Derbleibt 
ober bie SBaffen gegen baS beutfd)e 9ßeicf) ober feine 33un= 
beSgenoffen trägt. (Sbeufo mad)t ftd) berjenige ftrafbar, 
meldjer oorfä£lid) mäfyrenb eines gegen baS beutfdje 3fteid) 
ausgebrochen Krieges einer feinblic^eu 2J?ad)t SSorfdjub 
Ieiftet ober ben beutfdjen Struppen ober ben Gruppen ber 
SBunbeSgenoffen $ad)tf)eile ^ufügt, geftungeu, $äffe, befe^te 
$lä&e ober anbre 2krtf)eibigungSpoften , ingleicfyen beutfd)e 
ober oerbünbete Gruppen ober einzelne Offiziere ober TOann* 
fdjaften in feinblidje ©eraalt bringt, geftungSmerfe, Kriegs* 
material, ÄriegSfaffen in feinblid)e ©emalt bringt ober bie= 
felbeu aum SSort^eil beS geinbeS jerftört ober unbrauchbar 
mad)t, bem geinbe 9ftannfd)aften ^ufü^rt ober ©olbaten beS 
beutfe^en 3ßetd)S ober beS oerbünbeten .Speeres ba$u herleitet, 
3um S^inbe überzugeben, bem geinbe gel^ugS* ober §eftungS= 



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86 



(Jrfter 3tyil. 



pldne mitteilt, i^m al$ gpion bicnt ober fetnblid)e «Spione 
unterftüfct, ober einen Slufftanb unter ben beutfdjen ober ben 
üerbünbeten Sruppen erregt. 

3ngleid)en madjt ftd) berjeuige bcö 2anbeSt>erratl)8 
fd)ulbig, tneic^er gtaatSgeljeimmffe ober geftungSpläne ober 
$ad)rid)ten, in betreff bereu ifym befannt ift r bafc fie im 
Sntereffe be£ beutfdjen 3fteid)§ ober einc^ 33unbe§ftaate3 
geheim bleiben fotlen, einer anbern Regierung mitteilt 
ober öffentlich befannt macfit, ferner ba§ H&offl be«S beutfdjcn 
9fteid)e3 ober eines 93unbe§ftaate§ einer anbern Regierung 
gegenüber burd) 33erntd)tung, ^dlfc^uug ober Unterbrücfung 
tt»id)tiger Urfunben ober 23eroeismittel gefdfjrbet, ober ein 
Staatägefö&ft, nxldjeS er mit einer anbern Regierung im 
Auftrage beS beutfdjen 9fteid)3 ober eines 23unbe£ftaate§ 311 
führen Jjat, *um 3tad)t|ei! ber Sefeteren ins 23erf fefct. 

3. £>ie Seleibigung beS ^aiferS ober beS San- 
beö^errn ober eines üftttgltebS be^ lanbeSfjerrlidjen §aufeS. 

4. 3)ie 23eletbigung eines 33unbeSfürften ober 
beS 2JUtgliebS eines bunbeSfürftlidjen £aufeS. 

5. SDic Serübung feinbüd)er $anbhmgen gegen be= 
freunbete (Staaten. 

6. 2)ie Serübung feinblid)er ©anbiungen gegen 
bie SolfSuertretung. hierunter fällt baS Unternehmen, 
ben beutfd)en SReidjStag ober ben Sanbtag eines 23unbeS* 
ftaateS au^einanber ju fprengen, ^ur ^aff 11 ng ober Unter* 
laffung Don 23efd)lüffen $u nötigen ober $Ritglieber aus 
ifjnen geroaltfam 51t entfernen ober burd) ©etr>a!t ober 23e= 
broJjung $u oerljinbern, ftd) an ben Ort ber Serfammlung 
ju begeben ober 511 ftimmen. (Sbenfo ift ber jenige ftraf= 
bar, toeldjer einen 3)eutfd)cn burd) ©emalt ober 
©rofjung baxan oerl)iubert, in Ausübung feiner 
ftaatsbürgerlidjen 9fted)te 51t wählen ober $u ftimmen, 



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29urgerrecf)t. 



ober wer in einer öffentlichen Angelegenheit oor= 
fa^tid) ein unrichtiges 2Bahtergebnif$ herbeiführt 
ober baS (Srgebnife üerfälfd)t ober eine 2Baf)lftimme 
f auf t ober oerfauft. 

7. fDer SBiberftanb gegen bie (Staatsgewalt. 
&IS foldjer gilt bie Aufforberung jum Ungeborfam gegen bie 
©efefce unb obrigfeitlidjen Verorbnungen, bie Aufforberung 
ober Anregung ber (Eolbaten $um Ungeborfam gegen ihre £>bc= 
ren, ber SBiberftanb gegen bie $ur VoUftretfung ber öefe^c 
unb Bnorbnungen ber 23ef)örben berufenen Beamten, bie 
Dlöthtgung berfelben jur Vornahme ober Unterlaffung oon 
Amtehanblungen, entließ aud) bie Befreiung oon befangenen. 

8. Sic Verbredjen unb Vergehen wiber bie 
öffentliche Orbnung. Site fold)e fommen in Vetrad)t: 

a) 25er £auSfriebenSbrud) b. i. baS wibcrred)tltd)e 
einbringen in bie Bohnung, ben ©efd)äftSraum ober baS be= 
friebete 33e|1^thum eines Zubern, ober in abgeid)lofieitc3täume, 
welche jum öffentlichen ©ienfte beftimmt fuib. 2Uid) baS unbe* 
fugte Verbleiben unter 9tid)tbead)tung ber Aufforberuug jum 
Verlaffen ber Wohnung u. f. w. gilt als £auSfriebenSbrud). 

b) 2)er SanbfriebenSbrud). SDerfelbe wirb babitrd) 
Derübt , bafe fid) e ^ ne SKenfdjeninenge öffentlich jujammens 
rottet, um mit oereinten Gräften ©ewalttbätigfeiten gegen 
$erfonen ober dachen ju begehen. 

c) 2)ie (Störung beS öffentlid)en g-nebenS burch 21 n* 
brohung eines gemeingefährlichen Verbrechens, fo 
wie bie 23 Übung ober fieitung bewaffneter Raufen 
fo wie ber Anfchlufe an biefelben. 

d) 2)ie Sheilnahme an einer geheimen Verbin* 
bung ober an einer folchen, in welcher entweber gegen nn= 
befannte £>bere ©ehorfam ober gegen befannte Cbere unbe= 
bingt ©ehorfam öerfprod)cu wirb, ober welche bie Verf)inbe= 



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88 



(Jrfier Sftett. 



rung ober ßntfräftung Don Sfla&regeln bcr Verwaltung ober 
Vollziehung üon ©efefcen burdt) ungefefcliche Wittel beredt. 

e) 5)ie öffentliche 2lnreijung oerfd)tebener 
Älaffen ber Veöölferung ©eroaltthätigfeiten 
gegen einanber. 

f) 2Me öffentliche Behauptung ober Serbrei* 
tung erbichteter ober entftellter 5Ef)atfad^en f um 
baburd) ©taatSeinrichtungen ober Slnorbnungen 
ber Dbrigfeit oerächtlicf) $u machen. 

g) 2)ie unbefugte Ausübung eines öffentlichen SlmteS. 

h) 2)ie üovfäfcliche Vernietung , Vefeitigung ober Ve* 
fdjäbigung öffentlicher Urfunben, Stften ober amtlicher (Siegel, 
fo wie bie Vefeitigung ober 3*rftörung amtlich gepfänbeter 
ober in Vefdjlag genommener Sachen. 

i) <Die Unterlaffung ber Sinnige. 2Ber toon bem 
Vorhaben eines £ochüerratf)S, ßanbeSoerrathS, Wün$ = 
Verbrechens, WorbeS, Raubes ober eines gemein» 
gefährlichen Verbrechens $u einer 3?it glaubhafte $ennt= 
nife erlangt, in welcher bie S8erl)inberung möglich roar, macht 
ftch ftraffätlig, wenn er ber Vehörbe ober ber bebrohten 
Sßerfon hieroon feine Wittf)eilung macht. 

k) £5ie Verlegung ber SBehvpflicht. ^Darunter 
fällt auch bie Verftümmelung jum $md förderlicher Un= 
fähigfeit für ben Wilitärbienft fo wie bie Slnmenbung öon 
«Kitteln, welche auf bie 2äufd)ung ber ÜJiilitdrbe^orbe über 
bie ©ienftfähigfeit berechnet fxnb. hierher gehört ferner bie 
Anwerbung eines 2)eutjcf)en $um Wilitärbienft einer auS= 
länbijchen Wacht ober bie Vermittlung berfelben, unb bie 
Verleitung eines beutfdjen ©olbaten jur 3)efertion b. i. jum 
Verlaffen beS WilitärbienfteS. 

1) Sie unter falfchen Vorfpiegelungen erfolgenbe Ver* 
leitung $ur SluSwanberung. 



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S9ürgerred)t. 



89 



9. Sie SKünaucrbre^en unb OMnaöergehen inS= 
befonbere bie Anfertigung, Aufgabe unb Verbreitung öon 
falfchem ÜRetaH= ober $apiergelb. 

10. Ser SKeineib b. h- bie Veeibigung eines falfdjen 
SeugniffeS ober ©utad)tenS, ingleid)en einer falfdjen 23jatfad)e 
als ^ßrojefepartei fo toie bie falfdje Verjicherung an (SibeSftatt. 
gahrläffigfett ift hierbei gleichfalls ftrafbar, ebenfo Verleitung. 

11. Sie ©iffentlich f a I j c3t) e Anzeige bei einer Ve= 
hörbe mm ber Vegehung einer ftrafbaren £anblung ober ber 
Verlegung einer Amtspflicht. 

12. Vergeben, »eldje fid) auf bie Religion be= 
Riehen. Von benfelben ift namentlich h erö o r $ u h e ben bie 
öffentliche ©otteSläfterung ober Vefdjimpfung einer 
d)riftlid)en Kirche ober einer^eligionSgefellfchaftbe^tt). 
ihrer (Einrichtungen unb ©ebräuche, inglei^en bie 
VerÜbung befd)impfenben Unfugs in einer Kirche 
ober an einem ju religiöfen Verfammlungen beftimmten 
Drte, bie (Störung beS ©otteSbienfteS unb bie S^ s 
ftörung unb Vefd)äbigung Don ©räbern. 

13. Sie Verbrechen unb Vergehen gegen bie 
(Sittltchfeit. 

14. Sic Verbrechen unb Vergehen im Amte. 
9ßitht allein ber Veamte, welcher feine Amtspflicht Berieft, 
wirb beftraft, fonbern auch berjenige, welcher ihn burd) An= 
bieten, Verfpredjen ober ©ernähren üon Vortheilen gu einer 
^ßflichtöerle^ung ju beftimmen fucht (Veftedjung). 

15. Sic gemeingefährlichen Verbrechen unb Ver* 
gehen. 

Unter tiefen fommen befonberS in Setrad)t: 
a) Sic Vranbftiftung. Serfclben ift bie gänzliche 
ober theilnjcifc 3erftörung einer (Sache burd) ben ©ebraud) 
öon $uloer ober anbrer ©prengftoffe gleichgefteUt. 



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90 



(Srfter 2t)eit. 



b) <Die Herbeiführung einer Ueberfdjtoeinmung, 
bie Dorfd^lidje Sefdjdbigung ober ©efäfjrbung öon 
6ifenbahn = An lagen, fonftiger SBeförberungSmittel unb 
Selegrap^en^nlagen, SBafferlettungen, Setd)cn, Hammen, 
23rücfen, €d)iff3 5 unb fonftigeu jur (Sicherheit ber ga^rt 
beftimmten Seiten, bieSSergiftung üon23runnen u.f. to. 

Sn allen tiefen Sollen ift aud) bie ga^rldffigfeit 
mit Strafe bebrobt. 

B. $anblungen, burd) roetdje bie eingeben (Staatsbürger in ihren 
®runbred)ten bejro. 8ebenSgfttern betroffen werben. 

3u II fommen nad)ftehenbe [traf bare £anblun= 
gen in 23etrad)t: 

1. Ser Singriff auf ba§ geben ober bie ©efunb = 
t>eit. darunter fällt 

a) ber ßroeifampf. Schon bie £erau£forberung gum 
ßtueifampf mit töbtlidjen Waffen fo nrie bie Annahme einer 
folgen ift ftrafbar, ebenfo bie Uebernahme ber Ausführung 
beS Auftrages einer §erau§forberung. 

b) 2) er 9Jtorb b. I). bie Dorfdfclid) mit Ueberlegung 
aufgeführte Söbtung, unb ber Sobtfdjlag b. h- bie uor= 
fd^lid) ol)ne Ueberlegung oerübte Söbtung. Auch bie fahr* 
Idfjige Söbtung ift ftrafbar. 

c) 2)te Äörperoerle^ung. Auch sterbet ift gafjr* 
lafftgfeit ftrafbar. 

2. 25er Angriff auf bie tefyxt (Seleibigung, 3Ser^ 
leumbung). 

3. 2)er (Singriff in bie perfönlidje Freiheit. 
S)er fdjrcerftc unb be^^alb aud) mit ber hdrteften Strafe 
bebrohte (Singriff ift ber Sftenfcbenraub b. h- bie buref) 
£ift, 2)rol)ung ober ©emalt herbeigeführte Freiheitsberaubung 
jum 3roed! ber Auefe^ung in eine hülfelofe 2age ober jur 



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23urgerred)t 



91 



Ueberführung in bie ©flauem. Eine befonbere, gleichfalls 
mit fyofyer Strafe bebrohte &rt ber Freiheitsberaubung \ft 
bie Entführung üon SfrauenSperfonen. Sufeerbem ift jebe 
öorfäfeliche unb miberred)tliche Etnfperrung fo wie bie burd) 
(Gewalt ober gefährliche 2)ror)ung erfolgenbe 9lötbigung ju 
einer «£>anblung, ©ulbung ober Unterlaffung ftrafbar. 

4. 2)er Eingriff in baS (5igentl)um. 3 U & en 
hierunter faUenbcn Verbrechen unb Vergehen geboren aunädjft 
ber SDtebftabl unb bie Unterfchlagung. Severe begeht 
berjenige, welcher fid) eine frembe bewegliche Sache, in bereu 
2kfi£ ober ©ewat)rfam er gelangt ift §. 33. eine gefunbene 
ober ihm anvertraute (Sache redjtswibrig aneignet. §at bie 
SBegnahme einer fremben beweglichen <Sad)e unter 2lnmen= 
bung öon ©eroalt ober unter Vebrobung mit gegenwärtiger 
©efafjr für Seib ober fieben ftattgefunben, fo liegt 9iaub 
tior, ein Serbrechen, welches mit befonberS fernerer (Strafe 
geahnbet wirb, 3** ben Verbrechen gegen baS @igentl)um 
gehört auch t>ic (Srpreffung, b. i. bie s ^öthigung au einer 
£anblung, ©ttlbung ober Unterlaffung, um fict) ober einem 
©ritten einen red)tswibrigen VermögenSüorteil ju oerfchaffen. 
(SS fommt ferner bie Hehlerei in Betracht. Sie ift eine 
befonbere Slrt ber Vegünftigung einer Straftat. 3Ber bem 
Städter ober 5Il)eilnet)mer eines Verbrechens ober Vergehens 
wiffentlich Vetftanb leiftet, um ihm bie Vortheile feiner 
£anblung ju fichem ober ihn ber 23eftrafnng ju entziehen, 
macht pd) ber ftrafbaren 23egünftigung (djulbig, unb beftef)t 
inSbefonbere bie Hehlerei barin, baj$ Semanb um feines 
Vorteils wegen Sad)en, öon benen er weife ober wiffen mufe, 
bafe fte burd) eine ftrafbare £anblnng erlangt ftnb, ücr= 
heimlicht, anfauft, in $fanb nimmt ober fonft an fid) bringt. 

SBegen SBetrugS wirb berjenige beftraft, welcher in 
bem Seftreben, fid) ober einem ©ritten einen VermögenS= 



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92 



(Srfter Sfcil. 



öortetl rerfajaffen, baS Vermögen eines Anbern baburd) 
fd)äbigt, bafe er burd) Vorfpiegelung falfd)er ober burd) gnt= 
(Mitriß ober Unterbrücfung wahrer S^atfa^en bei bemfelben 
einen Sorthum erregt ober unterhält. VeifpielSweife mad)t 
fid) berjenige eines ftrafbaren Betruges fd)ulbig, welcher 
einem Anbern einen ©egenftaub, beffen geiler ober SWängel 
er fennt, unter Verfdjweigung berfelben für einen $reis rjer* 
fauft , welcher nur für fef)lerlofe ©adjen biefer Art gegeben 
wirb. Unreblidje ^anblungen ber Vormünber, Vermögens* 
uerwalter, 23eooümäd)tigteu unb anbern $erfonen, welchen 
bie Seforgung ber Angelegenheiten Ruberer anvertraut ift, 
werben als Untreue beftraft. SBer eine Urfunbe fälfdjt 
ober wiffentlid) üon einer falfdjen ober oerfätfdjten Urfunbe 
jum $m& ber £äufd)ung ©ebraud) mac^t ober auf bie 
fal}d)e Eintragung in öffentliche Urfunben eintüirft, mad)t 
fid) baburd) gleichfalls ftraffäQig. (Sbenfo ift bie Vernta> 
tung, Vefd)äbigung ober Uuterbrücfung oon Urfunben, fo 
roie bie AuSftellung unrichtiger Seugniffe ober 23efd)einigun* 
gen ber Aer§te unter ©träfe geftellt. 2US ftrafbarer 
Eigennufc wirb inSbefonbere bie Beteiligung öon Ver* 
mögenSftücfen §um &md ber Vereitelung ber Vefriebigung 
oon ©laubigem, bie Entziehung oon @ad)en, an benen 
einem Anbern ein $fanbred)t suftefjt, bie unbered)tigte 2luS- 
Übung ber 3agb, bie Verlegung beS VriefgefjeimniffeS 
unb ber SBucher beftraft. 

2)eS 2öud)erS macht fid) fd)ulbig: 

1) wer in gewinnsüchtiger Abpaßt unb unter Venu^ung 
beS &etd)tfinn3 ober ber Unerfahrenheit eines 2Rinber= 
jährigen ftd) öon bemfelben 6d)ulbfd)eine, 2Bed)fel u. bgl. 
auSftellen unb ftd) münblich 3 a hlungSöerfpred)en erteilen 
lafct, ober ftd) Don bemfelben unter Verpfänbung ber (5h^, 
auf Ehrenwort, eiblid) ober unter äf)nlid)cn Verheerungen 



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23ürgerred)t. 



93 



ober Betreuerungen bie S^Iung einer ©elbfumme oerfprechen 
ober ftd) eine folc^e gorberung abtreten läfct, ferner 

2) »er unter Ausbeutung bcr 9iotf)lage, beS S*ei$t* 
ftnnS ober ber Unerfahrenbett eines Anbern mit 33ejug 
auf ein ©arlefyn ober auf bie ©tunbung einer ©elbforberung 
ober auf ein anbreS gegenfeitigeS ^RechtSgefchäft, ftd) ober 
einem ^Dritten SermögenSüorteile öerfpredjen ober gewähren 
läfjt, weldje in auffälligem 5CRifeöerl)dltnife jurgeiftungfteben; 

3) wer ftd) ober einem ^Dritten bie toud)erlichen 3kr= 
mögenSoorteile oerfdjleiert ober toed)felmäfeig ober unter SSer= 
pfänbung ber (Sfyre, auf ©hremoort u. f. to. üerfpre(%en läfet. 

AIS befonbereS Sergehen gegen baS (Sigenthum ift auch 
nod) ber <Sachbefcf)äbigung ju erwähnen, treibe in ber 
unbefugten unb red)tSWibrigen 23efcf)äbigung ober ßerftörung 
einer fremben <Sad)e befielt. 



C. 2>ie mit ben geringften ©trafen bebrofyten £anb= 
hingen, bie Uebe'rtretungen betreffen öortoiegenb minber 
fernere Eingriffe in bie öffentliche Sicherheit unb Störungen 
ber öffentlichen Drbnung. 3Son biefen ftnb namentlich h er= 
t)or§uheben: 

1. bie ohne befonbere grlaubnife ftattfinbenbe Aufnahme 
ober Veröffentlichung ber Sfttffe oon gelungen ober einzelnen 
$eftungSwerfen; 2. bie unerlaubte Auffammlung oon 33or* 
rätljen oon SBaffett ober 8d)tef$bebarf; 3. bie ohne Srlaubnife 
erfolgenbe AuSmanberung beurlaubter SReferuiften ober SBehr* 
männer, unb bie ohne Anzeige erfolgenbe AuSroanberung 
öon SReferüiften erfter Älaffe; 4. ber unbefugte ©ebraud) ber 
Abbilbung beS $aiferlid)en Wappens ober oon 2Bappen 
eines 23unbeSfürften; 5. bie Nichtbeachtung ber feitenS ber 
^oliseibehörbe gefchehenen Aufforberung jur ^ülfeleiftung 
bei UnglücfSfäUen ober gemeiner ©efaf)r, wenn bie $ülfe* 



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94 



Grfter Sljeil. 23ürgerrcd)t. 



leiftung ohne erhebliche eigene ©efafjr 51t ermöglichen roar; 
6. bie uugebührlidje Erregung ruheftörenben £drui£ 
unb VerÜbung groben UnfugS; 7. bie S^ierquälerei; 
8. bie Bettelei bejw. Anleitung }U berfelben; 9. ba§ un= 
befugte Verweilen in einem (Sdjanflofal ober öffentlichen 
Vcrgnügung3lofal unter Nichtbeachtung ber burch bie $oli= 
^eiftunbe begrünbeten Slufforberung be§ 2Birth3 ober eine§ 
^oli^eibeamteu; 10. bie ßumiberhanblung gegen bie Vor= 
fünften wegen ber Sonn« unb gefttagSrulje; 11. bie 
ßubereitung, baS geilhalten unb ber Verfauf öon ©ift 
ober &on 2lr$eneimitteln, für roelche ber £aubel nur ben 
2tpotl)efen freifteht; 12. ba§ übermäßig f Quelle fahren 
ober leiten in Stdbten ober Dörfern; 13. bie mutwillige 
Versilberung be3 Vorbeifahrend auf öffentlichen 
Straten, 2Begen ober $ldt$en; 14. ba§ SSerfen üon 
(Steinen, f) ar * en Körpern ober llnratl) auf 2Kenfct)en, 
$ferbe, ßug 5 unb fiafttrjiere, gegen frembe Käufer, ©ebdube 
ober (Sinfriebigungcn ober in ©arten, £ofrdume u. f. ro.; 
15. ba3 unbefugte ©ehen, fahren, leiten unb 
Viehtreiben über ©arten ober üor beenbeter (Srnte über 
■Siefen ober beftetlte 2lecfer ober über fold)e 2ktfer, SSiefen, 
Söeiben ober 6d)onungen, rceld)e mit einer (Sinfriebigung 
öerfehen ober bereu betreten burch 2Barnung3$ei<J)en unter* 
fagt ift; ober auf einem burd) berartige 3 e ^) e « gefchloffenen 
^rioatwege; 16. ba§ gehalten ober ber Verlauf üerfdlfchter 
ober üerborbener ©etrdnfe ober (Sfewaaren inSbefonbere öon 
tridjinenhaltigem gleifd); 17. ba§ unbefugte Ausnehmen 
Don (Stern oDergungen üon jagbbarem gebenuilb unb oon 
(singöögeln; 18. ba3 2ln$ünben öon g-euer in SSdlbern ober 
Laiben ober in gefährlicher Nahe oon ©ebduben ober feuer* 
fangenben dachen; 19. ba§ unberechtigte giften ober ßrebfen. 



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rgcrtugettb. 



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L ©orte§furd)t 



m ift ein föniglid)e$ Sßort: ®te fturd)t ©otte<§ ift ber 
2Bei§f)eit Änfang. <Die3 2ßort tx>tU jagen: Sic ©ottedfurc^t 
ift bie ©runbbebingung alles magren SernenS, aüe§ magren 
2Bad)fenS. 2)ic ®otteSfurd)t ift "bie gefunbe, ftarfc SBurjel, 
au3 ber ber fräftige, frudjttragenbe Saum eines aRenfdjen* 
lebend emporhalfen fann. SDie ©otte3furd)t ift ber fefte, 
unjerftörbare ©runbftein, auf bem ftd) ein glücflid)e£ £au3 
erbauen läfet. SDie ®otte$furd)t ift bie unberftegtidje, tief« 
ftrömenbe Duelle, au£ ber ein $olf ftd) 3Bof)lfaf)rt unb ©e= 
beiden fdjöpfen fann. Sftag ba<3 unfere lernenbe, ftrebenbe 
3ugenb ; bie in tieffter 23ruft bie @ef)nfud)t tragt, ettoaS $u 
werben, bie bermaleinft if)r eigenes £au3 bauen miß, Bor 
allem bie beut[d)e Sugenb, bie berufen ift tydter mitjts« 
arbeiten an unfereS 33olfe^ 2Sof)l unb ©ebenen, ijören: M S)eä 
4?errn gurd)t ift ber Bereit Anfang. £ter, an biefem 
großen, ernften Söegmeijer gilt e3 einen Slugenblicf fttHftefyen, 
efje man ben langen, befd)roerlid)en 2Beg bur<f)3 £eben roagt. 
$id)t nur ein §erfule3 fommt an ben ©djeibeweg — nein, 
jeber 9ttenfd) ftet)t ftd) t>or tiefen Söegmeifer gefteflt, auf 
beffen einem »rme ftef)t: „©otteSfurcfct! 9JMt ©ott!" unb 
auf beffen auberem Slrme ftel)t: ©ottlofigreit! Dfyne ©ott! 
Bo miHft 35 u geljen? red)t§ ober ttnfSl 

Särgetrety unb 8&rgcttugcnb. 2. Infi 7 



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98 



groeitcr Iljeil 



(5ö c^iebt Diele Jünglinge unfereä 33olfe§ bie ben falfdjen 
2Beg tt)dl)len unb in ifyrem £erjen fpred)en: „@3 ift fein 
©ott!" unb wenn man fie fragt: SBarum nid)t? SBarum 
foü§ feinen ©Ott geben? Sann fjört man bte traurige, 
tt)örid)te Antwort: „2öir glauben nur, ma3 mir fefyen." 
9htn ja, wenn fie nur fefyen unb nid)t bie Slugen mit SBillen 
ftd) juMn&en moaten! Slidt hinein in bie SBctt! ÄtteS, 
was id) fefye, ift Don 9J?enfd)enf)anb gemadjt, ntd)t$ ift aus 
ftd) entftanben — fein (£tuf)l, fein $ifd), fein 23ud), fein 
$au8, weber baS Ailetufte nod) bas ©rö&te — unb id) fet)e 
Dor mir bie (Srbe, fefje bie$ grofee SMtgebäube unb ba* 
füllte feinen 33aumeiftcr fyaben, feinen ber gefprod)en: (£S 
werbe!? Sölicft l)ineiu in bie ülatur! 3d) fetje ben 
Saffertropfen — eine SBelt im kleinen, — fefye bie 23lmne 
— ein ^nnftmerf, wie e§ feinet 9D?enfd)en §anb gelingt — 
fel)e ben Sauf ber ©efttrne, bte nad) ewigen ©efefcen ifyre 
33al)tten $tef)en, fefyc ben $?enfd)en, an bem jebeS ©lieb 
ein ©ebanfe l)öd)fter 2Bei3f)eit — unb id) frage: 2Bo ift ber, 
in bem bie gütle aller biefer 2Bei$fyeit verborgen liegt? — 
«Blicft hinein in bie üBölfermelt! f8on ben @i§felberu 
©rönlanbS bi§ hinunter ju ben Selfenriffen ^ßatagonienS — 
unter allen Golfern unb waren fie nod) fo wilb, nod) auf 
ber tiefften Stufe ber SMlbung — , nirgenbs l)at man ein 
Solf gefunben, in bem ntd)t ber ©ebanfe lebte: (53 giebt 
t)öt)ere, überirbifdje s JDZäd)te — follten fie alle bie Millionen 
2ftenfd)en irren unb ba ber ßiu^elne $£ed)t Ijaben? 23Ucfet 
hinein in euer ©ewiffen! 2Benn fülle (Stunben fommen, 
wenn wir in 8ünbe gefallen, wenn bie 9iotf) uns an'S $er$ 
greift, fagt an, flingt bod) nid)t im tiefften gnnern eine 
(Stimme ber Söaljrljeit, maljuenb, tröftenb, ridjtenb: (5^ giebt 
einen ©Ott, bu magft ifju oergeffen, üerläugnen, aber @r 
lebt bod)! — 23licfet fjinetn in euer geben! 2Ber Ijat 



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öürgertugenb 



eud) getragen öon Sugenb auf? 2öer ^at eud) Äraft für 
bie Sirbett, grieben fört £er$, Sroft im Reiben, Hoffnung 
fürt sterben gegeben? O^tie roen ift all euer ßeben leer, 
nidjtig? ÜRit toem ift es rjerrlid), ift e£ reicf)? ©tef)t er 
ntd)t nor bir unb fprid)t: 3d) bin bergen bein ©ott. Unb 
barum: bie Sporen fpredjen in ihrem £erjen, bie Sljoren, 
bie fein offenes Sluge unb fein offenes £er§ ^aben, fie 
fpredt)en : @S ift fein ©ott! mir aber galten feft am ©lau= 
ben unferer $inbf)eit, unferer SSäter, nnferer ,flird)e f am 
Glauben ber (Srctgfeit: @S giebt einen ©ott unb gießen 
barauS ben unerbittlid)en 6d)lufe: 2Bir foflen ©ott über 
alle Dinge fürchten, fef)en barin bie ©runbforberung ber 
©otteSfurdjt. 

Diefe ©otteSfurd^t ift barum junäc^ft bie Ijeilige (Scheu 
t)or ©ott, baS ftetc ^Berou&tfein: @S giebt einen aUmiffenben 
©Ott, einen ©ott, oor beffen glammenauge nichts »erborgen; 
er fdjaut burd) bie SBänbc meinet £aufeS, in bie bunfelften, 
Derborgenften SBege meines SebenS, burch'S Sßrufttud) hinein 
in bie tiefften galten meines ^er^enS. ©otteSfurcht ift baS 
ftete SBeroufetfein: @S giebt einen allmächtigen ©ott, einen 
©ott, beffen ftarfem Sinn 9liemanb entrinnen fann, ber uns 
ergreift ob wir aud) Flügel ber *D?orgenrötf)e nähmen unb 
blieben am äufterften ÜJ?eer. Da fürchten fid) bie 2Kenfd)en 
Bor ben Slugen ber 5flenfchen, oor ben ©erid)ten beS SanbeS, 
roieoiel mel)r fönten mir uns fürchten öor ben aüfefjenben 
Slugen ©otteS, ben unausbleiblichen ©erid)ten ©otteS. Slber 
mahre ©otteSfurdjt ift nid)t ©otteSangft, bie fid) oor ihm 
flüchtet, fonbern ©ottöertrauen, baS fid) ju ihm flüchtet, ift 
baS befte 33eroufetfein: @6 giebt einen ©ott, beffen £er$ Reifet: 
Siebe. „®ott ift bie Siebe." (5r liebt bie Sßelt ntdt)t nur 
im großen unb ganzen, nein, er liebt jeben (Einzelnen, aud) 
mich, au <*) &id>, a ^ wäre ich bie gan^e SBelt. (5r hat ein 

7* 



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100 



3meiter Sfjeü. 



gan^ fpecielteö Sntereffe an mir, er ift mein Sater unb id) 
fein Äinb. 

£)tefe ©otte§furd)t, bie§ ftete 93etouf$tfein fotooljl ber 
2lbt)dngigfeit öon ©ott, toie ber 3ugef)örigfeit p ©ott, ©ott 
mit uns nnb wir mit ©ott — fte ift ba<3 fefte gunbament 
jebe§ (Sin^eltebenS, jet)e§ £aufe3, jebeö 3Solfe§. 

3>ebe3 (Sütjellebeng: Sei mein biefe ©otte§furd)t 
nic^t nur eine 6ad)e flüchtiger Sßemegungen, einzelner 6tun= 
ben, befonberer ß^ten ift, fonbern bei mem fte SDttttelpunft 
alles 3)enfen§ unb SfyunS gemorben, ber f)at eine £eben$fraft 
befommen, bie i^n ftarf mad)t big in'S SXlter. 2)iefe ©otteS* 
furd)t fennt feine 2J? enfd)enfnrd)t, fte tljut it)re $füd)t nad) 
bem ©enriffemSgefefc : „£f)ue red)t, fd)eue 9üemanb!" ©iefe 
©otte3furd)t mad)t ben 2flenfd)en frö^lid^, benn nun roeife er 
bie 6rbe nid)t nur unter ftd) fonbern aud) ben Gimmel über 
ftd). 2)ieje ©ottesfurd)t mad)t ben 9J?enfd)en treu in feinem 
SBeruf, benn nun raeife er, baß e§ etnft fyeifcen ttrirb: „Jljue 
^ec|nung oon beinern £au3f)att!" Diefe ©otteSfurdjt mad)t 
ben SDlenfdjen tapfer für jebe ©efafyr, benn nun roetfe er, er 
t)at einen großen 23unbe3genoffen im Gimmel unb fann ge= 
troft wie jener alte [Rttter»mann fid) jum Symbol einen 
übler wählen, ber über ben SBolfen fdjroebt unb barunter 
fd)reiben: Nunc pluat! „9htn mag e§ regnen!" 2)iefe ©otte3= 
furdjt mad)t ben TOenfd)en getroft unb unüerjagt in jeber 
9}otf), fefs beö 2eibe3 ober ber Seele, bafe er e§ mad)e tme 
jener SWatrofenfnabe, ber mitten im Sturm unter berftenben 
SMaften unb ^erfe^ten Segeln fröfjlid) fein Siebten pfiff, meil 
er lougte : „Wein Sater jtfct am ©teuer, barum fürchte id) 
mid) nid)t." 2)iefe (Gottesfurcht mad)t ben ÜÄenfcJjen ftarf, 
gegen alle $erfud)ung, bafe er fprecfyen lernt: 2Bie follte id) 
ein fold) grofc Uebel tfyun unb toiber ©ott fünbigen?! unb 
mit bem fieb$ef)njäl)rigen ©ro&en Äurfftrften ftd) abmenben 



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23ürgertugenb 



101 



Don beu aSerfüljrern, weil er tueife, Wae er ftd) felbft, feinem 
SSaterlanbe unb feinem ©ott fcfyulbig ift. SMefe ©otte§furd)t 
mad)t be§ SRenfdjcn ^erj weid) unb weit jur Siebe gegen 
ben 9läd)ften, tiertreibt bie Srage: Soll id) meines SrubcrS 
©fiter fein? unb lefyrt if)n, in febem 2tfenfd)en einen trüber 
fefjen, bem er mit ötat unb £f)at beifteljen mufc. Summa: 
£)tefe ©otteöfurd)t mad)t geben ju einem SKanne, auf ben 
ftd) ©ott unb OHenfdjen oerlaffen fönnen. 

Slber tiefe ©otteefurdjt ift aud) ba§ fefte Sunbament 
jebeS £aufeS. Sie lel)rt bie Sirmut anbauen nid)t als 
ein brücfenbeS 3od), fonbern als eine fyeilfame Sdjule, bafe 
man bann nid)t bie Sauft ballt Doli $afc, fonbern bie £änbe 
faltet jum ©ebet; unb fte Iel)rt ben 3fteid)tum anfdjauen 
nid)t als ein $orred)t ftol$ unb f)od)inütig $u fein, fonbern 
al§ eine ©abe ©otteS, mit ber man Segen ftiften muf$. 
SMefe ©otteSfurd)t foll baS Sanb awifdjen 2Kann unb SBeib 
^eiligen unb feftigen unb fte ftetS baran erinnern, bafc fte 
baS Jawort gefprod)en üor bem 2lngeftd)te ©otteS. (Sie foll 
baS 2krl)ältniS $wifd)en Altern unb ^inbern ^eiligen, fte foll 
alle £auSgenoffen jufammenfdjlie^en einer £auSgemeinbe, 
foll baS §auS weisen $u einer (Stätte ber greube unb beS 
SriebenS. 

Unb enblid): SMefe ©otteSfurdjt ift aud) baS fefte gun- 
bament jebeS Golfes. Sie ift, wie mir fpäter fefjen werben, 
was ben Surften mit feinem $olfe unb baS SSolf mit feinem 
g-ürften gufammenbinbet. Sie ift es, bie bie £er$en weife 
iuad)t, bie red)ten ©efefje gu geben unb bie ^er^en willig, 
ben ©efefcen 311 gefyord)en. Sie ift eS, bie unfere £ecre einft 
entflammt l)at, ootl SobeSmut beu kugeln unb Bajonetten 
entgegenzugehen unb bie tljnen bie $raft üerliefyen fjat 
ftegen, fo bafe es über mandjeS Sd)lad)tfelb geflungen: „9hm 
banfet alle ©ott!" 



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102 



3»)citer Ifjeil. 



So fotl e§ bcnn für alle Seiten babei bleiben, was unfer 
Slltreic^öfan^ler, Surft 39iSmarcf, gefprodjen: „2Bir JDeutfdjen 
fürchten ©ott unb fonft ntd)t* in ber SSelt." 2Benn aud) 
bie 3af)l berer immer fleiner geworben , bie ben tarnen: 
w 3ürd)tegott" tragen, bie $a§\ berer foU bod) ftetig wadjfen, 
bie feine ÜRafjnung berjer^igen unb erfüllen: g-ürd)te ©ott! 
unb wir roollen aud) $u iljnen gehören. 



2. ÄoitigStrcue. 

,,5ürd)tet ©ott — erjret ben .ftönig" biefe beiben gor* 
berungen finb eng mit einanbcr üerbunben; eine ruf)t auf 
ber Zubern. „£)ie golbene «Kette um ben §al$ ber ©Item 
wie ber S'ürften unb £erm ift ©otteS ©ebot" ift ein 
altes Söort. (Ein JEtnb foU ja feine Altern nidjt blo3 efjren, 
weil bie ©Item e3 nähren unb fleiben unb etwas lernen 
laffen — fonbern weit hinter ben ©Item eine (jeilige ©otteS* 
orbnung ftel)t, bie fein $inb freuentlid) angreifen barf. 60 
ift aud) atleä Regiment auf ©rben, ade Dbrigfeit uid^t etroa§ 
SBiüfürlicrjeS, blo§ uon ^enfdjen ©rfonneneS unb ©rbad)te3, 
fonbern eine göttlid)e Drbnung. ©ine Staatöüerfaffung mag 
ja wol)l ein SBerf ber 9Renfd)en genannt werben, unb ein 
Solf bilbet fid) bie feine felbft, aber bafe ©efefc unb JRedit, 
Seferjl unb ©ef)orfam in ber 95>elt fein folleu, ba3 flammt 
Don einem t)öf)ern als menfälidjen SBiUen ab. 

3e unb je l)at aber unfer bcutfd)e3 33olf ftd) *ufammen= 
gefaxt in feinen Süfjrern unb «per^Ögen unb fpateren $ai= 
fern, bie e£ entweber frei gewählt fjat ober in bie ©rbfolge 
eintreten liefe, unb feine ©tjre beftanb barin, tiefen Stierem 
bie Sreue ju galten unb in ttjuen bie ©otteSorbnung Der* 
förpert }U feljen. 2Ba$ jeber $ater ift, ba3 ift aud) ber 



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Sürgertugenb. 



103 



8anbe3üater — nemtid) „Don ®otte3 ©naben". £)a3 ift 
nid)t etwa ein greibrief für SBillfür unb Jnrannei, fon= 
bern bie3 fo oft mifjDerftanbene Bort fdjliefct Dielmeljr eine 
fd)toere Verantwortung in fid): e§ fteUt jeben Vater unb 
jeben gfirften unter ein Diel f)öf)ere§ Urteil al§ ba3 Don 
üftenfdjen. 

2Iu3 ber beutfdjen Vorzeit ragen nun roie 2llpenf)äupter 
bie güfjrer unferS Volfe3 tüte ein ^arl ber ©rofje, ein 
£einrid) ber Vogler, Dtto ber ©rofce, ein Söarbaroffa unb 
anbere fjerbor. Unfere preuf$ifd)e ©ejd)id)te ift aber unauf* 
iöSltd) mit ber feinet £ofycnäoUerngefd)led)te3 üerbunben. 
Surft unb Volf finb mit einanber getragen, fyaben mit 
einanber $olje unb Siefe, <sd)tnad) unb (Sfyre geseilt. 2ßer 
fönnte if)re tarnen Dergeffen; bleibenber al3 bie 2)enf maier 
in €tein unb (Sr^, ift bod) bie ©röfce be3 VaterlanbS felbft, 
ba§ f)errlid)fte 2)enftnal, ba£ fie fid) gefegt. 3)af)er flammt 
aber aud) bie feftgerour^elte breite gegen ba§ ÄönißSljaiiS. 
2)em Volfe &u bienen unb bie „erften Liener be§ Staaten" 
fein, fyaben bie Apo^en^oüern allmcge als 2Baf)lfprud) in 
SBort unb Sfyat beriefen, unb bie Antwort auf foldjen 3)ienft 
trar bie Sreue unb ber ©eljorfam ifyreS VolfeS. (§in Volf 
ba$ feinen Äonig eljrt, eljrt fid) felbft, ebenfo roie 
ein $inb fid) felbft fdjänbet, trenn es feine ©Item 
l) er abfefct. £>arum wirb ba3 erfle 3^id)^n ber ÄönigStreue bie 
Gfjrfurd)t gegen bie ^erfon be§ ÄönigS fein. Siebe läfet ftd) 
nid)t gebieten, fte ift ein freies ©efd)enf, rcofyl aber läfjt fid) 
bie @f)rerbietung unb (§l)rfurd)t gebieten. Äein föuig3treuer 
s D?ann roirb barum, roie fo üielfad) heutigen Sages gefd)ie!)t, 
bie $erfon be3 dürften beleibigen, feine .panMungen einer 
unefyrbietigen Äriti! untertüerfen. 3?ber wirb eingeben! 
fein, bafc Regieren toeit fd)tDerer ift als tRegiertinerbeit, unb 
©el)ord)en leichter als Vefefjleu. tfeiu fönigStreuer 2Kann 



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104 



^weiter Zijeil 



trirb ftd) auf ber ©eite ber 2lufrüf)rerijd)en finben laffen. 
9J?ag e§ rjorfommen, bafc aud) einmal ein unroürbiger Surft 
auf bem Jfjron ftfct, ber £ärte unb Ungeredjtigfeit an 
feinem SBolfe begebt; bamit ift aber nod) nid)t ba§ 3fted)t 
gegeben, bie £anb miber i^n ^u ergeben unb ftd) an feine 
©teile gu fej$en. W\v fefyen an anbcrn Sölfern mofyiu 
fte bei folgern aufrüfjrertfdjen «Sinn gefommen ftnb. 2öer 
burd) 8ufruf}r auf ben £l)ron fommt, oerliert i^n aud) 
toieber burd) biefelbeu 9J?äd)te. 5J?an benfe nur an granf= 
reid); ba3 (snbe ber toermeintüdjen fjfreifyeit, bie im Sau= 
mel ben $önig töbtete, l)at jule^t ben Zuraunen empor= 
gebrad)t f ber mit efjerner ©tirne unb eiferner Sauft fein 
$olf bef)errfd)te — unb feitbem ift ba§ £anb ttid)t mefyr 
ju 9tul)e unb Stieben gefommen. 2)a8 2Bort bleibt »aljr: 

&etn (2d)rucrbt niemalen fdjarfer fd)iert (fdjueibet) 
^Tenn ruenn ein ©au't ein Sunfer wirb. 

Darum galten mir $u uuferem angeftammten £errjd)er= 
Ijaufe, burd) meldjes unfer SBolf grofc geworben unb $u 
(Sfjren gefommen ift. 

3ur Sreue gel)ört aber aud): ben Äönig 51t beraten; 
mcr baju berufen wirb, ber foll e§ tljun mit üoüftem 
(Srnfte unb treufter ®erotffenl)aftigfeit, ofjne Slnfe^n ber 
$erfon, unb ofjne auf feinen eigenen $ortf)eil ju flauen. 
(Sin Surft Ijat barum einft auf bte Srcige: „2Seld)e3 üjm 
bie liebften Untertanen feien", bie Slntroort gegeben: „bte 
©Ott mel)r fürchten al$ mid)". 

3n ber s flotf) f in Seiten ber ©türme, mufe ftd) bte 
Srcue gegen ben Äönig bewähren, ba roirb bie Sreue be£ 
33olfe<S bann auf rechter SBaage gemogen. kleben ben 33ei= 
fpielen ber Untreue, ber Un^urjerldfftgfeit, Ijaben toir auf ber 
anbern 6eite eine Sflenge öon leud)tenbett Silbern ber £reue 
ju Derjeidjnen. 3Ber rebet xttc^t üon jenem Surften, ber e§ 



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öürgertugenb. 



105 



als (Sbelftein feines SanbeS pries, jebem Untertanen füljn* 
lid) baS $aupt in ben 6d)ooS legen §u tonnen? ttrir er= 
innern nod) an ein anbreS an ein f)errli(f)eS 33eifpiel ber 
Sreue eines SolfeS gegen feinen Surften. 

2)ie 6tabt greiberg in (2ad)fen füfjrt ben (Sl)rennamen: 
SDie ©erreue. 2llS ^urfürft griebrid) ber Sanftmütige mit 
feinem Detter SBBil^elm oon SBeimar in gel)be lag, bemäd)= 
tigte fid) griebrid) ber 6tabt g-reiberg, bie bem £er$og 
2Bilrjclm gehörte unb verlangte, ba§ bie Stabt fofort Sruppen 
fteüen follte jum Kampfe gegen ifjren angeftammten §er^og. 
2)er9fatf) ber (stabt Derfammelte ftdf) f unb befd)lofe einmütrjig, 
tbrem «£>er$og treu $u bleiben. 3>n f e i er l^er Crbnung $ogen 
bie 9tatrjSf)erren, iljre @terbefleiber tragenb, üom 3ßatf)f)auS 
auf ben Sftarft, roo ber ^urfürft griebrid) mit feineu Gruppen 
l)ielt. ^icolauS SEßefler Don OTolSborf, ber 23ürgermeifter, 
ein ©reis mit grauem Raupte, trat Dor unb fprad): „2)ie 
23ürgerfd)aft ^reiberg^ ift alle Stunben bereit ifyr ßeben im 
SDtenfte @uer furfürftl. 2)urd)laucfjt aufzuopfern, aber un= 
möglid) fann fte fxd) entfcrjliefjen, bem (Sibe ber Sreue juroiber, 
ben fte «per^og SBil^elm gefctjrcoren, bie SBaffen gegen tf)ii 
gii ergreifen. 2)od) fte Dertraut ber ©rofemutl) beS fanft= 
müßigen griebrid), er roerbe Don biefer Ijarten gorberung 
abfielen. (Sollte aber furf. ®naben auf biefem 23egef)ren 
bebarren, fo werben fte als red)t)d)affene Untertanen eljer 
if)r Seben laffen, als nur einen 2lugenblicf gegeu bie ^SfUc^t 
l)anbeln, roeldje fte irjrem SanbeSberrn ju leiften fd)ulbig 
futb. 3d) für meine $erfon, uriU gern ber (Srfte fein, ber 
f)ter nieberfniet unb feinen alten grauen $opf abfragen 
läjjt." 2)a ritt ber ^'urfürft t)tn^u unb fagte: „nimmermehr! 
Dlicrjt ßopf ab, Silier! (Soldje ef)rlid)e Seute, bie (Sib unb 
$pid)t fo erfüllen, bebürfen mir nod) länger." Unb bamit 
ftanb er Don feiner gorberung ab. 



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106 



^weiter Kjetl 



2>aS ift 2reue gegen ben Surften, Sreue gegen ben 
gejd)worenen gib, Ireue in ber 9lotf) — Sreue bis in 
ben Job. 

3. »aterleuibsliefic. 

Unfer Bieter, #emri<J) uon Älctft, fteUt in feinem 
$ated)iSmuS ber 2>eutfdjen folgenbeS (Sramen an. 

„S-rage: 2)u liebft bein Sßaterlanb, nid)t mafjr, mein 
Sotjn? 

Antwort: Sa, mein SSater, baS fyvC id). 

grage: SBarum liebft bu es? 

Antwort: Sßeil es mein SSaterlanb ift. 

Srage: S)u meinft, weil es ©Ott gefegnet fyat mit Dielen 
5rüd)ten, weil öiele fdjöne 2Berfe ber Äunfk eS fdjmücfen, 
weil gelben, Staatsmänner nnb Seife, beren Samen auf* 
jufüt)ren fein 6nbe ift, cS üerljerrlicfjt fyaben? 

Antwort: SRein, mein $ater, bu oerfü^rft mid). 

grage: 3 : d) üerfüljre biet)? 

Antwort: ffienn diom unb baS egnptifdje S)elta pnb, 
nrie bu mid) gelehrt fyaft, mit fjrüdjten unb fd)önen SBerfeu 
ber Äunft unb allem, was groft unb fjerrlid) fein mag, weit 
meljr gefegnet als 2)eut}d)lanb. ©leidjwofyl, wenn beineS 
SofyneS S^idffal wollte, ba& er barin leben follte, würbe 
er ftd) traurig füllen unb es nimmermehr jo lieb (jaben 
wie jej$t 3)eutfd)lanb. 

ftrage: SBarum alfo liebft bu SDeutfdtjlanb? 

Antwort: SDlein 2kter id) habe es bir fd)on gefagt. 

Srage: 2)u ^dtteft es mir fdjou gefagt? 

Antwort: SBeil eS mein Sßaterlanb ifi." 

©in merfwürbigeS S^tegefpräd) — nid)t warjr — unb 
bod), man fann bie grage, warum liebft bu bein SSaterlanb 



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Söürgertiigenb. 



107 



nid)t beffer, uidjt tiefer beantworten, als mit bem fo fd)liä)ten 
ja fdjeinbar fo nid)t3fagenben @ajje: „2Beil e§ mein Sater* 
Ianb ift." ©§ ift eben mit ber 2?aterlanb<Sliebe genau fo 
wie mit ber Siebe }u unfern ©Item, ftrage ein $tnb, 
warum liebft bu beine (Sltern? e£ wirb bir nid)t antworten: 
28eil fte mir Diel ©ute§ getfyan — aud) nid)t: weil e§ meine 
$flid)t ift if)re Siebe $u vergelten ober bergleid)en — nein, 
e<3 wirb bir antworten: Beil es meine ©Item ftnb. £>a 
giebt e§ fein Ueberlegeu, fein SicrßWingen, fte ift f)inein* 
geboren in§ $eq. gbenfo Reifet e3: ,,3d) liebe mein Sater« 
lanb, weil e£ mein SSaterlanb ift." 

$ber was lieben wir an unb in unferm Saterlanbe? 
3unäd)ft bodt) ba3 Sanb, ben 23oben, bem wir angehören. 
£ier fjat unfer t)äterlid)e§ £au§ fdjon fo lange — wer wüßte, 
roie lange? — geftanben, l)ier rjaben wir bie um>ergej$lict)en 
3af)re unferer tfinbljeit üerlcbt, au§ if)tn ^aben wir bie 
weiteren 3af)re rjinburd) all unfere leibliche unb geiftige 
2ebenSnal)rmtg gefogen; fo finb wir Ijineinwurgelt unb 
rühmen: 

Tem 8oitb| wo meine 5Biege ftanb, 
3ft bod) fein anbreä gleid), 
(Sö ift mein liebes Saterlanb 
Unb fjeifjt bao beutfdje :Keid). 

2öer l)ätte nod) nid)ts üon bem erfahren, wa3 SdjiUer 
feinen tyeimferjrenben gelben ausrufen läfet: „Sei mir ge= 
Qrüfet, SSaterlanböerbe, äJaterlanbsfjtmmel! $aterlanb§=Sonne! 
unb gluren unb £ügel unb SBälber unb Ströme! feib alle, 
alle mir fyer$lid)ft gegrüßt!" — 

(§3 braucht fein parabieftfcfjeS ©efilbe ju fein unfere 
rjeimatlicrje ßrbe, in unfern Bugen ift fte bod) bie fünfte! 
2>er föfimo fjängt an feinen 6d)neefelbern unb er ftirbt 
an £eimmef), wenn man iljn in fonnige Sanbe entführt, 



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108 



Bmeiter Sfjeil. 



mie bie (Sisblumen öergefyen, menn bie (Sonne barauf fdjeint. 
2)er Sdjmeiaer l)ängt an feinen 23ergen unb ifym mirb tod) 
um* $erg, menn er ba§ Styljorn in ber gerne f)ört. S)er 
£)eutf$e liebt feine £ügel, feine 2Bälber, feine SSMefengrimbe, 
feine raufdjenben 33äd)e — nur f)ier ift ifjm mafyrfjaft moljl. 

Slber bie gefunbe, ed^te SSaterlanbSliebe umfd)liefjt nid)t 
nur ben fyeimifdjen 23oben, f\e utnfd)liefct ferner ba3 Ijeimifdje 
Solf. 2)te SSaterlanbsliebe ift bie erweiterte gamilienliebe. 
2Bic uns unfer £erä unmitlfürlid) ju Sebem $iel)t mit bem 
mir blutSücrmanbt ftnb, fo füllen mir mit jebem unferer 
SSolfögenoffen eine 23lut§rjermanbtfd)aft fyerauS, bie un3 an 
Upi binbet. (5d)on bie gemeinfame s -8olf$pf)9fiognomte §tel)t 
uns an — aber uod) melp bie gemeinfamen (Sitten, am 
meiften bie getneinfame (Sprache. 3Bie 3Kand)er f)at3 er= 
lebt, als er im SluSlanb gemeilt, umgeben Don bem falten 
$laug frember Spraken — unb plöfclid) fd)lug ein beutfc^e§ 
Sieb, ein beutfdjeS 2öort an fein Dfyr unb il)m ging£ 
burd)§ $erj: 

SQhitterfpradje, üRuttetlaut 
SGßie fo nmuberfam, fo traut! 
(Srftee Sßort, ba$ mir erhallet, 
<£üfjes erfteS i'iebeSraort, 
ßrfter £on, ben id) flelaüct 
Ältugeft ewig iu mir fort. 

Slber e§ liegt nod) ein drittes in ber SSaterlanbeliebe: 
bie Siebe $u unferm Staat, ju bem ganjen ftaatlicfyen Seben 
unb ftaatlidjen Drbnungen unfereS $olfe§; erft hierin üer= 
tieft unb üoflenbet pdf) bie mal) re SSaterlanbSliebe. 3* älter 
mir merbeu unb je mefjr mir felbft mitfjinein gebogen merben 
in unfer »aterlänbifd)e§ (Staateleben, je me^r mir, felbft 
mittfyäüg, madjfen in ber (SrfenntntS, bafc ba§ eigentümliche 
SBefen unfereS 2Solfe§ in feiner ftaatlidjen SSerfaffung §ur 



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dfirgertugenb. 



109 



Dollen Entfaltung unb 2)arftellung fommt, umfo meljr roirb 
bie Siebe unferem $aterlanbe fid) befeftigen unb Der* 
Hären. 



4, (Berne infinit unb <©orge für bas 
(8enteint90f)t 

$on treuen Snterlanbsfreunben ift un$ fdrjon manchmal 

ba§ 23ilb eines roafjren beutfcfjen 9ftanne3 ge^eidjnet unb 

üor bie «Seele geführt roorben. Sin (Srnft Woxify 2lrnbt, 

ber TOann mit bem warmen ^er^en in eiferner, fernerer 

3eit ; fingt öon bem beutferjen tarnte: 

28er ift ein ÜRann? roer beten fann, 

Unb (&ott bem .f)errn oertraut. 

$3er ift ein Wann? toer glauben famt, 

3nbrünftig, toafjr unb frei; 

2öer ift ein Wann? toer lieben fann, 

$on $er&en fromm unb roarm; 

SieiS ift ber Wann, ber fter ben fann, 

Sur Sßeib unb liebet ftinb; 

%iix greifjeit, <Pfltcf)t unb föed)t, 

ftür ©Ott unb SSaterlanb; 

(Sr liifjt nicfjt ab, bi3 an ba£ ©rab, 

Wit .öerj unb ÜJiunb unb £anb! 

SDaö jtnb bie ÜJlänner, bie roie Reifen fteljen in bran= 
benber ft-littl), an benen ade ©uten jtd) aufrichten unb bie 
(5d)led)ten jerfc^ellen. Unb roieber ein anberer 5Rann unb 
2>id)ter unfereS SBolfe^, fingt »on bem 9ftann, ber ein $erj 
für fein »oll f)at, alfo: 

2(n feiner Leiter Saaten 

9Jltt V'iebe fid) erbaun, 

^ortpflau^eu tt)re Saaten, 

Xem alten ©runb oertrauen, 



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110 



Breiter IljetI 



3n folgern 2lngebenfen 
25e3 2?olfe3 £eil ernenn, 
Um feine fSdjmad) fid) hänfen, 
£td) fetner (St)re freun, 
2)aö eigne 3d) üeraeffett, 
Sei aller l'uft unb Sdjmera, 
2>a3 Reifet man, lüofylermeffen, 
ftür unfer 2>olf ein .frerj! 

£)arin ift aüe3 gefaßt, wa§ ein magrer Patriot fabelt 
unb bewahren mufe. (Sr mufe an „feiner Väter Saaten mit 
Siebe fid) erbaun" b. h- er mufe für bie Vergangenheit 
feine« Solfeö, feine« ©efchledjtS unb feiner gamitie ein 
ptetätnoUe^ £er$ t)aben. 2Bir werben ja bod) hineingeboren 
in unfer Volf unb feine ©efd)id)te, unb ehe mir unfer Seben 
Ratten, gab es eine 2eben§gefd)id)te unfereä VolfeS unb un= 
ferer Vorfahren. Unb biefe ©efd)id)te feiner Vorfahren in 
$auS unb Volf mu& er fennen unb lieben. 

(Sin $inb, ein 2ftenfd), ber nicht gerne oon feinen Vor= 
fahren erzählen hört, ift fein red)te£ $inb, fein rechter @ohn 
feines SSolfe«. 3)ie Vergangenheit unfereS ©efchlechtö ift 
ein Äleib, in ba3 tt)ir hineinwachfen muffen, bi§ e£ un3 
rid)tig ft&t. 2)a öernimmt benn ein $inb öon bem ma3 
feine Vorfahren erlebt in greub unb ßeib, in listen unb 
bunflen Briten; womit fie ftch aufregt erhielten unb 
getröftet, was fte erlitten unb erftritten fyahen. ©a§ er= 
hebt bog junge §er$ unb entflammt e« §u gleicher Sreue, 
ju gleid)em Dpfermuth- 2öem ginge ba§ §erj nicht auf, 
wenn er Dom großen Äurfürften, ober bem alten %x\% hört; 
wem glühte nic^t bie SBange bei bem Sefen ber @efchid)te 
be<3 Anfanges unfereS Saljrtyunbert«, wenn er hört oon ber 
Uuterbrücfung unferer Vater unb t»om Suffteljen be§ Volfe* 
in ben greiheitsfrtegen! Slber unfere ©efd)id)te geht ja noch 
weiter $urücf bt$ in bie Urzeit ber alten Seutfdjen. 3)a 



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öürgertugenb. 



111 



leuchten un§ beim, rote in bem Slljncnfaal eines @d)loffe§, 
eine 9D?enge efyrroürbigcr 93ilber unb ©eftalten entgegen. 
2Bir fefyen unfereS VolfeS Eigenart, feine «Sitte unb fein 
3Red)t, roir flauen hinein ins beutfdje £au§ mit (einer (Sfyre 
unb 2>\i<bt, mit feinen finnigen ©ebräudjen. 2lber roir benfen 
nid)t blo§ baran, als an eine öerlorene unb üergeffene $tit, 
fonbern roir fud)en, baS, roaS unfere Sinnen einft befeffen, 
roieberum $u erroerben, b. f). ifyre Sugenben roieber neu roer= 
ben gu laffen. 9hir roer fo an feiner Später Sljaten fid) er* 
baut, lernt bie roaljre Vaterlanbsliebe, ob fie nun einem 
fleineu ober großen ßanbe gilt. 

@S ift bas fteinfte Saterlanb 
©er größten ^iebc nidjt 311 Hein; 
3e enger e$ bid) ringö nmfcfjliejjt, 
3e näljer roirb'ö bem .perlen fein! 

2)arum lerne baS junge ©efd)led)t bie ©efd)id)te feines 
SBolfeS Dor Willem; es lerne ben 23oben fennen, auf roeld)em 
es felbft erroad)fen ift. Senn ofync bie Vergangenheit gu 
fennen unb ju oerftefjen, fann man nic^t bie ©egenroart 
begreifen, nod) aud) für bie ßufunft arbeiten. 2)arum 
joUen oor Slllem bie Väter iljre $inber in bie @efd)id)te 
iljrer gamüie einführen, oon itjren Vorfahren ersten fo oiet 
fie baoon roiffen, unb bann oom eignen ©efd)led)t aufzeigen 
gur ©efd)id)te beS SaubeS unb VolfeS. 9lid)tS bilbet fo feljr 
als baS 3Rcifen an bie ©tätten beutfdjer ©eftttung unb Vil= 
bung, ba empfängt ber ^nabe fdjon ben mächtigen (Sinbrucf, 
cS für eine ßfjre ju eradjten, ©lieb feines VolfeS §u fein. 
3)aS roirb tyn fpäter beroaljren t?or ber VaterlanbSlofigfeit, 
Dor ber Verachtung feiner Vorfahren unb er roirb erfahren, 
bafc eS Dor if)tn fd)on tugenbfyaftere, roeifere unb eblcre 
9ttenfd)en gegeben f>at, bie fid) fjeroorljeben roie Vergfyäupter 
<mS ber ebene unb er roirb lernen befd)eiben unb bemütfytg 



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112 



Breiter Zipil 



äu werben, unb baS ©rbe bev 3?dter in einem treuen «freien 
bewahren. 

Slber er roirb aud) für bte ©egenroart unb ßiifunft feinet 
SSolfeS forgen. 3>ebeS $olf ift ein Seib mit £>aitpt unb 
©liebern, aber oftmal mirb ein unb baS anbere ©lieb franf 
unb }d)wad). Stiele SSölfer finb ^fngcjte^t unb in'S ©rab 
gefunfen, bte einft blüljenb unter ben SSölfern eine Ijolje 
Stellung einnahmen. &ber Ueppigfett unb 2Bof)lleben Ijaben 
ba§ SBolf entnerot, Habgier unb (5f)vfud)t fjaben ben Sinn 
für alles ^öeffere erfticft, ber Streit im eigenen £aufe fjat 
bem äußeren geinb bie roillfominene (Gelegenheit gegeben, 
über baS 33olf herzufallen unb ir)m feine greirjeit ju nehmen. 
So fanf ©riedjenlanb, fo fanl baS römifd)e 3£etd). $ein 
:Keid) Ijat einen 23ürgfd)aftSfd)ein bafür, bafe es nid)t unter* 
ge^e burct) feine eigene Sd)ulb. (SS fann burd) einen fremben 
Sränger bejiegt roerben, aber entehrt roirb es nur burd) fxd) 
felbft; roie ein Ottenfd) ja aud) franf unb arm roerben fann, 
aber belegen nod) fein 33erbred)er fein mu§. 

2)arum ift eS bie Sßfüdjt jebeS SaterlanbSfreunbeS, 
fein $uge offen ju galten unb $u fet)en, mag feinem 3Solfe 
fd)abet unb roaS eS ju ©runbe richten fann. 2öir rjaben 
fd)on 3^ten in unferm Solfe gehabt, too es fd)ien, als fei 
e£ aus mit if)m, £. 33. in ben Seiten beS breifsigjäbrigen 
JtricflCÖ, ober aud) $u Anfang biefeS ^WunbertS. $)ie 
tieffte Urfad)e mar aber immer ber innere 3ev\a\l ber S^t, 
ber (Styre; bie Uneiutgfett unb U nen t f d)l off en t) ei t. 

3eber mufj barum an feinem Sr^üe Ijelfen unb bem 
Uebel fteitern unb $uerft an feinem £>aufe anfangen. 2Ber 
fein eigenes £auS nid)t regieren fann, feine £auSgenoffen 
nid)t oerforgt unb in 3 uc *)t unb (Sfjren f)ält, roirb aud) für 
baS grofce .paus feines Golfes nid)tS leiften. 9ftan f)at 
barum rooljl mit 9iedjt gejagt: aus ber Äinberftnbe mirb 



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öörgertugenb. 113 

bie 2Belt regiert b. h- bort, burd) eine fromme, ernfte unb 
bo<h ttebeüoflc Ziehung machfen bie SWenfchen auf, bie 
fpäter einmal ben (Sinflufc auf bie Regierung ber 2Belt 
haben. 

So forgen mir für bie Sufunft inbem, mir für bie ©e= 
genmart arbeiten, mir pflanzen 23äume, obgleich mir felbft 
nicht mehr ir)re fjrüc^tc genießen, aber unfere ^inber unb 
©nfel jehren baoon. ©efegnet fei jeber, ber folgen Saum 
pflanzt für fein £au§ unb für fein SBolf. 

Da§ fönnen aber nur geute tr)un, bie nid)t ba§ 3^re 
fu^en; nid)t ic)re (5f)re unb ihren $ortr)eil, fonbern felbftloS 
an ba§ ©rofee unb ©anje benfen unb ihre $raft unb 3eit 
in ben SMenft be3 2kterlanbe§ fteüen. 3m Horben unfereS 
SaterlanbeS, ba mo bie Sftorbfee an bie ßüfte unb an bie 
<Dünen fchlägt, unb oftmals bie glutt) hereinbrechen unb baS 
Sanb uerberben miU, gibt e£ ein &mt, ba§ mau baS 25eich- 
grafenamt nennt. £>ie Sräger biefeS 2lmte3 l)aben bafüv $u 
mad)en, bafe bie §lutt) nicht bie Sämme jerftöre. Sarum 
machen fte ftd) oft in fitller 3Rttternad)t auf, namentlich bei 
hoch gehenber gluth unb flauen nach, ob irgenbmo ber 
Stamm reiben mill. 2)ann nehmen fte Steine, Stroh unb 
oft auch Leiber ben 3ftifj $u oerftopfen, unb manchmal höben 
fte fich mit ihrem eigenen Selbe hineingelegt bis enblid) £ülfe 
fam. Solche Banner thun uns auch notf) für unfer SSolf. 
SBo bie ^luth ber &\t alte gute Sitte einreiben, unb baS 
@efe£ burd)bred)en mill, ba müffen fte ftcf) aufmachen, unb 
in ben föifc flehen unb in felbftlofer Eingabe bie Erbgüter 
thre§ SolfeS $u retten fudjen. 

SSicIc SRänner höben mohl ©aben, SSerftanb unb Äraft; 
aber bamit ift es allein nicht gethan. Sie müffen ein £er$ 
für baS 2?oIf hoben, unb ihre ©aben unb Äräfte, ba§ $funb 
baS ihnen anvertraut ift, oermenben unb in ben Sienft ihrer 

3?ür,}erred)t unb ^ür^ertucjenb. 2. KufL 8 



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114 Butter SJeil. 

aSoIfSgenoffcn fteKen. $)a§ ift ber rechte beutfdje ©emeinfmn. 
2)arum: 

9ln$ Stotertcmb, and t^eure fd)lte& bic^ an, 
2>ort finb bie ftarfen Söuraeln betner färaft! 



5. SBtenfdjenlie&e unb SBo^ltyfttgteit. 

©bei fei ber Sftenfdj 
-frülfreid) unb gut. 

2)a§ ift gemifc ein mahre3 Bort, unb ba§ &nbere ift 
ebenfo mahr: bafe ein 5ftenfd) nur fo Diel merth ift, als er 
Slnbern im Seben gemefen ift. ©in 9ftenfd) ohne Siebe, 
ohne SSarm^ergigfeit, ohne gntereffe für Rubere, ein OTenfd), 
ber nur ftd) felber fennt, ift fein magrer 2ttenfch unb Der* 
leugnet eigentlich ben ÜRenfäen im üflenfehen. 2Bir ftnb 
Don 9latur nid)t $u (Sinfteblern geboren unb gefd)affen, bie 
in SßalbeSeinfamfeit ftd) felber leben, fonbern gleich üon ©e= 
burt an ftnb wir in eine SBelt gefteUt, in melier giner beS 
8nbcrn bebarf, unb ßiner auf ben &nbern gemiefen ift. @o 
wirb baS iftnb üon ben (Sltem gepflegt unb gehegt; in feiner 
£ülfloftgfeit ift ja ber Sftenfd) fd)limmer bran, menn er auf 
bie ÜKklt fommt, als irgenb ein anbereS ©efchöpf. &uf 
Siebe unb §ülfe ift er gemiefen, baS foU er ftd) fürs fpätere 
Seben fagen. 2)enn „was man ift, baS banft man &nbern". 
SSaS märe aus fo manchem gemorben, l)ätte er md)t treue 
Altern gehabt unb Selker, bie ihn mit ©ebulb unb Gnnftdjt 
grofc gebogen unb unterrichtet; märe er nid)t in Berührung 
mit eblen 2ftenfd)en gefommen, bie auf ©etft unb ®emüth 
getüirft! (SS gibt nichts DebereS, als einen 2ftenfd)en, ber 
ba meint, er hätte anbern nichts, aber ftd) felber alles §u 
banfen. 2)aS gibt bann bie hörten OJienfchen in ber SBelt, 



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23ürgertugenb. 



115 



bie baS fauberc 2Bort im üftunbe fuhren: „3eber ift fidj 
felbft ber 9iäd)fte" unb „Selber effen macht fett". 5)aS ift 
ber Sinn beS erften SBrubermörberS, ber fagte: „Sott idj 
meinet 23ruberS £üterS fein?" 

^Dagegen ift unS ein anbereS 23ilb oor bie Seele ge- 
malt, baS beS barmherzigen Samariters. @r geht nicht 
vorüber an bem unter bie üRörber gefallenen, rjalbtobtge* 
fotogenen, fonbern fteigt hinab gu ihm unb öerbinbet ihm 
feine SBunben, fefet ihn auf fein Styer unb ruht nicht, bis 
er ihn in ber Verberge untergebracht unb öerforgt f)at. (5r 
fragt nicht roefe StanbeS, roeld)eS SSolf e§ f welcher Religion 
ber arme ÜRenfdt) fei, fonbern eS ift ihm genug, bafj eS ein 
Sftenfch ift, ber feiner £ülfe bebarf. @r rjält ihm feine 
[Reben über feine Bunben, fonbern er öerbinbet fte ihm, er 
hilft i^m mit ber ©efafjr feines eigenen Sebent 28ie leicht 
fonnte eS ja geschehen, bafe bie ÜRörber noch * m Hinterhalt 
auf ein neues Dpfer lauerten, $riefter unb Seüite, bie fehr 
gut unb fd)ön oon Siebe unb Sarmheqigfeit ju reben mußten, 
fdjonten ihrer felbft unb begnügten fid) ben SSernrnnbeten gu 
fehen, aber geholfen haben fte ihm nicht. Sn biefem ®leid)= 
nife ift barum uns bie Antwort gegeben, roer unfer $äd)fter 
fei: nemlich icbcr SDlenfd), ber unfrer Hülfe bebarf, unb bem 
toir ber 3täd)fte ftnb. ®te Siebe allein macht unfer Seben 
reich, unb roer nid)t giebt, ber oerarmt inroenbig. 2lrm 
gefpart hat ftd) fchon mancher, arm gegeben noch feiner. 
2)aS Bort beS 2)id)terS hat barum fRedfjt: 

Wann mit augefnopften Safdjen, 
2>ir tljnt 9Memanb raaö 31t lieb! 
£anb tuirb nur burd) £>anb geroafdjen, 
Senn bu netjmen roillft, fo gib! 

3um ©elb erwerben gehört Steife, 311m ©elb fparen Älug* 
heit, aber um es gut anjuwenben unb recht auszugeben, 

8* 



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116 



3n>etter $f)cU. 



ba$u gehört Siebe. SSer ftd) nid)t betrögt als @claüe 
feines §ab unb ©uteS, ftd) nid)t als (Stgentljümer anfterjt, 
als ob er barüber nad) freiem belieben fd)alten unb malten 
tonnte, fonbern als £auSl)aUer, ber 3fted)enfd)aft barüber ge* 
ben mufe, ber toirb baffelbe nicrjt bloS für fl<f), fonbern aud) 
für anbere brausen. @o eilt benn ÜRenfcrjeniiebe unb 2Borjl= 
fätigfeit $unad)ft ber ^rtnuf unb 9ßof ju £ülfe. ©ott 
t)at bie ©üter biefer SBelt oerfdjieben ausgefeilt, unb Wirme 
unb 3Retd)e wirb e$ immer geben. 3)ie geute, bie öon einer 
©leid)f)eit alles 23eftfceS träumen, ftnb tl)örid)te ©djmärmer. 
2)enn memt man aud) alles @ut eines SSolfeS, gleid)mä&ig 
unter alle feilen mollte, fo bafc jeber fo Diel Ijätte als ber 
anbere, man mürbe nad) einem 3ar)re mieber feilen muffen, 
meil bie geute eben an SSerftanb, an Sreue unb ftleife unb 
6parfamfeit nidc)t gleich ftnb. Sftein, (Stner muft für ben 
Slnbern einfielen unb Reifen, benn mir ftnb ©lieber an 
einem Seibe. Sin biefem ift ja nid)t alles Äopf unb §erg 
unb 5ttagen, £anb ober $ufe, fonbern jebeS ©lieb Ijilft bem 
anbem, unb fjat feine befonbere ©abe unb Aufgabe. 60 
läfet mabre Siebe ben armen trüber nid)t barben unb fpridjt 
nidjt ju if)m: ©ott tröfte bidj, unb näfyre bid) — fonbern 
fte meifc, bafe jte bie £anb ift, burd) meiere ©ott gibt unb 
üerftcljt ben @prud): ,,93rid) bem hungrigen betn Sörob unb 
bie im (Slenbe ftnb, füf)re in bein £auS; fo bu einen ftadfen* 
ben ftefyft, fo fleibe fn, unb ent$ief)e biet) nid)t öon beinern 
gleifd) unb $lut." 

Unfere Seit bat baS tiefe ©efü^l, bafc iefet 2tlle für 
(Sineu unb (giner für Me flehen müffen. 2)arjer, maS ber 
©inline nid)t fertig bringt, mufc bie ©ejammfeit fun. 
2)arum jtnb alle bie 2lnftalteit jum gemeinen 2Bof)l, aHe 
bie Vereine §ur 2lbf)ülfe ber $of, alle bie ©ejetlfcrjaften, 
bie ftd) ju gegenfeitiger §ülfe üerbinben, freubig ^u begrüben 



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23ftrgertugenb. 



117 



unb an iljnen teilzunehmen, Sßflidjt jebe§ rechten bürgert, 
üftidjt alte 3Kenfd)en fönuen $. 23- SBaifenfinber in ifjrem 
#aufe aufnehmen, tute es ber gottfelige &uguft ^ermann 
granfe folange getfyan, bis er für bie grofee 3<# fri« 
SBaifenljauS im Vertrauen auf ©ott baute, ba£ heute 
nod) ein 2)enfmal feinet ©laubenS unb feiner 3 uüe *ftä)t 
ift. 9tid)t allefönnen mie Johannes galf, ber felbft einft 
ein armer üerlaffener Sunge »ar, unb ben bie $atf)§I)erm 
$u 2)an$ig ergießen liefen, felbft roieber oerlaffene unb Der* 
tt>af)rIoftc ^linber fammeln unb ihnen ein £au§ bauen. (5r 
gebaute beS 2Borte§, tnomit man ihn, als er in bie grembe 
ging, in 2)an$ig entliefe: „gieber Johannes, menn bir einmal 
im geben ein armes, oerlajfeneS $inb öor bie S^üre fommt 
unb e§ bir ttofylgefjt — bann benfe: e£ ftnb bie alten 
tRat^errn üon ©anjig, bie bich bitten: nimm uns auf." 
$ber ba§ fonnen je^t bie Vereine t^un unb miibe Stiftungen, 
unb „fein begüterter foUte aus bem geben gehen, ohne nicht 
gegen ben Stifter be§ ßhriftenthumS feinen 2)anf burd) eine 
Zfyat funb getrau $u fyaben", fagt mit Stecht ber alte 2Banb§* 
becfer 23ote. 2Kan merft e§ \a fo recht beim £obe eines 
5ttenfd)en f toaS if)tn eigentlich ein gutes ©ebäd)tmfe bei feinen 
Mitbürgern unb ÜHitmenfdjen fiebert. S)a pnb eS nicht 
feine ©eifteSgaben unb gäl)igfeiten, feine hohe Stellung ober 
jonft etroaS, jonbern nur baS 9ftaafc ber Siebe, baS er im 
geben geübt. £>aS pnb bie unoertoelflichen ^rdnje, bie man 
Einern auf ben Sarg nieberlegt. Söürben toir nur immer 
im geben einanber fo üiel SSlumen auf ben 2Beg ftreuen, 
als mir Ärän^e auf ben Sarg legen, bann ftüube eS geroife 
beffer in ber SBelt. 

Solche 5Renfc^enliebe unb SBohlthättgfeit aber, toenn 
fle anberS oor ©Ott unb 9tfenfchen einen SBerth haben foü, 
mufe ohne alles ©epränge unb ©IdnjenmoHen oor ben 5Jten= 



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118 



Sroeiter Sljetl. 



fcfjen gefdjefjen. 2)ie rechte #anb foE nid)t Hüffen, ma§ bie 
linfe tfjut. 5ftid)t§ tft üertoerflid^er als au§ feinem 2Bof)ltf)un 
einen £anbel$artifel gu machen, ben man gur <5d)au ftellt, 
mit meinem man einen 23ortf)eil erreichen üriH. «Solche 
^aben ifyren Soljn baf)in. 5)a§ £er§, mit weitem man 
giebt, öerletfjt ber ©abe ben SBertft; fle ift ber (Silberflang 
barin, fonft ift fte bumpfeS unb feigeres Slei. 2)arum 
madjt aud) nidjt bie ©röfee ber ©abe ben SBertf) berfelben 
au3. 3)ie beiben Pfennige ber armen Sßitme maren fo 
toert^, meit jte aus ber %otf)burft , aus treuem ^er^en ge* 
geben waren. 

3n fetteren Seiten Ijat ftd) aud) immer ein opferwilliger 
©inn betüd^rt. 8IS am Anfang biefeS gafjrfjunbertS 9ta= 
poleon, ber eiferne Oranger unfereS 33olfe£, ben $önig unb 
fein §au§ in ben äufeerften SBinfel feines 3fteid)e£ getrieben 
unb überall üßotlj unb Gslenb war, ba Ijaben öiele gamilien 
aus allen ©tänben ifjr lefcteS geopfert. Unb als ber Äönig 
fein $olf rief unb alle famen, fyaben mit ber legten £abe 
jtd) öiele greiwiUige felbft eingef leibet, TOäbdjen öerfauften 
if)re #aare, (Seeleute tieften i^re golbne ©geringe einfc^mel^en 
unb trugen eiferne bafür, aKeS um baS SSaterlanb gu be- 
freien. @o mufe bie allgemeine 2ttenfd)enliebe unb 2Bol)l= 
tf)dtigfeit ftd) befonberS in Seiten ber Stotl} bem ffiaterlanbe 
gegenüber bewahren, fei'S nun in ^rieg^jeit, ober in Seiten 
ber £ungerSnotl) ober anfteefenber (Seuchen. Unöergeffen 
bleibt baS Dpfer beS eblen £er$ogS Seopolb oon 23raunfd)tt)eig r 
ber bei ber Rettung ber Ueberfdjwemmten fein Seben in ben 
glutfjen ber Dber liefe. Unöergeffen auS ber alten Äaifer* 
geit jener Dpfertob §einrid)S oon <§iebeneidjen, ber für $ai* 
fer SÖarbaroffa fein Seben gab. @o fterbe benn nie in unfe= 
rem Solle ber (Sinn für 3Kenf<f)enliebe unb aöofjltfjätigfeit, nie 
ber opferwillige 3Rutlj. (SS gilt bod) baS 2Bort beS 2)id)terS 



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Siirgertugenb. 



119 



Unb fefcei 3f)f nic^t ba3 Seben ein, 

2)a<S Scben rotrb (Sud) nimmer gewonnen fein, 

unb baS Söort beS (SüangeliumS : „Sßiemanb fyat größere 
Siebe, bemt ba§ er läßt fein 2 eben für feine greunbe". 



6. %xtm. 

3m beutfcfyen Sanb gab'S einft einen (Sbelftein; unb 
gan§ ift er aus bemfelben ©ottlob nod) nid)t gefdjwunben — 
ber Ijiefe bie beutfd^e Sreue. 9Jiod)ten anbere Sölfer 
reifere ®aben unb SSor^üge befitjen (wie wir neibloS an* 
erfennen wollen) (SineS fonnte Don unferem beutfd)en SSolf ge* 
rüljmt werben: ba& es ein „treues SSolf" fei unb „beutfd)e 
Streue" war fprüd&wörtltd) geworben. 2)arum fingt aud) 
ein Sieb: 

2)er ölten Sorben ©aterlanb, 
2)em 23aterlanb ber Srene, 
SDir niemals auSgefungeneiS Sanb, 
5)ir roetfy'n mir unö auf3 9teue! 

9ftun gefjfs mit bem SBörtlein £reue, wie mit allen 
fjerrlidjen SMngen, bafe man nid)t mit einem Bort fagen 
fann, was fie alles bebeuten unb fmb. Dber wer will mit 
einem SBorte fagen was ,,©ott, was Siebe, was Sebeu 
fei?" @old)e SBorte faffen eine SBelt in fid). @o iftS mit 
ber Sreue aud). ßannft bu öon einem 2Wenfd)en fagen, 
ba& er treu fei, fo l>a\t bu meljr $u feinem Sobe gefagt, 
als wenn bu ein ganzes 93ud) über feine Sugenben gufammen* 
gefd)rieben Ijätteft. Sitte Sugenben beS 2ftenfd)en unb S3ür* 
gerS ftnb einzelne Sid)tftral)len, aber bie Sreue ift ber 
23rennpunft, in welken fte ftd) alle fammeln. 3Bir wollend 
aber einmal mit etlichen SBorten Derfuc^en, baS 23tlb ber 
Sreue gu malen. 



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120 



Sroetter £f>eil. 



ßunädjft hat bte Sreue t^re 9tertoanbtfd)aft mit bem 
SBortc: Vertrauen. (Sinem treuen 3J?enfd)en traut unb 
üertraut man. (Sin treuer üftenfd) ift alfo bod) gunäc^ft 
ßiner, auf beffen SBort unb Sufage man bauen fann. 
(Sin 5Kann — ein SBort! unb an biefem SBorte mirb feft= 
gehalten unb burd)gef)alten, mag biegen unb brechen, ma§ 
ba »in. „ßnngfeit gefdjmornen ßiben!" <5o ift alfo bie 
Sreue ba§ folibe gunbament im SRenfäen unb man fagt 
barum aud) oon einem treuen 9ftenfd)en: „auf <Den fann 
man Käufer bauen". Käufer baut man aber befanntlid^ 
nid)t auf ®anb. Slber bie Sreue gel)t nict)t blo§ auf ba§ 
SBort unb bie 3 u föge eines 9Jknfd)en, bie er ba ober bort 
giebt, fonbern auf ben gangen 2ftenfd)en mit £er$, 5Jhmb 
unb £anb, auf feine ganje ©eftnnung, mit einem Bort: 
ein treuer 9ttenfd) ift (Siner, auf ben man ftd) oerlaffen fann. 
3)a§ mad)t ben großen, burd)fd)lagenben Unterfcfyieb unter ben 
SRcnfd)en au§, bafc man toofyL mit 3fted)t fagen fann: (5§ giebt 
überhaupt nur ^meiertet 2flenfd)en in ber 2Mt, fo öerfd)ieben fte 
aud) fonft ftnb: „(SrftenS, 9J?enfd)en auf bie man ftd) öerlaffen 
fann, unb zweitens, 2Jknfd)en auf bie man fid) nidjt oerlaffen 
fann". 3)enn alles Slnbere — roie eine§ 2ttenfd)en Verftanb, 
gäfjigfeit unb SBiffen, fein S3eft^ unb feine Stellung finfen 
üötüg in ihrem Berthe, »enn ihm (SineS fehlt: bie Sreue. 

•Run fann ftd) foldje £reue auf allerlei Steife bemähren. 
3unäd)ft gilt e<3, freilid), ba§ ber 2Jtenfd) ftd) felbft treu 
bleibe, bem mag er für heilig, redjt unb gut erfannt hat, unb 
baoon ftd) burch feinerlei $ücfftd)t abbringen laffe. Sljut 
er ba3, fo ift er ein gebrochener !D?enfc^, unb e§ laufen 
leiber ©otte§, Diel foldjer in ber Sßelt mit einem gebrannten 
©emiffen in ber SBelt ^erum. 2Bic mancher ift ftd) felbft 
untreu geworben, feiner ganzen Vergangenheit, toenn ihm 
ein äußerer 33ort^eil geminft ^at, eine @hre ober ein 33eft&. 



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23ürgertugenb. 



121 



£)a ^icfe e§: farjr 1 l)in ©ewiffen, Ueberjeugung unb (Sfjre! 
6old) Anerbieten ift bod) immer ein ©algen, an ben ftd) 
ein 9Kenfd) fyängt. Aber wa§ nü£t ber ©algen, wenn er t>on 
@olb ift, unb man baran aufgefnitpft wirb! €>o fagte einft 
ein beutfd)er Surft, ben man §um ©ibbrud) burd) aUcrlei 
$ortrjeile bewegen wollte: „9ttmmermerjr! (Srjr' unb 6ib, gilt 
bei uns mef)r benn Sanb unb Seut". 

ß$ gilt fobann eine £reue im £aufe gu üben, gegen 
2öeib unb $inb, gegen £au§ unb #eerb. 68 war einft ein 
r)of)e8 Sob, ba8 unfern beutfdjen Sorfatjren gefpenbet warb, 
bafc fte bie gefcfjworene Sreue in ber @rje gelten. Sdjon 
ba§ Serlöbnifc war rjeilig unb wer e§ ofyne rjinreierjenben 
• ©runb brad), mufete au§ ber ^eimatl) fliegen. Unfer SSolf 
fagt ntd)t umfonft: „©etraute Sreue ift bie befte Sreue", 
weil fte ftd) in allen Sagen be£ SebenS, täglich unb ftünb* 
lid) bewahrt; baS 33anb ber Sreue ffilt bie Siebe feft. Bie 
ber Quering Don edjteut ©olb, orjne Anfang unb ©nbe, 
fofl aud) bie Siebe unb üTreue in ber @f)e fein. Auf bem 
gunbament ber §etligfeit ber (Erje, ber Sreue in berfelben 
ruf)t ber Sau be$ (Staates. Sft einmal baS £eiligtf)um ber 
<Sf)e serftört, ift es nid)t weit rjin jutn «Ruin beS (Staates 
unb beS 33olfeS. £>aS lefjrt bie ©efdjtcrjte mit pammenben 
ßügen. 3ft bod) baS §auS, bie gamilie, ein Staat im 
kleinen, unb wer iljn angreift unb jerftört, ber rjat bie Art 
an bie Bürgel beS grofeen Staates gelegt. 3)arum fjat ein 
treuer, beutfd)er 5ftann, ber Surnöater gatjn, mit 3fa<fjt ge* 
fagt: r ,3mmer gerjt oom §auSwefen jebe wafyre, beftänbige 
unb ed)te SolfSgröfje auS; im §amilienglücf lebt bie SSater* 
lanbSltebe unb ber £od)altar beS SSolfStrjumS ftef)t im Tempel 
ber ^äuSltcitfeit. %vlx fte fann jeber leben, er fei reid) ober 
arm, oornerjm ober gering, einfältig ober gelehrt, SKann 
ober 2Beib." 2)arum Sreue bem erjelidjen 23unbe. 



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122 



Broetter Ztyil 



3m £aufe ift aud) bie ^flegftätte ber ßinbeStreue. 
fDort foCL ins junge §er$ hinein bie Sreue als ein 6amen= 
forn gelegt, unb wie in bie junge Vtrfe, ber 9lame ber Sreue 
eingefchnitten werben, bafe fte mit bem Saume wad)fe. TOag 
e§ einer in ber SBelt nodj fo koeti bringen, h at er baS 
©ebot oerlefct: „2)u follft beinen Vater unb beine Butter 
ehren", fo fyat er boef) ben (Schwamm in ben halfen feines 
^aufeS unb ben nagenben SBurm im ©ewiffen. Sie $in= 
bestreue fdjliefet bie Pietät, bie ©anfbarfeit, ben willigen 
©efjorfam unb baS treue ©ebenfen an Vaterhaus unb 2ftut= 
terliebe in ftd). 6in treues $mb trägt bie $of)len, an benen 
eS ftd) am väterlichen beerbe einft erwärmt hat, aud) in 
fein eigenes £auS unb pflanzt fo ben gamiliengeift unb 
(sinn fort, ©in TOenfd) oljne Vergangenheit wirb gumeift 
auch ein 2Kenfd) ohne ßufunft fein. SreueS ©ebenfen ber 
Vorfahren gehört jur £reue, freilich nicht um auf ihren 
Sorbeem auszuruhen, fonbern um ihrem Vorbtlbe nad)su* 
eifern unb ihr Slnbenfen aud) nach bem Sobe $u ehren. 
Unfere beittfdjen Vorfahren erzählten oon einem £erjog, ber 
feinen (Söhnen baS eper^ogthum überliefe, ©in Vormunb follte 
entfeheiben, wer öon ben ^Dreien £er$og fein follte. 2)a 
liefe er ben tobten £er$og auf einen €effel fefcen, gab jeben 
ber 6öhne einen Vogen unb einen $feil in bie £anb, unb 
forberte fie auf na(h bem Vater ju fdjiefeen. 2Ber beS Va= 
terS $er$ träfe, ber follte £er$og fein. 2)er (Srfte f(hofe nnb 
traf beS §erjogS £aupt, ber Breite feinen &rm; ber SDritte 
aber gerbrach ben Vogen unb ben $feil unb fprad): ,,9tacf) 
meines Vaters bergen f^iefee ich nicht". 2)a fagte ber Vor* 
munb: „3)u follft $erjog fein, bu Ijaft beS VaterS £er$ ge= 
troffen." 2)aS ift £reue aud) über baS ©rab hinaus. 

öS gibt fobann eine Sreue in ber greunbfdjaft. 3BaS 
wäre auch ein greunb ohne Sreue unb ohne Verlafe! „2Bof)l 



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Söürgertugenb. 123 

bem, bem ber grofec Söurf gelungen, eines SreunbeS greunb 
ju fein" jagt ein 2Mcf)ter unfereS SBolfeS unb ein anbereS 
Sieb greift: „(Sin getreue« £er$ ju roiffen, ^at beS Sebent 
höchften $reis." &ber einen greunb lernt man Bor allen in 
ber 9tott) fennen. §ier ift bie SBaage, auf roeldjer roaljre 
greunbfehaft gebogen roirb. 2Sie Diele greunbe erroeifen ftd) 
ba als treulos unb unüerläfjlid). SSon fretnben 3Renfdjen ge* 
tdufdjt ju ©erben ift bitter, aber in einem greunbe ftd) tau* 
fchen, bleibt ein @d)mer$ fürt Seben. galten mir barum feft: 

2>er SDRenfd) fjat ntd)t3 fo eigen, 
80 roof)t ftet)t iljm nichts an, 
bafj er £reu eraetgen 
Unb greunbftfjaft galten fann. 

S)ie Jreue aber befcrjrdnft ftd) nicht allein auf ^erfonen, bie 
uns nahe fielen. 6ie mufc ftd) aud) im öffentlichen geben, 
öor allem im Berufe erproben. „2Bo Sreue ift, ba ^ören 
ui$t bloS getoiffe, fonbern alle Säfftgfeiten, aller fehlen* 
brian unb 33erge&licf)feit auf. 2)er ©eift ber £reue erinnert 
uns an 2llleS!" ®arum bleibt bie Sreue bie Sterbe jebeS 
3Dlenfdr)eu, in meinem Berufe er audj fein mag, 00m 9J?inifter 
beS ßaiferS tyxab bis gum geringften SMenftboien. 3)aS 
Vertrauen ruft in ben ©ienft, aber bie Sreue rechtfertigt 
baS Vertrauen, ©a fann man feinen ©tenft öor 2ftenfd)en* 
Slugen thun, auf ben äufjern <§d)ein hin- (Solcher Slugen« 
biener gibt eS genug, bie nur um £of)n unb Slnerfennung 
arbeiten, beren Arbeit taufet unb blenbet, bie aber bei 2id)t 
beferjen, leichtfertig unb oberflächlich ift. £eut$utage fommt 
bie $lage aus allen (5c!en unb (Snben unb aus aHen 23e^ 
rufen, bafe eS fo roenig treue 2Kenfd)en unb Beamte gibt, 
auf bie man ftd) öerlaffen fann. 

£reue Pflichterfüllung fchaut aber nicht auf Sohn, benn 
fte hat ihn in ftch felbft, im guten unbeflecften ©etoiffen. 



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124 



Broetter $f)eil. 



3>nn ftc fragt md)t na<^ ber 5Dlenfd)en Urtfjeil, fonbern fte 
folgt bcm gefchtoornen ßibe unb ber Pflicht allein. 2tu$ 
»o fte $iemanb fteljt unb lo^nt, ift ftc immer auf beut 
$Iafee unb immer biefelbe. 2>on folcher Sreue fagt ber 
©prud): 

ZxtvC ift ein fügtet 23ronnen 
3n tiefem ^elfengnmb, 
Öabt ityn fein Öicfyt ber (Sonnen 
gabt er bod) ieben 9)?unb! 

2Ber aber im ©ertngen unb kleinen nicht treu ift, wirb 
auch im ©rofcen nidjt treu fein. 9Hd)t alle haben biefelben 
©aben empfangen, nicht alle haben fünf Sßfunbe empfangen, 
nicht alle ftnb über ©rofceS unb Mieles gefegt — aber treu 
fann jeber fein, unb foll fein $funb nicht im ©chmeifctuch 
»ergraben. 2luf ben ©rabftein eines ^enfctjen fann man 
barum feine herrlichere ©rabfdjrift fdjreiben als bie: „£)u 
bift über SBenigem getreu geroefen, gehe ein gu Seines £errn 
greube." 

7. ^ebltchfctt 

3Kan hat mit Stecht gejagt: „ein gürft fann wohl einen 
9ftenfd)en gum ©rafen ober 23aron ober gum 5fttnifter, aber 
feinen 2ftenfd)en fann er gu einem ehrlichen, reblichen 9Wann 
machen". ®a§ ftet)t in feines ÜRenfchen ^flacht. 2Bof)l 
lafet ftch öiel burch (Srgiehung unb SSorbilb thun. SBer in 
feiner Sugenb üon feinen Altern bagu angehalten mirb, 
wahrhaftig gu fein, unb aud) nicht bie geringfte Unmahr* 
heit gu fagen, ber mufj eS feinen Altern noch * m ©rabe 
banfen. ©enn baS @prüd)tt)ort bleibt wahr: „2Ber lügt, 
ber fttef)lt," Sügner unb 2)tebe ftnb Oettern gufammen. Sluch 
bie strenge, womit man Übermacht wirb, nichts gu nehmen, 



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23ürgertiigent> 



maS einem nidjt gehört, ben anbern nid)t $u betrügen (tote 
baS oft fd)on im Spiel bei $inbern üorfommt), ift für'S 
fpätere Seben ein Segen. Senn wer einmal im kleinen 
anfangt, wirb im ©rofcen aufhören; tt>er einen Pfennig un= 
red)tmä&igerweife nimmt, wirb aud) einen Sfjaler nehmen. 
SDarum gilt es fdjon in ber 3>ugenb ben Sinn für 2Bal)rf)eit 
unb SRedjt, bie 2ld)tung gegen ben Sefifc beS 9Md)ften ins 
& x b fle^Pan^t &u befommen. 

£eut$utage ift bie Älage allgemein, bafc eS fo Diel 
feljlt an reblidjen Wengen, auf beren Sreue man ^dt)lcn 
fann. 2)enn bie 3fteblid)feit gef)t \a nod) weiter als bloS 
auf £ab unb ©ut, fte ift oielmerjr ber Sinn ber Sreue, wie 
er pd) im täglichen £anbel unb SBanbel, in Slmt unb SBeruf 
in jebem Slugenblicf $u bemetfen l)at. (Sin reblictjer Wenfd) 
wirb feine ^intergebanfen Ijaben, fein 9JJunb wirb nid)t 
anberS reben, als fein £er$ benft. SDarum wirb er mit fei» 
nem Urteil, wenn er barnm gefragt wirb, nie jurücffjalten, er 
wirb ben greunb warnen, wenn er ifjn in ©efat)r pef)t, unb 
aud) wiUig bafür Spott ober geinbfcfjaft auf pd) nehmen. 
(Sinem rebltd)en ^Kenfcrjen jinb aüe frummen 2öege, um etwas 
$u erreichen, oermerpid) unb oerfyafet, er weife eS: „ber gerabe 
2öeg ift immer ber befte". Unb was er nid)t auf folgern 
2Bege erreichen fann, baS lafet er lieber baf)tnfal)ren. 3u 
einem reblid)en ütten(d)en gehört bie Unbefted)lid)feit. 9Kan 
fyat wofyl nid^t mit ganzem Unrecht gefagt: „ bafe jeber 
üttenfd) einen $reiS fyabe, für ben er fid) r)eraebe M . 
£>aS ift ein fjarteS Sßort, aber eS trifft bei fielen $u. 2öie 
Diele pnb efjrlid) unb reblid) gewefen eine lange ßeit, bis 
enbltd) ein $reiS iljnen geboten warb, für ben pe ifjre (5l)rc 
Eingaben unb if)r ©ewiffen! Seber foüte bod) fdr)on foldjen 
guten tarnen fjaben unb im Sftufe ber (Sfjarafterfeftigfett 
fielen, bafc an it)n pd) überhaupt fein berartiger SSerfuct) 



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Breiter ifjeil. 



heranwagt. 2Bir fefyen e§ aber in heutiger Seit leiber nur 
in oft, mie üftänner felbft in höheren Stellungen ben $fab ber 
$eblichfeit unb ß^rlic^feit öerlaffen, unb fei'3 um be3 ©elbe§, 
ober um ber tätye ober um ber SSerforgung ihrer $tnber 
ttiüen, entmeber ba3 fRcd^t beugen, ober jt<h in bie ©emetn* 
fd)aft oon 2flen)d)en begeben, bie ihrer unmürbig ftnb. SBie 
mancher ^at feine eigene fcf)öne Vergangenheit bamit jerftört! 

%üx bie beften S^ecfe bie beften Wittel mahlen, §erj 
unb ©eftnnung fein laffen »ie einen Haren Sergfee, 
ber auf feiner Oberfläche ben Gimmel mit feinen Ster* 
nen unb Sonnen geigt, unb in bie flare £tefe bi§ auf ben 
©runb blicfen Idfet, — ba§ ftnb bie reblidjen Sftenfdhen. 
2luf ber ©arnifonftrche ju $ot§bam fpielt bie ^urmu^r 
bei ber DoHen Stunbe ba§ alte Sieb: „Heb" immer £reu 
unb föebli^feit bi* an bein. fühleS ©rab" — aber jeber 
wahrhaftige 9J?enfd) trägt biefe VLfyx in ftd) unb jeber £eq= 
fdjlag fagt e§ ihut: „Selig ftnb bie reine§ ^er^enS ftnb, 
benn fte merben ©ott flauen" — „unb ben Aufrichtigen 
Iä&t e§ ©ott gelingen". 



8. ©ute Sitte. 

2£ir fchliefcen mit einem Sßorte über bie gute Sitte 
unfere ©ebaufen über bie S3ürgertugenben ab. ©ute Sitte, 
ber Sinn für Slnftanb unb ba§ Sd)ttflicf)e, famt im legten 
©runbe ntd)t gelehrt merben. 3)a3 23efte wirb baöon un- 
bemufet eingeathmet in ber 2uft eines eblen £aufe§. S)a 
lernt ba$ ,ftinb fchon am SSorbilb ber (Sltern, ma§ toaf)re 
©eftttung ift. So Diel man auch 23üd)er über ben „Umgang 
mit 9J?enjd)en" getrieben hat, fte erreichen bod) nie ba§, 
\m$ ein eblc§ £au§ gibt. 



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Sürgertugenb. 



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3um 58erfef)r mit 2Jknfd)en gehört gunddjft eine dufjere 
$orm, bie man nid)t überfpringen barf, unb ein formlofer 
9ftenfd) mirb leicht ein ©egenftanb be3 ©potte§ ober man 
läfet ifjn linfö liegen. 2)a fann 23iele§ angelernt unb an* 
erlogen merben. (Sauberfett in Reibung unb 2Mfd)e, 
gute Sanieren beim 23efud)e unb bei £ifd)e, gute Haltung 
be£ ÄörperS — all biefe 2)inge ftnb gtoar dufcerltdjer -iftatur, 
aber fte laffen bod) auf ba3 Snnere fd)ltefcen. Sin dufcerlid) 
unorbentlid)er 3Kenfd} wirb aud) innerlid) etoaä bauon an 
ftd) tragen. 

SXber l)öl)er al§ ba3 fteljt bie innere ©ejtnnung, bie bie 
(seele ber guten <Sitte ift. @ie geigt ft$ in ber @f)rerbte* 
tung, mit ber man jebem 2flenfd)en begegnet, in ber 2ld)* 
tung, bie man i^m entgegenbringt. $ein Sflenfd), aud) ntd)t 
ber geringfte, mtU oerad)tet fein; jeber foH barum in unferer 
üftdfye ba3 ©efül)l fyaben, bafc toir in iljm ben gottgefdjaffenen 
5D?enf(t)en achten. 3)a§ geigt ftd) gundd)ft in ber §öflidj* 
feit, bie fo leidet be<3 Stabern £erg geminnt. „ÜWit bera 
£ut in ber £anb, fommt man burdj'S gange ganb", fagt 
ein altes, toafjreS @prüd)toort. 2Ber bagegen feinen §ut 
aufbeljdlt unb ifjn oor üftiemanb abgießen toiU, bem fattnS 
roofyl begegnen, ba& iljm berfelbe öom ftolgen Raupte ge* 
fd)lagen totrb. 

(Sngoerbunben ift bamit bie ©anfbarfeit, toie fte gu= 
ndd)ft einem $inbe fo roofjl anfielt. (53 ift eine fd)öne 
6ttte, bafc man bie Äinber anhält, ben Altern nad) einer 
5Kal)lgeit bie £anb gu füffen, als ein Seugnifc unb Beiden, 
bafc fte öon ber milbett §anb it)rer eitern bie ©peife em= 
^fangen fyaben. Unfere gamilienfefte foHten im legten 
©runbe bod) 2)anffefte fein. $eber §öt)eputtft be£ £eben§ 
fteüt unS ebenfotoofjl bie ©üte ©otteS als bie Siebe unb 
5reunblid)fett ber Oftenfdjen oor Kugen, bie uns im geben 



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Broeiter 3$dL 



®ute§ ermiefen, unb unfer £au§ geftüfet $aben. ߧ war 
barum eine fdfcöne (Sitte, menn man beim £au3bau bic 
gefdjmücfte Sanne auf ben ©iebel be§ £aufe§ fefcte, unb ba§ 
#au§ bem grofeen Saufyerm ber SBelt befahl, unb bann 
bem (Sigentfyümer be8 SauS ben (Segen üon oben münfdjte. 
Sie alten Simmer- unb 3ftid)tft)rüd)e enthalten üiel ©ute$ 
unb 2üd)tige§. (Sine fd)öne (Sitte mar'3, unb ift'3 an man* 
c^eu Drten nod) jefct auf bem Sanbe, bafc junge (Seeleute 
am «ipodjjeittage Dor intern £aufe %m\ Säume pflanzen, bie 
mit iljneu warfen unb grünen follen. 3ft bod) eine gamtlte 
md)t blo§ ein £au3, fonbern aud) ein Saum, ber mädjft 
unb ftd) ausbreitet, unter $egen, «Sturm unb Sonnenfdjein. 
2)arum rebet man aud) öom (StammfjauS unb öom Stamm* 
bäum. 

(Sine gute Sitte iffd genrife, wenn im #aufe barauf 
gehalten roirb, bafc man ben Sag mit @otte§ 2öort beginnt 
unb mit ifjm f erliefet ; bafc ber Sonntag gezeitigt mirb unb 
feine unnötige SBerftagSarbeit gefdjieljt, unb aud) bie SDienft* 
Ieute totffen, baf$ man tfynen ben Sftufyetag gönnt. 

Sßofjl bem £aufe aud), mo alles, roa§ im £aufe ge= 
rebet wirb, aud) im £aufe bleibt; too man feinen $latfdj 
bulbet, fein 3ftid)tcn über frembe $erfonen leibet unb ftreng 
auf bie ßfyrerbietung unter einanber l)ält. 

3e lieber man ben ^inbern ba§ £au§ mad)t, befto toe= 
niger merben jte ifjre greube aufwärts fudjen unb am lieb» 
ften gu £aufe fein. 5)a merben fie bann, menn jte fpäter 
Ijinausfommen, ben Sftaafeftab fjaben bei fyremben, ob baS, 
ma3 jte fefjen unb fyören, mit bem ftimmt, mag fte ju £aufe 
an SSater unb Butter gefefyen. 

Sor Willem gilt eS aber, ba§ ftiüe ©lücf im «paufe gu 
finben. Sei Sielen ift ba3 2Btrtl)3f)au§ baS eigentliche £au§ 
gemovben, feiten fefyen bie Äinber ben Sater. Dber bie 



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23ürgertugenb. 129 

ßeute Jüchen baä ©lücf in ber Betreuung unb in ©efeU* 
fd£)aften. 2)a§ öeröbet ba§ £au3. 

2Ber bod) unfer So« $ur Sdjüd&tyeit unb @infad)ljett 
aud) im §aufe bringen fönnte! 2Bic toenig brauet e§ um 
glücflid) in feinen üier $fäf)len }it fein; aber bie meiften 
leben über ifyren 6tanb unb ba§ mad^t fte unjuf rieben, 
toeit bie Littel nid)t reiben. 

„3>a3 £au<3 meine S3urg\ fagt ein englifd)e§ (£prüd)= 
»ort. @o foH e§ fein. 23etx)e^rt öon aufcen unb innen, foll 
brinnen afle§ gepflegt »erben, »a3 gute ©itte, toa§ efjrbar 
unb lieblid), toa3 irgenb eine Sugenb unb irgenb ein 
Sob ift. 6inb uufere Käufer mieber foldje 23urgen, lebt 
in iljnen ber ©etft ber 3ud)t in ber Sitte, bann allein 
fann aud) ba§ grofee £au§ be§ Staaten unb 23aterlanbe£ 
lieber erblühen gu 3ftuf)m unb £errlid)feit. 

£)a$ walte @ott! 



Bürgerrecht unb Sitraertuaenb. 2. VltfL 



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i'f; ' 

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